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Die Arktis ist in den vergangenen Jahrzehnten zum »Hotspot« des Klimawandels geworden. Sie erwärme sich mehr als doppelt so schnell wie die restliche Welt, heißt es. Im Interview beschreibt der in Nieder-Ohmen aufgewachsene Astrophysiker und Fernsehmoderator Harald Lesch, was wir alle gegen den Klimawandel tun können.

»Mit einer Katastrophe macht man keine Kompromisse«

  • Burkhard Bräuning
    VonBurkhard Bräuning
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Vielleicht haben Menschen, die sehr oft die Serie »The Big Bang Theory« geschaut haben, ein völlig falsches Bild von Astro- physikern. Aber nicht nur sie. Physiker, so vermutet man gemeinhin, denken über das große Ganze nach, experimentieren, forschen und schreiben schlaue Bücher. Aber es gibt auch andere. Harald Lesch zum Beispiel. Er ist ein Fernseh-Star.

Weil er Physik allgemein erklären kann. Klimawandel ist das Thema, das ihn seit Jahren umtreibt. Wir haben ihn danach gefragt, ob die Welt noch zu retten ist - und was wir alle tun können, damit es nicht noch schlimmer wird.

Herr Lesch, steht die Welt vor schweren Zeiten?

Offensichtlich. Wir sind mittendrin. Sibirien brennt, Kalifornien brennt. Es ist überall wahnsinnig heiß. Es sei denn, es schüttet wie aus Kübeln. Dabei verhält sich die Natur nicht bösartig, sondern einfach nur logisch. Die Bedingungen haben sich verändert - und dadurch kommt es zu solchen Extremwettersituationen.

Wie weit ist der Klimawandel fortgeschritten?

Wir können nicht mehr vom Klimawandel reden, sondern von der Klimakatastrophe. Mit einer Katastrophe macht man keine Kompromisse. Die Klimakatastrophe ist real, wir sind daran schuld. Die Fachleute sind sich einig. Sie ist gefährlich, aber wir können noch etwas tun. Warum tun wir es nicht? Fakt ist: Es kommt jetzt auf uns alle an.

Was kommt auf uns zu?

Das muss einfach klar sein: Die fetten Jahre sind vorbei. Was jetzt auf uns zukommt, werden anstrengende Jahre sein. In vielerlei Hinsicht. Vielleicht werden es auch Jahre, in denen wir gesellschaftlich wieder viel mehr zusammenfinden. Nachdem wir Jahrzehnte des Individualismus hinter uns haben, spüren wir jetzt, wie bei so einem Ereignis wie in der Eifel: Solidarität ist das Einzige, was uns in so einer Situation tragen kann. Es muss natürlich auch Geld her - aber wenn die anderen dich nicht mal in den Arm nehmen, obwohl du alles verloren hast, dann wäre alles zu spät. Aber es sind Menschen da, die helfen. Das wird mehr ändern als Vorträge von uns Wissenschaftlern. Jetzt sind alleine im Ahrtal 42 000 Menschen betroffen. Das ist eine unglaubliche Katastrophe.

Was müssen wir tun?

Wir müssen uns auf diese Dinge einstellen. Wir brauchen Klimaanpassung. Katastrophenschutz gehört mit dazu. Wir müssen eine wahnsinnige Energiewende hinlegen. Da appelliere ich auch an die jungen Leute, daran zu denken, dass die Energiewende der Jobmotor der Zukunft ist. Sie werden damit ihren Lebensunterhalt verdienen und ihre Familien ernähren. Wir müssen mehr Handwerk haben und weniger Tastaturmenschen, die glauben, vor dem Flachbildschirm würde sich die Welt abspielen. Die müssen rein in die Wirklichkeit. Ich sehe als große Bedrohung für die Demokratie, dass wir es nicht schaffen, den Mittelstand so aufrechtzuerhalten, dass er als wichtige Säule einer demokratischen Gesellschaft erhalten bleibt.

Bis jetzt tut sich ja eher wenig ...

