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Nina Schimank ist »Lehrling des Monats«.

Mit Abitur ins Handwerk

  • VonPatrick Dehnhardt
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Nina Schimank weiß, was sie möchte. Nach dem Abitur standen der Hüttenbergerin viele Türen offen, sie entschied sich für eine Ausbildung zur Anlagenmechanikerin. Nun wurde die 22-Jährige von der Handwerkskammer als »Lehrling des Monats« ausgezeichnet.

Handwerker laufen im Lager der Reiner Förster GmbH in Hüttenberg-Rechtenbach von Regal zu Regal. Sie stellen das Material zusammen, das sie an diesem Tag für die Arbeit bei den Kunden vor Ort brauchen. Einer kümmert sich darum, die Wasserleitungen in einem alten Bad auszutauschen, sein Kollege wird eine Fußbodenheizung verlegen. Schnell ist das Material in den Transportern verstaut. Kaum sind sie vom Hof gefahren, rollen die nächsten Wagen auf die frei gewordenen Parkplätze.

Normalerweise ist Nina Schimank Teil dieses Gewusels, fährt mit auf die Baustellen, um anzupacken und von den Kollegen zu lernen. Auf die 22-Jährige wartet jedoch an diesem Tag ein anderer Termin: Die Handwerkskammer Wiesbaden (HWK) zeichnet sie als »Lehrling des Monats« aus. Eine besondere Ehre, wenn man bedenkt, dass es über 9000 Auszubildende im Bereich der HWK gibt.

Dass eine Frau den Berufsweg »Anlagenmechanikerin für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik« einschlägt, ist eher selten. »Sie ist derzeit die Einzige in der Klasse«, sagt Joachim Eckert, Lehrer an der Werner-von-Siemens-Schule in Wetzlar. Dort habe sie nicht nur sehr gute Noten, sondern auch einen positiven Einfluss auf ihre Mitschüler: »Die jungen Männer benehmen sich mehr, wenn sie nicht nur unter sich sind.«

Bereits am ersten Schultag habe er festgestellt, dass für Schimank die Ausbildung kein Plan B oder gar ein Notausgang sei. Im Gegenteil. »Sie hat einen Plan davon, was sie will. Das ist in diesem Alter beeindruckend«, sagt Eckert.

Während der Schulzeit hatte Schimank bei einem Praktikum bei der Reiner Förster GmbH in den Beruf hineingeschnuppert. »Danach war es klar«, sagt sie. Während sich ihre Mitschüler auf Studienplätze bewarben, schrieb sie eine Bewerbung für einen Ausbildungsplatz - trotz Abitur. Ihre Entscheidung sorgte zunächst im Freundeskreis für einige Verwunderung. Die Frage »Bist du dir da sicher?« hörte sie viele Male.

Nina Schimank war sich sicher. Mittlerweile ist die Verwunderung und Überraschung einer anderen Frage gewichen: Ihre Freunde fragen sie um Rat, wenn es technische Probleme gibt. Die meisten Uni-Studiengänge nützen halt nichts, wenn die Heizung streikt und die Wohnung kalt bleibt.

Beim Ausbildungsbetrieb war man bereits vor der Auszeichnung voll des Lobes für die 22-Jährige. Senior-Chef Reiner Förster sagt, sie sei motiviert, habe eine schnelle Auffassungsgabe in Theorie und Praxis und arbeite sehr gewissenhaft. Zudem absolviere sie freiwillig in ihrer Freizeit eine Weiterbildung im Fachgebiet Badplanung.

Seit 30 Jahren gibt es den Fachbetrieb für Sanitär und Heizung. Schimank ist die erste weibliche Auszubildende im handwerklichen Bereich. Auf den Baustellen wie auch im Team sei dies jedoch nie ein besonderes Thema gewesen, sagt Geschäftsführer Kevin Förster. Pro Jahr stellt der Betrieb zwei neue Auszubildende ein.

»Wer nicht selbst ausbildet, hat es schwer, Fachkräfte zu finden«, sagt Förster. Der Markt sei praktisch leer gefegt. Auch Auszubildende seien Mangelware. »Es wird immer schwerer, Leute zu finden, selbst wenn man die Schule bezahlt«, schildert er.

Umso mehr freuen sich Förster und die anderen Verantwortlichen, dass sie mit Nina Schimank eine gute Wahl getroffen haben. Lehrling des Monats werde schließlich nicht jeder, sagt auch Andreas Brieske, Vizepräsident der Handwerkskammer Wiesbaden, bei der Übergabe der Auszeichnung: »Der Lehrling des Monats muss was leisten.«

Für die Auszeichnung seien nicht nur gute schulische Leistungen, sondern auch Sozialkompetenzen wichtig, Teamgeist etwa. Oder aber Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit. »Wenn es morgens zur Baustelle geht, kann der Lehrling nicht erst eine Stunde später auftauchen.« Schimank erfülle all diese Kriterien mit Bravour, sagt Brieske. Zudem sei sie ein Aushängeschild: »Sie ist mit Spaß bei der Arbeit.«

Die 22-Jährige will sich auf dem Titel »Lehrling des Monats« nicht ausruhen. Nach dem Gesellenbrief möchte sie sich als Meisterin ausbilden lassen. Senior-Chef Förster hat ihr für diesen Weg bereits seine volle Unterstützung zugesagt.

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