Hobby-Handwerker Helmut Scharnagl baut in seiner Werkstatt in Krofdorf eigene Drehorgeln. FOTO: LKL
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Hobby-Handwerker Helmut Scharnagl baut in seiner Werkstatt in Krofdorf eigene Drehorgeln. FOTO: LKL

Musikalische Millimeterarbeit

  • vonLena Karber
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Reparaturen für das Heimatmuseum, Nistkästen für den Kindergarten und Pfeifen für das nächste Brotbacken - Helmut Scharnagl nutzt den Ruhestand, um zu handwerken. In seiner Werkstatt in Krofdorf baut der 78-jährige Feinmechaniker sogar Drehorgeln.

Als Helmut Scharnagl anfängt zu kurbeln, wird der Blasebalg betätigt und Luft durch die Röhrchen gepresst. Durch die eingestanzten Löcher in der Notenrolle gelangt sie in einige der 20 Pfeifen, deren Länge wiederum über die Tonart entscheidet: Je länger die Pfeife ist, umso tiefer klingt der Ton, den die Luft in ihr erzeugt. "Das ist ein Wanderlied", erklärt Scharnagl, während eine beschwingte Melodie die Werkstatt erfüllt. Er hält inne und blickt auf die Aufschrift der Notenrolle, die er aus seiner etwa 50-teiligen Sammlung ausgewählt hat. "Es heißt ›Wir sind die Sänger vom finsteren Walde‹", erklärt er knapp. Dann kommt er mit seinen Ausführungen wieder auf die Funktionsweise des Instruments zurück.

Als gelernter Feinmechaniker, der einst für die Firma Middox in Heuchelheim und später für Canon gearbeitet hat, spricht der 78-Jährige mit großer Begeisterung über die technischen Details der Drehorgel. Die Fachbücher, mit deren Hilfe er sie gebaut hat, sind voller Skizzen und Zeichnungen, die einem Laien wie Fragezeichen vor den Augen stehen. Scharnagl bereiten sie keine Schwierigkeiten. "Das ist hier ja alles ganz genau beschrieben", sagt er und zeigt auf die Abbildungen, aus denen vor allem eins hervorgeht: Es ist kompliziert. Und es handelt sich um Millimeterarbeit.

Als Scharnagl 1978 sein jetziges Haus in der Krofdorfer Wiesenstraße gekauft hat, hat er sich in der ehemaligen Schusterwerkstatt im Hinterhof ein eigenes Domizil geschaffen. Ob Drehbank, Fräsmaschine oder Bohrmaschine - hier gibt es alles, was das Handwerker-Herz begehrt.

Manche Maschinen, wie die Drechselbank mit besonders feinen Einstellmöglichkeiten, hat Scharnagl sogar selbst gebaut. Durch das Fenster der Werkstatt blickt man auf eine Außenwand, an der weitere Werkzeuge hängen, die Scharnagl überwiegend auf Flohmärkten gekauft und anschließend restauriert hat. Über 200 Teile umfasst seine Sammlung.

Draußen ist es kalt, doch die Werkstatt ist angenehm beheizt. Seit er 2005 in den Ruhestand gegangen ist, verbringt Scharnagl viel Zeit hier. Zunächst waren es überwiegend alte Wand- und Standuhren sowie Spinnräder, die er repariert hat - und vor ein paar Jahren kamen dann die Drehorgeln hinzu. Drei hat er gekauft und optimiert, drei weitere bereits selbst gebaut. Die vierte, eine Bauchorgel mit seitlicher Kurbel, auf der Aufnahmen vom Gleiberg und von Marburg zu sehen sind, ist gerade in Arbeit. Mindestens ein Dreivierteljahr braucht der 78-Jährige für den Bau einer Drehorgel - je nach Größe jedoch sogar eher länger.

Normalerweise ist Scharnagl in der Wettenberger Seniorenwerkstatt aktiv, die unter anderem schon 40 Sitzbänke für die Kommune gebaut hat. Doch auch jetzt, wo das gemeinsame Handwerken nicht möglich ist, zeigt ein Blick in die Regale seiner Werkstatt, dass dem 78-Jährigen immer etwas einfällt, das er bauen kann. Hier gibt es kleine Vogelhäuschen, die seine Frau Annemarie bunt bemalt hat, sowie Nistkästen für Eichhörnchen, von denen er kürzlich 15 Stück an den Kindergarten geliefert hat. Aus einer Schublade zieht er ein Kinderspiel, das er scherzhaft mit dem Namen "Mensch ärgere dich doch" versehen hat und in einer anderen Schublade sammelt der 78-Jährige, der auch häufig Reparaturen für das Heimatmuseum übernimmt, selbstgemachte Holzpfeifen für die nächste Back-Aktion mit Kindern im Heimatmuseum. "Während das Brot im Ofen ist, müssen die Kinder ja beschäftigt werden", sagt er und lächelt.

Scharnagls Leidenschaft für das Handwerken ist auch im Haus deutlich spürbar. Überall hängen oder stehen alte Uhren und selbst im Vorratskeller werden mehrere alte Spinnräder gelagert. Früher, erzählt Scharnagl, hätten sich solche Reperaturarbeiten noch gelohnt, da habe er die Sachen häufig verkauft. Doch mittlerweile sei das anders. Wieso er das denn dann überhaupt mache? Scharnagl zuckt mit den Schultern. "Irgendwie muss man sich ja beschäftigen", antwortet er lapidar.

Mit dem zeitintensiven Drehorgel-Bau gelingt Scharnagl das besonders gut - denn diese wollen anschließend ja auch zum Einsatz kommen. Zwar gebe es das Drehorgelfestival in Laubach leider nicht mehr, bedauert der 78-Jährige, doch in Linz am Rhein gibt es jährlich und im Schwarzwald alle drei Jahre ein solches Fest. Da ist Scharnagl dann drei Tage im Einsatz und präsentiert in musikalischer Form seine handwerklichen Fähigkeiten.

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