Das stimmt leider. Ich frage mich: Wie kann das sein, dass Deutschland nach einer solchen Katastrophe an der Börse weitermacht wie bisher? Wieso haben die nicht mal einen Tag aufgehört? Und erst einmal geschaut: Was können wir denn machen? Die machen nichts. Die denken immer nur an sich. Dieses Geschäftsmodell »Me, myself and I« - wenn wir das nicht wegschmeißen, sehe ich wirklich schlimme Zeiten auf uns zukommen. Wir brauchen Genossenschaften für die Energiewende, und wir brauchen mehr Gemeinschaft, um die Herausforderungen, die da kommen, zu meistern. Im Vogelsberg - bei Leuten, die in den Dörfern leben - ist das ins Erbgut geschrieben. Da hilft man sich. Man kennt sich.

Wie wird unsere Region denn betroffen sein?

Wir werden eine Flucht aufs Land bekommen, weil kein Mensch die Lebenshaltungskosten in den großen Siedlungsräumen mehr bezahlen kann. Gegenden wie der Vogelsberg werden enorm davon profitieren. Es ist schön dort, und es gibt gewachsene und gehaltene Dorfstrukturen. Und ich glaube, dass das ganz wichtig ist. Es ist wichtig dabei, daran zu denken, eben nicht bei einem anonymen Investor zu kaufen, sondern beim Handwerker vor Ort. Denn der Handwerker unterstützt den Sportverein - oder hilft, wenn der Gesangverein eine Kirmes macht. Es geht darum, dass alles das, was in den 1960er und 70er Jahren wirklich geblüht hat, nicht unbedingt zum Leben erweckt, sondern neu erfunden wird. Das halte ich für ganz wichtig.

Wird die Infrastruktur denn da Schritt halten?

In der Kirche in Nieder-Gemünden habe ich mal einen Vortrag gehalten und über Fluchtursachen erzählt. Ich habe die Leute aber auch gefragt, was sie aus den Dörfern gemacht haben. Warum gibt es keine Metzger, keine Bäckereien oder keinen Einzelhandel mehr? Früher hatten die Leute viel weniger Geld. Und trotzdem haben diese Läden alle gelebt. Heute gibt es nicht einmal mehr eine Kneipe. Offenbar sind alle zu Hause und trinken da. Und die Getränke kaufen sie beim großen Discounter. Ich habe gesagt: »Ihr seid für den Zustand eurer Dörfer selbst verantwortlich.«

Was können die Menschen in der Region denn ganz konkret tun?

Ich war zuletzt mit einem guten Freund in Erfurt zum Thema Klimawandel und Gesundheit unterwegs. Nach dem Vortrag kamen Fragen. Die Leute wollten wissen, was sie machen sollen. Ich habe gesagt, sie sollen vor Ort Klimaprojekte starten, die man umsetzen kann. Photovoltaik auf die Dächer der Schulen zum Beispiel. Und dann muss gefeiert werden. Dann schauen wir nach vorne und überlegen, was wir als Nächstes machen. In einem Hauruckverfahren alles machen, das ist undenkbar.

Das wird ein langer Ritt...

Ja, aber es gibt diesen Satz: »Auch die größte Reise beginnt mit dem allerersten Schritt.« Das Schlimmste ist, wenn die Leute gar nichts machen. Und nur den Kopf in den Sand stecken. So wird’s nichts. Eine Energiegenossenschaft wäre großartig. Ich bin zum Beispiel Mitglied in einer Energiegenossenschaft im Ilmtal in Thüringen, weil sie mich angeschrieben haben. Sie bauen Photovoltaik-Anlagen und beteiligen sich an Windrädern. Im Vogelsberg stehen schon viele Windräder, aber mir ist das noch viel zu wenig energiegenossenschaftlich. Zum Beispiel kann sich eine Schule beteiligen. Da wird gesammelt, damit die Schule Teil von einer Energiegenossenschaft wird. Da wird eine Photovoltaikanlage auf die Schule gebaut und von der Schule betrieben. Da gibt es eine Aktion, die heißt: Solar für die Schule. Und die Solaranlage auf dem Dach wird zur Lehreinheit. Die Kinder lernen, wie Photovoltaik funktioniert und wie man das baut. Wie der Strom in den Kreislauf kommt. Es gibt unglaublich viele Initiativen.

