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»Mit kleinen Ideen viel erreichen«

  • VonStefan Schaal
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Sie spenden in der Corona-Krise Tausende Masken und Desinfektionsmittel, pflanzen Bäume in Lindens Stadtwald, entfernen einen Schandfleck am Ortseingang und initiieren vor einer Kita den Aufbau einer Smiley-Geschwindigkeitsanzeige. Wer steckt hinter der im Kreisgebiet einmaligen Gruppe »Wir tun was« in Linden?

Gefährlich schmal ist der Bordstein vor der Kita der »Mäuschen« in Großen-Linden schon immer. Die Hoffnung auf seit Jahren angedachte Maßnahmen, um Autofahrer an die Geschwindigkeit von 30 km/h zu erinnern, war beinahe erloschen, bis sich Anfang Juli an der Straße plötzlich etwas getan hat: Eine Smiley-Geschwindigkeitsanzeige wurde aufgebaut. In die Wege geleitet hat dies eine private Gruppe: »Wir tun was Linden«.

Der Aufbau sei »unbürokratisch« geregelt worden, hieß es in einer Pressemitteilung. Die Gruppe »Wir tun was Linden« habe Firmen angesprochen und Angebote eingeholt, die Kosten für die Anlage trage letztendlich die Stadt.

Seit nun zwei Jahren ist immer wieder von Aktionen der Gruppe »Wir tun was Linden« zu lesen und zu hören: Die Mitglieder haben Tausende Masken und Desinfektionsmittel an Arztpraxen, Pflegedienste und Schulen gespendet. Sie pflanzen Bäume in Lindens Stadtwald. Kürzlich haben sie dafür gesorgt, dass hässliche Müllcontainer am Ortseingang von Großen-Linden versetzt und beseitigt worden sind. Als diese Zeitung kritisch zum Beispiel über die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen gegen Lindens Bürgermeister Jörg König berichtete, beschwerte sich ein Mitglied der Gruppe per SMS über »extrem viel Negatives gegen König«. Und so drängt sich die Frage auf: Wer steckt eigentlich hinter der Gruppe?

Drei Lindener, alle um die 50, stehen vor dem Rathaus, es ist Freitagmorgen, kurz nach 9 Uhr. Einer von ihnen hebt gleich zu Anfang des Gesprächs hervor: »Wir sind nicht das zweite Ordnungsamt der Stadt.«

Sie seien schlicht Freunde, die etwas für die Menschen in ihrer Stadt tun wollen, erklären Uwe Carsten Pfeiffer Geschäftsführer einer Autowerkstatt, sowie Jürgen Sievers und Christian Schmidt, der für die CDU im Lindener Stadtparlament sitzt. Zu der Gruppe gehört außerdem Stephan Schnabel, Geschäftsführer eines Abschleppdienstes.

In einem Zeitungsbericht hieß es kürzlich, auch Bürgermeister König sei Mitglied. Dies sei aber nicht richtig. »Wir treffen uns hin und wieder mit ihm, um zu erörtern, welche Ideen und Vorschläge der Gruppe realisierbar sind«, berichtet Sievers,

»Wir wollen uns für alle Lindener einsetzen und gegen Missstände kämpfen«, erklärt Sievers, der »Wir tun was Linden« vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat, weiter. Man verstehe sich als Helfer und Unterstützer der Stadt. Einen Verein wolle man dabei nicht gründen. Jeder könne sich mit Anregungen an die Gruppe wenden. »Wir versuchen dann, das Problem mit der Stadt gemeinsam zu lösen.« Pfeiffer fügt hinzu: Es gehe ohne jeglichen Hintergedanken darum, die Stadt attraktiver zu machen und Menschen zu helfen.

Aktiv wurde die Gruppe kürzlich, als es um die Beseitigung eines Schandflecks am Ortseingang ging. Wer nach Großen-Linden fuhr, wurde jahrelang von Müllcontainern neben einem hölzernen Willkommensschild begrüßt. Planer, die sich Gedanken über die Zukunft der Stadt Linden im Jahr 2036 gemacht haben, wiesen bereits vor vier Jahren auf die Container hin, doch lange Zeit tat sich nichts. Man habe sich daher mit dem Bürgermeister und dem Leiter des Ordnungsamts unterhalten, erzählt Sievers. »Einen Tag später hat die Stadt Linden den Platz gesäubert.«

Zwei Monate später habe man außerdem erreicht, dass die Abfallcontainer für Glas mehrere Meter nach hinten versetzt und ein Altkleidercontainer entfernt wurden. »Wenn man etwas erreichen will, muss man Gas geben«, sagt Schnabel.

Sie stünden mitten im Leben, durch ihre Kinder seien sie mit der Situation für Familien sowie in Kitas und Schulen vertraut, erklärt Pfeiffer, daher habe man im Vergleich zur Stadtverwaltung andere Perspektiven. Derzeit bereiten sie das Aufhängen von Bannern an Straßen in Linden vor, um beim Schulstart Autofahrer zu Vorsicht aufzurufen.

An Ideen mangelt es den vier Lindenern nicht, Gelder, erklären sie, beschaffen sie zum Teil aus eigenen privaten Mitteln. Vor wenigen Wochen haben sie Pflegekräften im Seniorenzentrum einen 750 Euro teuren Kaffeevollautomaten als Wertschätzung für die geleistete Arbeit übergeben. Sie tun Gutes - und reden darüber. Im kommenden Jahr wollen sie in Zusammenarbeit mit der Stadt Blühwiesen für den Erhalt von Insekten ins Leben rufen.

In Zeiten, in denen viele über Bürgermeister, Gemeindeverwaltungen und Politiker eher schimpfen und jammern, ergreifen die vier Lindener Initiative. »Du kannst mit solchen Aktionen sicher nicht die Welt retten«, sagt Schmidt. Pfeiffer fügt hinzu: »Aber wir haben gemerkt, dass wir mit kleinen Ideen viel erreichen können.«

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