"Müssen Integration neu denken"

  • vonStefan Schaal
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Migranten sind von der Corona-Pandemie besonders stark betroffen. Das zeigen Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). "Dass Migranten häufiger an vorderster Front der Pandemie im Einsatz sind, das könnte sein", sagt Istayfo Turgay, Dezernent des Landkreises für Integration.

Die OECD hat Zahlen veröffentlicht, wonach es eine systematische Überrepräsentanz von Migranten bei Covid-Fällen gibt. In mehreren Ländern liegt sie doppelt so hoch. Stellen sie eine ähnliche Entwicklung im Kreis Gießen fest?

Ich kann die Zahlen der OECD nicht bestätigen, kann sie aber auch nicht entkräften. Ich habe keinen Einblick, was den Hintergrund der Infizierten angeht. Ich kenne auch die Namen der Infizierten nicht, die kennt nur das Gesundheitsamt. Aber was hätte man auch davon, wenn man die Namen wüsste? Am Ende des Tages sind wir doch alle eine Bevölkerung, die von der Pandemie betroffen ist.

Der Ärztliche Geschäftsführer des Uniklinikums Gießen, Professor Werner Seeger, sagt: "Es sind schon auch viele Patienten mit Migrationshintergrund bei uns". Wie sind solche Aussagen einzuordnen?

Man sollte die Aussage nicht überbewerten. Wir haben ja schließlich im Landkreis Gießen eine bunt durchmischte Bevölkerung, in der zirka 25 Prozent einen Migrationshintergrund haben. Wenn wir eine Zahl von 27 Patienten mit schweren Covid-Infektionen auf der Intensivstation ins Verhältnis setzen, dann bedeutet das, dass jeder vierte von ihnen einen Migrationshintergrund haben müsste. Daher ist die Äußerung von Dr. Seeger relativ.

Die OECD weist darauf hin, dass Migranten häufig in Branchen arbeiten, die besonders betroffen sind, in engen Wohnverhältnissen leben und in Zeiten der Pandemie oft an vorderster Front im Einsatz sind. Jeder fünfte Arzt in Deutschland ist Migrant.

Ärzte und Pflegekräfte gehören zur Risikogruppe. Einer meiner besten Freunde ist Arzt, er ist aus Syrien und erzählt mir immer: Bevor du dich infizierst, hab’ ich mich schon zweimal angesteckt. Dass Migranten häufiger an vorderster Front im Einsatz sind, das könnte sein.

Eine weitere Erkenntnis der OECD: Die unter Corona gestiegene Arbeitslosigkeit entfiel in Deutschland zu 42 Prozent auf Erwerbstätige mit Migrationshintergrund. Ihr Anteil an der Bevölkerung liegt aber nur bei gut einem Viertel.

Wir haben unter den Migranten sehr viele Menschen, die in prekären Arbeitsverhältnissen leben. Kellner, Hilfsarbeiter, Leiharbeitskräfte. Und das erste, was Unternehmen abstoßen, sind Arbeitsverhältnisse, die sie ohne Probleme sofort beenden können. Das ist verständliches unternehmerisches Kalkül, wenn der Umsatz schwindet - leider.

Gehören Migranten vielleicht zu den Hauptleidtragenden der Corona-Pandemie?

Das würde ich so nicht sagen. Weil die Pandemie ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Da kann man das Scheinwerferlicht nicht nur auf eine Bevölkerungsgruppe richten. Gastronomen, Kulturschaffende und Freiberufliche stecken in großen Schwierigkeiten. Geschäfte in den Innenstädten stehen kurz vor der Schließung.

Sie sind Dezernent des Kreises für Integration. Wie schwer ist es, in Corona-Zeiten zu integrieren?

Integration funktioniert stark über den persönlichen Kontakt. Auch ich bin ein Mensch, der das Persönliche braucht. Jetzt aber müssen wir Integration neu denken und uns an die Gegebenheiten anpassen. Menschen, die neu hier leben, sitzen zu Hause, müssen raus aus ihrem Kokon der Unsicherheit. Wie können wir das aufbrechen? Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Antidiskriminierung, und hier bieten wir aktuell unsere Workshops als Online-Lösungen an.

Funktioniert das online?

