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Erst die »Ode an die Freude«, dann der Sekt: Rosi Kraus (l.) und Maria Pfeiff am Sonntagabend in der Allendorfer Sudetenstraße.

Mit Beethoven gegen den Blues

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit einem Jahr treffen sich Rosi Kraus und Maria Pfeiff aus Allendorf/Lumda sonntagabends, um gemeinsam die »Ode an die Freude« zu spielen. Aus der Corona-Initiative ist längst ein Ritual geworden - und mitten in der Pandemie eine Freundschaft auf Abstand gewachsen.

Sonntag gegen 18.15 Uhr: In der Sudetenstraße in Allendorf/Lumda herrscht Stille, nur allerlei Vögel zwitschern munter vor sich hin. Dann setzen zwei Instrumente ein. Die berühmte Melodie aus Beethovens neunter Sinfonie, bekannt als »Ode an die Freude«, hallt über die Straße, intoniert mit Klarinette und Blockflöte. »Zugabe!«, rufen zwei Nachbarn vom Fenster. »Wir haben immer noch keine«, meldet Maria Pfeiff zurück. Dann lassen sich die Hobby-Musikerinnen einen Sekt schmecken.

Für Rosi Kraus und Maria Pfeiff ist es ein festes Ritual, das sich über ein Jahr entwickelt hat: Sonntag für Sonntag treffen sie sich mit Abstand, packen ihre Instrumente aus und legen los. Manchmal bringen sie eine Begleitung mit, doch großen Andrang gibt es zurzeit nicht. »Im Sommer waren wir manchmal zehn, zwölf Leute«, blickt Pfeiff zurück, »jetzt nur noch wir«. Zustande gekommen ist das allwöchentliche Duett eher zufällig: »Es gab im letzten Frühjahr einen Aufruf des Hessischen Musikerverbands«, sagt Kraus. Um ein Zeichen der Solidarität in der damals noch jungen Corona-Pandemie zu setzen, könnten Menschen vom Balkon oder Fenster aus sonntagabends die »Ode an die Freude« spielen, hieß es damals. Viele sind dem Appell gefolgt, in vielen Orten und auch im Gießener Land.

Auch Kraus war dabei, spielte am Fenster ihrer damaligen Wohnung in der Sudetenstraße auf der Klarinette mit. Im Haus schräg gegenüber, wo Pfeiff mit ihrer Tochter wohnt, wurde man hellhörig. Die beiden Nachbarinnen kannten sich damals kaum, »wir haben uns nur im Vorbeigehen ›Hallo‹ gesagt«, erzählt Pfeiff. Doch nun vernetzten sie sich über Facebook - und spielten dann am Ostersonntag 2020 erstmals zusammen.

Inzwischen ist Kraus innerhalb Allendorfs umgezogen, doch für die sonntäglichen Musikeinlagen kommt sie nach wie vor jede Woche in die Sudetenstraße. »Es ist eine schöne Gelegenheit, sich zu sehen, zurzeit hat man ja nicht tausende Termine«, sagt Kraus. Danach wird noch ein bisschen geschnackt, je nach Jahreszeit ein Sekt oder Glühwein getrunken. Pünktlich zum »Tatort« sind dann meistens alle wieder im eigenen Wohnzimmer.

Für Kraus ist es auch ein Ausgleich: Sie ist seit vielen Jahren im Musikverein Dreihausen aktiv - wobei von Aktivität in Musikvereinen zurzeit wegen Corona kaum die Rede sein kann. So geben ihr die Duette zumindest einmal pro Woche die Möglichkeit, gemeinsam zu musizieren. Bei Pfeiff ist es etwas anders: »Das ist meine allererste Blöckflöte. Damit habe ich geübt, als ich zehn war«, verrät die 46-Jährige und lacht. Die Grüße an »Nena« und »Nino« (de Angelo) im Blockflötenetuit von damals lassen erahnen, dass das lange her ist. Außer an Heiligabend lag die Flöte über etliche Jahre brach, nun kommt sie endlich wieder zum Einsatz.

Nur wenige Veranstaltungen oder Treffen haben wie dieses über das vergangene Jahr kontinuierlich stattgefunden. Nur ganz wenige Male sei das Musizieren wegen sehr schlechten Wetters ausgefallen, etwa am Sonntag der Vorwoche, berichten die beiden. »Wir haben auch bei Schnee hier gestanden«, sagt Pfeiff.

Der Rückblick ist auch ein Spiegel dessen, was die Corona-Auflagen jeweils zugelassen haben: Im Sommer, als die Infektionszahlen stark sanken, einige schon das Ende der Pandemie zu sehen glaubten, haben sie hier sonntagabends auch mal mit Abstand gegrillt. Auf den Straßen war mehr los als jetzt, mancher Nachbar habe einen Schnaps oder einen Sekt beigesteuert. Pfeiff war erst ein paar Monate zuvor in die Sudetenstraße gezogen. Nun, so ihr Eindruck, wuchs die Nachbarschaft über die Sonntagstreffen ein bisschen enger zusammen. Während manch andere Initiative einschlief, schien diese erst richtig Fahrt aufzunehmen.

Im Herbst wurde es sonntags dann einsamer - nicht nur wegen des Wetters, sondern auch, weil die »zweite Welle« kam, nun wieder deutlich mehr Vorsicht bei Kontakten geboten war. »Eigentlich«, sagt Pfeiff, »wollten wir das Einjährige jetzt ein bisschen größer aufziehen - aber das geht ja nicht«.

Auch die beiden können sich inzwischen dem Pandemie-Blues nicht mehr ganz entziehen. Die Gespräche nach dem Musizieren kreisen vor allem auch ums Impfen und Testen. »Es geht uns wohl wie allen«, bemerkt Pfeiff. »Wir wissen, dass die Maßnahmen nötig sind«, aber allmählich mache sich schon eine gewisse Corona-Müdigkeit breit.

Wie lange sie die kleinen Beethoven-Ständchen durchziehen würden, konnten sie sich am Anfang nicht wirklich vorstellen: »Damals haben wir gesagt: Bis Sommer wird es ja irgendwie fertig sein - spätestens bis zum Nikelsmarkt«, erinnert sich die 52-jährige Klarinettistin Kraus. Doch daraus wurde nichts. Der Nikelsmarkt Anfang November fiel aus, sie spielten weiter. Und bis wann noch? »Wenn wir das wüssten!«, sagt Pfeiff. »Mittlerweile fände ich es auch schade, wenn wir uns nicht mehr treffen - abgesehen von Corona.«

Für die beiden Frauen ist das gemeinsame Spielen seit dem Aufruf im Frühjahr 2020 ohnehin mehr und mehr zum Selbstläufer geworden. Zwischenzeitlich hatten sie auch mal überlegt, die Termine zu reduzieren. Doch dann, so die Überlegung, würde das Event vielleicht einschlafen. Sie bleiben kontinuerlich dabei. Also darf man getrost davon ausgehen, dass Beethovens Gassenhauer noch für einige Zeit sonntagabends durch die Sudetenstraße hallt.

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