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Die Fays setzen die zarten Gemüsepflanzen in quadratförmige Schlitze einer für den Mulchanbau speziell entwickelten Maschine. »Es ist ordentliche Handarbeit«, räumt Anne Fay ein.

Mit Mulch gegen den Klimawandel

  • VonStefan Schaal
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Der Hof Obersteinberg in Pohlheim und Landwirte in Buseck und Wettenberg nehmen an einem wegweisenden Versuch teil, wie der Ackerbau auf das zunehmend extreme Klima reagieren kann. Erste Ergebnisse der Uni Gießen weisen auf bekannte und überraschende Vorteile des Anbaus mit Mulch hin.

Heftige Gewitter und Niederschläge, extreme Hitzewellen, trockene Sommer - der Klimawandel trifft in aller Härte vor allem einen Wirtschaftszweig: Ackerbauern.

Landwirtin Anne Fay, Schwägerin Tabea und weitere Familienmitglieder vom Hof Obersteinberg in Pohlheim laufen über einen 2500 Quadratmeter großen Ackerschlag am westlichen Rand Watzenborn-Steinbergs. Es ist Ende Mai vergangenen Jahres, sie pflanzen Hokkaidokürbisse, Weißkohl und Zuckermais an - allerdings auf ungewöhnliche Weise. Es ist ein Versuch, auf den Klimawandel zu reagieren. Und das auf drei Jahre ausgelegte, von der Uni Gießen begleitete Experiment zeigt inzwischen erste vielversprechende Erkenntnisse.

Ungewöhnlich an der Ackerbauweise der Fays ist eine sieben Zentimeter dicke grüne Schicht auf dem Feld, in die sie ihr Biogemüse pflanzen. Es ist geheckselter Mulch aus Grünschnittroggen, Wintererbsen und Wickroggen, von September bis Mai an dieser Stelle angebaut. Die Fays setzen ihre zarten Gemüsepflanzen nun in quadratförmige Schlitze einer für den Mulchanbau speziell entwickelten Maschine, diese drückt die Jungpflanzen dann zwischen den Mulch in den Boden. Die Landwirte wässern anschließend die Oberfläche, danach gehen sie weiter, Schritt für Schritt, Pflänzchen für Pflänzchen.

»Es ist ordentliche Handarbeit«, räumt Anne Fay ein. Doch seit der ersten Ernte des Anbaus mit Mulch im September vergangenen Jahres stehe fest, dass sich der Aufwand lohnt. »Der Sommer 2020 war ja extrem trocken«, erklärt sie. »Ohne den Mulch wäre die Ernte wesentlich schlechter ausgefallen.« Fay ergänzt: »Die Schicht hält Wasser besser im Boden und unterdrückt Unkraut.«

Bryan Dix vom Institut für Pflanzenbau und Pflanzenzüchtung der Uni Gießen kann dies mit ersten wissenschaftlichen Ergebnissen belegen. Er begleitet den Bioanbau mit Mulch auf Ackerflächen der Fays, des Sonnenhofs in Buseck, des Biohofs Stroh in Wettenberg sowie auf Feldern in Braunfels und Reichelsheim - und hat die Gemüsearten zum Vergleich auf einem Kontrollfeld in Gießen ohne Mulch angebaut.

Beim Anbau mit einer Mulchschicht und dem späteren zusätzlichen Nachstreuen mit Mulch hätten die Landwirte beim Hokkaidokürbis 39 Prozent mehr Ertrag erzielt als auf der Kontrollfläche in Gießen, berichtet Dix. Auf den Flächen mit Mulch habe man in den trockenen Monaten im Juni und im Juli vergangenen Jahres außerdem »eine signifikant höhere Bodenfeuchtigkeit beobachtet«. Auf Versuchfeldern ohne Mulch, die nicht bewässert wurden, habe man aufgrund der Sommerhitze überhaupt keinen Ertrag erzielen können.

»Der Much schützt den Boden vor Wasserverlusten«, die Schicht führe außerdem zu einer langsameren Bodenerwärmung und könne so dauerhaft geringere Humusabbauraten durch Bodenorganismen hervorrufen. Dies trage zu einer Verbesserung der Ackerfläche bei, die dann bei schweren Regenfällen mehr Wasser aufnehmen könnte.

Der Anbau mit Mulch sei aufwändig und platzraubend, gesteht Dix. Die Pflanzen, aus denen der Mulch hergestellt wird, werden selbst angebaut und blockieren zwischen Oktober und Mai Ackerfläche. Das Potenzial für die Landwirtschaft aber sei hoch, betont Dix, dessen Forschungsprojekt von der EU und vom Land mit Geldern in Höhe von 400 000 Euro gefördert wird.

Dix hat derweil weitere erste Erkenntnisse beim Anbau mit Mulch festgestellt: So seien die geernteten Hokkaidokürbisse zum Beispiel tendenziell größer als die Früchte auf dem Vergleichsfeld. »Und einen Effekt können wir uns noch nicht komplett erklären«, erzählt Dix. So sei das Gemüse mit Mulchanbau von Schädlingen weitgehend verschont geblieben. »Beim Kohl haben wir Eier und vereinzelte Raupen des Kohlweißlings gefunden, aber keinerlei Schäden an den Kohlköpfen festgestellt.« Der Agrarwissenschaftler sagt: »Vermutlich weil die Mulchschicht Käfern und Spinnen, die Schädlinge fressen, ein Habitat bietet.«

So weist Dix auf weiteren Forschungsbedarf für den Anbau mit Mulch hin - auch wenn vor allem im kleinen Bereich der Vorzug von Mulch für die Bodenfeuchtigkeit bekannt ist. »Eigentlich ist das ein altes Verfahren«, sagt Anne Fay. »Meine Oma hat in ihrem Garten schon mit Mulch gearbeitet.« Im Ackerbau hätten dafür aber bis vor wenigen Jahren die Maschinen gefehlt. »Auf größeren landwirtschaftlichen Flächen war das bisher nicht möglich.« FOTOS: PM/SRS

Geöffnet ist donnerstags von 14 bis 18, freitags von 10 bis 18 und samstags von 10 bis 13 Uhr.

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