Am Fuße des Vetzbergs beispielsweise ist das Radwegenetz bereits gut. Wenige Kilometer weiter, hinterm Dünsberg, gibt es reichlich Lücken. FOTO: SO
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Am Fuße des Vetzbergs beispielsweise ist das Radwegenetz bereits gut. Wenige Kilometer weiter, hinterm Dünsberg, gibt es reichlich Lücken. FOTO: SO

Ein Millionen-Projekt

  • Rüdiger Soßdorf
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Gießen(so). 1090 Kilometer Radrouten gibt es im Kreis Gießen, zudem weitere 195 Kilometer in der Kreisstadt. 260 Kilometer umfassen die Lücken, die für optimalen Ausbau zu schießen wären. 171 Vorhaben und Projekte sind in den vergangenen Monaten zusammengetragen worden, mit denen der Radverkehr im Kreis verbessert werden könnte. Und es können noch mehr werden. Wollte man alles umsetzen, dann liegen die geschätzten Gesamtkosten bei 139 Millionen Euro.

Kritik der Linken

Diese nackten Zahlen verdeutlichen die Dimension des Projekts, das Fahrradfahren im Alltag besser, sicherer und attraktiver zu machen. Grundlage ist das seit gut 14 Tagen vorliegende Radverkehrskonzept. In den Städten und Gemeinden sowie auf Landkreis-Ebene ist nun zu entscheiden, was wann und wo umgesetzt wird. Selbst wenn das Land bis zu 75 Prozent Förderung in Aussicht stellt, bleibt es eine Herkules-Aufgabe. Allein für den Kreis könnten sich die Projekte auf geschätzt 12 Millionen Euro belaufen. Ein Vielfaches dessen, was bislang üblicherweise für Radwege in Haushalten bereitgestellt wird.

Der von Anette Henkel (SPD) geleitete Infrastrukturausschuss hat am Donnerstag kurz über das Konzept diskutiert und es auf Initiative der CDU einmütig zur vertiefenden Beratungen in die interfraktionelle Arbeitsgruppe verwiesen, die sich mit Verkehrsfragen befasst.

Christian Zuckermann von den Grünen sprach mit Blick auf das etliche 100 Seiten starke Konzept von einer "guten Arbeitsgrundlage", mit dem Ziel, das Rad mehr als bislang in den Alltag zu integrieren, Thomas Brunner und Sabine Scheele-Brenne (beide SPD) gehen davon aus, dass aus den Reihen der Bürger, aber auch aus den Rathäusern der Städte und Gemeinden weitere Anregungen, Ideen und Vorschläge für eine bessere Rad-Infrastruktur im Kreis kommen. Brunner: "Es muss ein lebendiges Konzept sein." Ausdrücklich begrüßt wird daher die jetzt bis zum 6. Oktober verlängerte Möglichkeit für Bürger, sich in die Diskussion einzubringen. Sie können das Konzept auf www.lkgi.deeinsehen und dazu Stellung nehmen, idealerweise per E-Mail an radverkehrskonzept@lkgi.de.

Das für die Bürgerbeteiligung eigentlich vorgesehene Zeitfenster von 14 Tagen war offensichtlich zu knapp bemessen. Zudem gibt es in den kommenden vier Wochen in den Teilräumen des Kreises vier Konferenzen zum Radkonzept.

Reinhard Hamel von den Linken hält es derweil für eine falsche Herangehensweise, erst ein Konzept zu erstellen und dann die Bürger dazu Stellung nehmen zu lassen. Er hätte es begrüßt, wenn man sich vorher mit den Menschen über Grundlagen und Ziele verständigt hätte, um dann mit ihnen gemeinsam ein Konzept zu erarbeiten. "So, wie es jetzt gemacht wurde, wird es dem nicht gerecht, was Bürger erwarten", übt der Linke Grundsatzkritik. Und spricht von einem "Versagen im kommunalpolitischen Handeln". Zudem bescheinigt die Gießener Linke dem Konzept strukturelle Schwächen: Teils fehlende Datengrundlagen zum Radverkehrsaufkommen, zu Breite und Zustand vorhandener Wege, oder aber das Definieren von Routen und Verbindungen vielfach entlang der Straßen. Dies seien nicht immer die kürzesten und besten Wege für Radler. Doch solche inhaltlichen Aspekte sollen in der interfraktionellen Arbeitsgruppe erörtert werden. Im Fachausschuss des Kreistags wurde diese Diskussion nicht geführt.

Landrätin Anita Schneider wies die Kritik der Linken zurück: "Es war ein ganz normales Verfahren". Zur Bürgerbeteiligung gehöre auch, dass man den Menschen etwas vorlege, etwas biete, das sie diskutieren können.

Bessere Stellplätze an Schulen geplant

In einem Punkt will die Koalition schon jetzt nachlegen: Die Fahrradstellplätze an den Schulen im Kreis sollen verbessert werden. Denn seit Jahren gibt es Kritik an zu kleinen oder nicht zeitgemäßen Fahrradparkplätzen. "Es ist nicht erst seit Corona eine gute Idee, dass junge Leute mit dem Rad zur Schule fahren", sagt Sozialdemokratin Scheele-Brenne.

Geprüft werden soll, inwieweit Fahrradstellplätze überdacht, gegebenenfalls auch mit Fotovoltaik-Panels und mit Ladestationen für e-Bikes bestückt werden können. Die Bestandsaufnahme zu Stellplätzen im aktuellen Konzept soll da ebenso Grundlage sein wie Erhebungen des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC). Christopher Lipp (CDU) schlägt zudem vor, Schüler und Lehrer in die Beratung einzubinden, etwa über die Schulkonferenzen oder eine Online-Befragung.

Mittlerweile gibt es zudem die Initiative "Mit dem Rad zur Schule", die der Landkreis gemeinsam mit einigen Schulen und dem ADFC gestartet hat.

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