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Valerie Steenken, Sophie Klaus und Louis Vandory (v. l.) wohnen seit Mittwochabend im Hungener Schloss.

Musikalische Kurzzeit-WG im Schloss

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Um sich auf Konzerte am Wochenende vorzubereiten, hat eine Gruppe junger klassischer Musiker für ein paar Tage im Hungener Schloss Quartier bezogen. Sie haben schon in großen Hallen gespielt - trotzdem ist die Episode in Hungen etwas ganz Besonderes.

Berufsmusiker haben einen eng getakteten Zeitplan: Vor Konzerten bleibt meist wenig Gelegenheit, sich mit den Örtlichkeiten vertraut zu machen und beim Proben auf die Akustik einzustellen. Und wenn der Auftritt über die Bühne gebracht ist, verschwinden die Musiker rasch hinter derselben. Enger Kontakt zum Publikum kommt da selten zustande.

In Hungen erlebt eine Gruppe renommierter Nachwuchsmusiker zurzeit, dass es auch anders gehen kann: Sie spielen am Wochenende zwei Konzerte im Kreis Gießen, eines davon im Hungener Schloss.

Das Gebäude ist für sie nicht nur Auftrittsstätte, sondern für ein paar Tage auch Wohnsitz. Als "artists in residence" - also Künstler fernab ihres Wohnorts - sind drei von ihnen am Mittwochabend nach Hungen gereist, die anderen beiden am Donnerstagnachmittag. Vor den Auftritten können sie sich nun in aller Ruhe mit dem Ort vertraut machen und vorbereiten.

Viel von Hungen haben sie noch nicht gesehen, "aber die Innenstadt ist ganz nett", sagt Sophie Klaus. Die junge Cellistin stammt aus München, hat unter anderem in Stockholm studiert und - wie auch ihre vier Mitstreiter - schon diverse Preise gewonnen. Für sie kommt die Episode in Hungen zur rechten Zeit: Am Sonntag reist sie nach London und wird dort ab Montag ein Masterstudium beginnen. Vorher bleiben noch ein paar Tage, die Ruhe in Hungen zu genießen. "Ich finde es schön, manchmal in kleinen Orten zu spielen", sagt Klaus, "man hat dann mehr Nähe zum Publikum, kommt eher in Kontakt als in großen Sälen. Und diese Art von Musik passt einfach zu alten Schlössern und Burgen." Violinist Louis Vandory sieht das ähnlich: "Die Leute haben weniger Hemmungen, einen anzusprechen - und man verschwindet nicht gleich hinter der Bühne in der Garderobe."

Die fünf Musiker haben in München zueinander gefunden, kennen sich mittlerweile recht gut und musizieren teils regelmäßig zusammen. So spielen Louis Vandory und Valerie Steenken als Stipendiaten der Organisation "Yehudi Menuhin Live Music Now" für Menschen, die im Alltag kaum Zugang zu Livemusik haben - etwa in Krankenhäusern.

Als Profis in ihrem Fach sind sie in der Lage, sich ein Repertoire schnell anzueignen - auch wenn sie die jeweiligen Mitspieler vorher nicht kennen. Doch natürlich sei es einfacher, wenn man schon ein Stück weit aufeinander eingespielt ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Künstler in diesen alten Mauern leben, erläutert Dorothea Gundlach, ehemalige Vorsitzende des Freundeskreises Schloss Hungen. Unter anderem habe ein bildender Künstler hier schon mehrere Wochen verbracht. In der Regel seien diese Kurzzeitbewohner aber aus der Region gekommen.

Die Idee, die jungen Musiker für ein paar Tage hierher zu holen, war im vergangenen Jahr entstanden: Violinist Vandory spielte damals in Duo-Besetzung in Hungen und war begeistert von der Atmosphäre. Neben ihm und Sophie Klaus weilen nun sein Bruder Christoph Vandory, (Bratschist und Dirigent), Valerie Steenken (Violine) und die Kanadierin Kate Maloney (Violine) in Hungen. Sie sind in einer Gästewohnung im Schloss untergebracht, versorgen sich dort selbst. Rund 40 Menschen wohnen insgesamt im Schloss, sagt Gundlach.

Den ersten Abend haben die drei zuerst Angekommenen entspannt verbracht und gemeinsam Nudeln gekocht. Bis zum Auftritt am Samstag im "Blauen Saal", der auch für Trauungen genutzt wird, wird nun einige Zeit für die Proben draufgehen. Etwa vier bis sechs Stunden am Tag werden sie damit beschäftigt sein, schätzen die Musiker. Teils üben sie gemeinsam, teils alleine.

An Platz mangelt es nicht. Das weitläufige, ehrwürdige Gebäude mit hohen Decken bietet reichlich Raum für konzentriertes Proben. Und nebenher wird den fünf Musikern auch etwas Zeit bleiben, um die Umgebung zu entdecken. Sophie Klaus hat sich zumindest eine Unternehmung fest vorgenommen: "Wir wollen noch im Wald Pilze suchen."

Um ein Haar wäre bei dem Konzert übrigens ein ganz besonderes Instrument zum Einsatz gekommen: Christoph Vandory ist Mitbegründer des renommierten Goldmund- Quartetts. Diese Musikergruppe erhält nun von einer japanischen Stiftung Originalinstrumente des legendären Geigenbaumeisters Stradivari als Leihgabe - leider zu spät für Hungen. Doch auch ohne Stradivari dürfte das Konzert am Samstag ein Highlight werden - für Zuhörer und Musiker.

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