Sind Sie da selbst aktiv, werben Sie für solche Aktionen?

Ich habe zusammen mit meiner Frau die Initiative »Klimawandel für die Schule« gestartet. Da haben wir einen Klimakoffer dabei, damit wir den Kindern etwas zeigen können.

Müssen wir alle nicht erst einmal verstehen, dass wir selbst eine Mitschuld tragen?

Ja, aber das ist kein Grund zu verzweifeln. Verzweiflung ist keine Option. Die Welt ist wie sie ist. Da sind wir nicht unschuldig dran. Wir sind auf die Welt gekommen, da war die Welt schon da. Wenn ich daran denke, mit was für einer Lust und Freude ich mein erstes Auto gefahren habe. Man war doch froh, eins zu haben. Und nicht mehr mit dem Moped nach Grünberg fahren zu müssen. Sondern mit dem Auto - dann später auch bis nach Gießen. Das war Freiheit. Das erste Mal nach Frankfurt, das war unfassbar.

Was können wir noch tun, damit es nicht ganz so schlimm wird?

Das Allerwichtigste ist, in die erneuerbaren Energien zu gehen. Wir müssen unsere Kohlenstoffemissionen reduzieren so weit es irgendwie geht. Das ist natürlich eine schwierige Angelegenheit. Da muss es eine große Initiative geben, um alle öffentlichen Dächer mit Photovoltaik auszustatten. Man muss Strom zusammenbekommen, der so grün ist wie es nur geht. Vieles, was wir heute mit Öl und Gas betreiben, müssen wir mit Strom machen. Das Fahren, wahrscheinlich das Heizen. Wir brauchen viele Wärmepumpen. Wir müssen für Neubauten grundsätzlich verpflichtend vorschreiben, dass sie Photovoltaik auf dem Dach haben. Wir brauchen Photovoltaik auch so, dass darunter noch Landwirtschaft möglich ist.

Wie soll das gehen?

Das nennt man Agro-Photovoltaik. Entweder in vier Metern Höhe, damit die Landmaschinen noch darunter durch kommen, oder eben senkrecht. Das sind alles Anlagen, die als Prototypen hervorragend funktionieren. Wenn man zum Beispiel eine Fläche wie einen Acker in vier Metern Höhe überdacht. Bei großer Dürre ist die Luftfeuchtigkeit da viel höher. Die Ernteerträge auf den überdachten Flächen sind höher als auf den nicht überdachten. Das ist natürlich eine sehr teure Angelegenheit

Wo soll das Geld herkommen?

Wir müssen an die Besteuerung der Vermögen ran. Insbesondere der Vermögen, die an der Börse erwirtschaftet werden. Wir besteuern das Kapital günstiger als die Arbeit. Das ist nicht akzeptabel. Wir müssen uns auch überlegen, dass das auch einen sicherheitspolitischen Aspekt hat. Je unabhängiger wir von Lieferungen zum Beispiel aus Russland werden, umso besser. Und wir können noch mehr tun. Wir müssen weniger fliegen. Wir brauchen mehr Sharing-Economy. Muss jeder Haushalt eine eigene Bohrmaschine haben? Muss jeder zwei Autos haben? Auf dem Land stehen auch schon mal drei Autos vor dem Haus. Klar ist aber auch: Wir können nicht alle Otto- und Dieselmotoren eletrifizieren. Das wird nicht funktionieren. Da brauchen wir eine ganz andere Form. Und wir brauchen besseren öffentlichen Nahverkehr auf dem Land. Da erhoffe ich mir wirklich etwas.

Aber noch mal die Frage nach der Finanzierung ....

Es ist ja Geld da. Nur wird es weiter an der falschen Stelle ausgegeben. Nur ein Beispiel: Beim Bundesumweltamt gibt es einen Katalog, der heißt »Umweltschädliche Subventionen«. Ist großartig (lacht). Rund 57 Milliarden Euro geben wir im Jahr für umweltschädliche Subventionen aus. Wenn wir damit aufhören, haben wir auch das Geld für alles andere.

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