Mit Begegnung gegen Ausgrenzung

  • VonChristina Jung
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Täglich werden Menschen ausgegrenzt. Wegen ihrer Religion, Herkunft oder ihres Aussehens zum Beispiel. Eben, weil sie anders sind. Vielfach wird dieser Alltagsrassismus gar nicht wahrgenommen. Abgesehen von den Betroffenen natürlich. Behzad Borhani, der für Bündnis 90/Die Grünen in der Gemeindevertretung Fernwald sitzt, hat einen solchen Fall vergangene Woche öffentlich gemacht.

Nicht um anzuprangern, sondern um aufzuklären.

Als Sie am 4. Juli anlässlich der Bürgermeisterwahl in Fernwald ins Wahllokal gingen, hatten sie eine Begegnung, die Sie nach wie vor beschäftigt. Was ist da passiert?

Ich war den ganzen Tag mit der Familie unterwegs und meine Frau und ich wollten kurz vor Schluss noch ins Wahllokal. Bei meiner Ankunft wurde ich freundlich begrüßt mit den Worten »Ahh, über Sie haben wir heute gesprochen«. Ich habe mir erstmal nichts dabei gedacht. Was dann folgte, wirkt vielleicht von außen nicht weiter schlimm, ist aber ein Paradebeispiel für Alltagsrassismus.

Nämlich?

Wie ich feststellen musste, wurde nicht über meine Person gesprochen, sondern über die Rolle von Frauen im Iran und Syrien. Der strenge Blick und der Kommentar einer Wahlhelferin, die mir durch die Plexiglasscheibe noch sagte, dass Frauen ja unterdrückt werden »dort« ließ mich mit einem ohnmächtig-bedrückendem Gefühl zurück. Auf meinen Hinweis, dass ich nicht als Botschafter der islamischen Republik Iran unterwegs bin, sondern als jemand, der sein Wahlrecht ausübt, kam nur ein Lächeln und ein »ja ja«.

In der Gemeindevertretung zwei Tage später haben Sie eine persönliche Erklärung dazu abgegeben und den Vorfall öffentlich gemacht. Warum?

Nicht, um jemanden anzuprangern. Ich bin fest davon überzeugt, dass die Wahlhelferin das nicht aus rassistischen Motiven oder gar einer fremdenfeindlichen Grundeinstellung gesagt hat. Ich wollte für diese kleinen, von außen betrachtet vielleicht harmlosen, aber aus Betroffenenperspektive nachhaltig-negativen Erlebnisse sensibilisieren.

Wie oft passiert so etwas und was geht dann in Ihnen vor?

Alltagsrassismus begegnet Betroffenen täglich. Ich frage mich dann häufig, was diese eigentlich noch tun müssen, um als vollständige Mitglieder dieser Gesellschaft anerkannt zu werden. Und ich überlege mir, wenn mich, der hier groß geworden und zur Schule gegangen ist, studiert und die Bundesverdienstmedaille verliehen bekommen hat, mit einer Schwäbin verheiratet ist und Kinder hat, diese von außen vielleicht harmlos erscheinende Aussage so sehr beschäftigt - was macht so ein Satz mit all jenen, die nicht das Glück meiner Integrationsgeschichte hatten.

Und Ihre Einschätzung?

Ich denke, er manifestiert die Erzählung vom »Wir« und »Ihr« mit dem Unterton, dass »Ihr« niemals so ganz zu »Uns« dazu gehören werdet.

Sie sind vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen. Gab es eine Situation, die Sie geprägt vielleicht sogar nachhaltig verändert hat?

Jede dieser Situationen verändert einen. An viele kann ich mich nicht mehr erinnern, und das ist auch gut so. Aber das heißt nicht, dass sie keine Spuren hinterlassen haben. Es gab da beispielsweise einen Vorfall in der dritten Klasse, den ich noch sehr genau vor Augen habe.

Erzählen Sie uns davon?

Ich war so stolz darauf, dass ich drei Jahre nachdem wir hergekommen waren schon so gut Deutsch sprechen konnte und habe das auf dem Schulhof gesagt. Da drehte sich ein Junge rum und meinte »Nee, Du wirst nie so gut Deutsch sprechen wie wir.«

Wie haben Sie reagiert?

Ich sagte: »Doch, frag mich mal ein Wort.« Und er sagte: »Was ist eine Enzyklopädie?« Danach habe ich angefangen Lexikon zu lesen, weil mich das so geärgert hat.

Rassismus ist in Deutschland ein Dauerthema. Pegida und die AfD haben rechte Parolen wieder salonfähig gemacht. Haben Sie in den vergangenen Jahren eine Veränderung wahrgenommen?

Das Auftreten von Pegida, die Manifestation in der Gründung der AfD sind Phänomene, die Sozialwissenschaftler nicht sonderlich überrascht haben. Studien haben schon länger fremdenfeindliche Tendenzen in Deutschland - bis weit in die Mitte der Gesellschaft - festgestellt. Sie manifestiert sich nur nicht überall gleich. Dass dann irgendwann die AfD auch in den Parlamenten sitzt, ist nur die Operationalisierung des Trends. Was aber mit dem einhergeht, ist ein Aufbrechen von Sprachmustern die das Radikale überhaupt erst möglich machen.

Nehmen wir die Wahlhelferin. Vermutlich war ihr die Tragweite ihres Verhaltens nicht bewusst. So, wie vielen anderen Menschen in vergleichbaren Fällen. Wie geht man als Betroffener damit um?

Kontakt suchen. Begegnung ermöglichen. Ins Gespräch kommen. Darüber aufklären, dass so etwas verletzt. Und genau das war die Intention meiner Erklärung in der Gemeindevertretung.

Die bereits Früchte getragen hat.

Genau. Anschließend sind mehrere Mandatsträger auf mich zugekommen und haben gefragt: »Was tun wir denn jetzt?« Gemeinsam wollen wir nun ein Veranstaltungsangebot machen, Begegnung, Austausch ermöglichen.

Sieht so das Erfolgsrezept für eine tolerante Gesellschaft ohne Rassisten aus?

Orte der Begegnung zu schaffen, ist für mein politisches Handeln absolutes Credo. Aber ich habe nicht die Musterlösung von »So muss das sein«. Fakt ist, dass wir Begegnungsangebote schaffen müssen, aber die können in Fernwald ganz andere sein als in Reiskirchen oder Buseck. Weil die Situation überall eine andere ist. Ebenso wie die Akzeptanz der Menschen.

Und wie schätzen Sie die Erfolgsaussichten für ein Begegnungsformat ein?

In Fernwald sehr hoch. Gerade auf dem Dorf hat man doch ein Bedürfnis, in guter Nachbarschaft zu leben. Wir reden hier nicht nur über die großen bundespolitischen Fragen. Wir begegnen uns beim Einkaufen oder auf dem Sportplatz. Ins Gespräch zu gehen, bereit zu sein, die Perspektive des anderen anzuhören, offen und vorurteilsfrei und ohne Vorverurteilung miteinander zu reden sind die beste Voraussetzung für ein gutes Zusammenleben. FOTO: JAKOB ERLL

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