Das funktioniert gut. Bei den bisherigen Teilnehmern ist das Bildungsniveau und die Bereitschaft für technisch Neues hoch. Ich muss gestehen, dass wir die Integrationsmöglichkeiten der letzten Jahre derzeit nicht einhalten. Wir haben im Dezernat noch keine Lösung gefunden, aber diskutieren die Möglichkeiten und werden aller Voraussicht die Angebote entsprechend den Erfahrungen aus der Antidiskriminierungsarbeit anpassen. Es ist unheimlich schwierig, aber wir sind guter Hoffnung, dass es wieder besser wird.

Welche Aufgaben kommen derzeit zusätzlich durch Corona dazu?

Wir übersetzen Allgemeinverfügungen und Hygienevorschriften in die Sprachen Arabisch, Englisch, Farsi, Kurdisch und Türkisch. Seit dem Ausbruch der Pandemie arbeiten wir eng mit dem Verwaltungsstab, der mehrmals wöchentlich im Landkreis tagt zusammen. Und wir haben die Integreat-App, die wir regelmäßig pflegen. Wir veröffentlichen die Informationen an die Migrantenvereine und Organisationen digital und in Printform, schicken diese auch an alle Kommunen mit der Bitte, sie auszuhängen und auszulegen, damit wir so viele Bürger wie möglich erreichen.

Erreichen die Corona-Regeln Migranten wie zum Beispiel Ihre Mutter?

Meine Mutter ist über 70, kann weder lesen noch schreiben. Sie kam zu einer Zeit nach Deutschland, als Integrationspolitik noch stiefmütterlich behandelt wurde. Aber wir reden natürlich über Corona und die Regeln. Sie erfährt sie über uns, die Kinder. Meine Mutter schaut auch deutsches Fernsehen. Was uns Aramäer und Assyrer angeht: Wir haben kein eigenes Land, die aramäische Sprache ist nur eine Liturgiesprache und somit ist die deutsche Sprache auch im Alltag die erste Sprache. Durch diesen Hintergrund erreicht man den größten Teil der Aramäer und Assyrer, die anderen erreichen wir mit den Informationen in arabischer oder türkischer Sprache. Und da die Pandemie ein weltweites Problem ist, wird auch in den ausländischen Medien über Corona intensiv berichtet.

Vor ein paar Tagen haben Sie die syrisch-orthodoxen Gemeinden in Pohlheim besucht, gemeinsam mit Dr. Anja Hauri, der Sachgebietsleiterin für Hygiene beim Landkreis. Wie lief das Treffen ab?

Als in Pohlheim die Inzidenz so rasend angestiegen ist, habe ich die Entscheidung getroffen, mich mit den Gemeinden zu treffen. Im Landkreis Gießen leben rund 6000 Menschen mit aramäischen und assyrischen Wurzeln. Frau Dr. Hauri hat Fragen beantwortet. Einer unserer Pfarrer hat gefragt: "Was sollen wir tun - sollen wir die Kirchen schließen? " Ihre Antwort fand ich toll. Sie gesagt: "Ich werde ihnen dazu nichts sagen können. Denn die Religionsfreiheit ist im Grundgesetz verankert. Es ist Ihre Entscheidung."

Die Gemeinden haben dann von sich aus entschieden, ihre Kirchen für drei Wochen zu schließen.

Ja. Die Vorstände waren wegen der hohen Inzidenz sensibilisiert. Schon in der ersten Corona-Welle waren die Kirchen lange geschlossen, auch über Ostern. Einem Pfarrer zu sagen, dass er keine Gottesdienste mehr abhalten darf - das ist wie wenn Sie Uli Hoeneß vom FC Bayern München sagen, dass er nicht mehr an der Börse traden darf ( lacht). Aber Gottesdienste können auch Infektionsherde sein, das hat der Fall in der Baptistengemeinde in Frankfurt gezeigt. Von daher ist das Vorgehen der vier Gemeinden vorbildlich. Die Gemeinden haben nun beschlossen, dass die Kirchen weiter bis zur ersten Dezemberwoche geschlossen bleiben.

Wie voll sind denn sonntags die Kirchen der syrisch-orthodoxen Gemeinden?

Derzeit sind ja keine Gottesdienstbesuche möglich, aber unter normalen Bedingungen ist an vielen Sonntagen die Kirche nicht mal ein Drittel gefüllt. Ähnlich wie in den evangelischen und katholischen Kirchen. Wir haben uns auch dahingehend angepasst. Nach einem Gottesdienst bin ich kürzlich zu der Erkenntnis gekommen: Wir sind Integrationsweltmeister ( lacht).

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