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"Mexico mi amor" im zweiten Anlauf

  • Thomas Brückner
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Was bringt eine junge Grünbergerin dazu, nach Mexiko auszuwandern? Wie so häufig lautet die Antwort: die Liebe. Was dagegen selten vorkommt: Beate Vegara, geb. Helm, so ihr Name, konnte erst im zweiten Anlauf sagen: "Mexiko ist meine Liebe - Mexico mi amor". Wie es dazu kam und warum eine "Grimmicherin" mit ihrem chilenischen Mann ein argentinisches Restaurant in Mexiko-City eröffnete.

Nunmehr über 40 Jahre ist es bereits her, dass aus einer weiteren Zufallsbekanntschaft mehr werden sollte: 1979 reiste ein junger Mann namens Rene nach Grünberg, um einen Freund zu besuchen, der in einer Pizzeria arbeitete und mit seiner Familie in der Gallusstadt gelandet war.

Der junge Mann hatte ein Touristenvisum für nur drei Wochen in der Tasche. Dieses kurze Zeitfenster aber sollte reichen für eine Liebesgeschichte, die mehr als nur eine Ländergrenze überschritt, stammte doch der Grünberg-Besucher aus Chile.

Beate Helm und Rene Vegara lernten sich kennen und offensichtlich lieben - im November 1980 gaben sie sich das Jawort. Der Freund, sozusagen des Glückes Schmied, ging kurze Zeit später wieder zurück in seine Heimat.

Zwei Jahre nach der Heirat wurde Sohn Stephan geboren, hatte das deutsch-chilenische Paar mittlerweile eine Gaststätte im Rabenauer Ortsteil Kesselbach eröffnet. "Die lief auch erfolgreich", berichtet die heute 58-Jährige, "doch wir wollten unbedingt nach Mexiko". Zumal: Renes Freund hatte ihm länger schon vorgeschlagen, in das lateinamerikanische Land zu kommen, um ein Geschäft aufzubauen.

Inzwischen war auch Sohnemann Stephan "aus dem Gröbsten" raus, was den Entschluss auszuwandern erleichtert haben dürfte. Also verkaufte das Paar all sein Hab und Gut. Rene war vorausgegangen, arbeitete bereits in Mexiko in einem Unternehmen für Autozubehör und war "ständig unterwegs".

Bis die Familie auswanderte, sollten dann doch noch einige Jahre vergehen: "Als es soweit war, um zu gehen, wurde ich wieder mit unserer Tochter schwanger", erzählt Beate Vegara. Sie beschloss, die Kleine in Deutschland zur Welt zu bringen.

Schließlich aber galt es doch, die Umzugskisten zu packen und Grünberg "Lebwohl" zu sagen. "Es war schon sehr schwer, alles aufzugeben", bekennt Beate Vegara. Im Januar 1987, sie war gerade mal 26 Lenze jung, ging es endlich los. Das Abenteuer Auswanderung konnte beginnen.

Im Gepäck hatte sicherlich auch die Grünbergerin jene großen Erwartungen, die auf den Schultern all jener lasten, die in der Ferne ein neues Zuhause suchen. Und gewiss die Hoffnung auf ein unbeschwertes, glückliches Leben. Doch bald schon musste die junge Frau erfahren: Heimweh kann unerträglich sein. "Ich hielt es nur fünf Monate aus", blickt Beate Vegara zurück. Also packte sie wieder die Koffer und ging mit den Kindern zurück in ihre Heimatstadt Grünberg. Wo sie auch gleich die Möglichkeit hatte, wieder eine Gaststätte zu übernehmen. Keine Kneipe wie jede andere, sondern eine der urtümlichsten und bekanntesten der Stadt, das "Prinz Carl", kurz: "PC".

Ehemann Rene kam später nach, die Familie war wieder beisammen. Doch irgendwas muss gefehlt haben, den nach zwei Jahren reifte erneut der Entschluss auszuwandern - diesmal endgültig. 1990 ging es also zum zweiten Mal nach Mexiko, wo Beates Mann bereits wieder eine ganze Zeit eine Anstellung in seinem Beruf hatte.

Nach vier Jahren dann ein Nackenschlag; 1994 wurde das lateinamerikanische Land von einer schweren Wirtschaftskrise erschüttert: "Devolucion", Geldentwertung. Beate Vegara: "Wir haben quasi unsere ganzen Ersparnisse verloren und mussten neu anfangen. Es wurde für uns sehr schwer."

Die junge Frau aus dem fernen Alemania wollte helfen, wusste, wie man ein Restaurant betreibt. "Und, bumm, da war es: Wir eröffneten das ›La Biela‹. 25 Jahre ist das mittlerweile her - und hier sind wir!", erzählt die Neu-Mexikanerin zu Recht mit Stolz.

Um im gleichen Atemzug anzufügen: Ohne die Unterstützung der Eltern, Geschwister und aller Angeheirateten hätten sie das nicht schaffen können. "Alle haben uns zur Seite gestanden. Und so können wir heute sagen: Es war schwer, die ganzen Umstellungen, die Umgewöhnung, das Akzeptieren der Fülle an Veränderungen. Aber ja, wir haben es geschafft. Unser Zuhause ist jetzt hier in Mexico."

Freilich, so räumt sie wenig später ein, vermissten sie noch immer die Familie und alle Freunde, die sie zurückgelassen haben. Gerade rund um Weihnachten sei die Sehnsucht besonders groß.

Was war für sie das Schwierigste, in dem fernen Land heimisch zu werden? Zunächst, sagt sie, sei es die Sprache gewesen. "Das hat mich viel Zeit gekostet. Ich verstand zwar bald alles, aber ich habe mich nicht getraut zu reden."

Was nicht überrascht: Wer aus einem Land kommt, in dem die StVO quasi elftes Gebot ist, muss sich ziemlich umgewöhnen. Erst recht in einer Neun-Millionen-Stadt wie Mexiko-City. "Anfangs nahm ich immer eine Person auf dem Beifahrersitz mit. Keiner respektiert hier rote Ampeln oder rechts vor links."

Was sie inzwischen aber als "das Schlimmste" empfindet, ist die Sache mit der Pünktlichkeit. Lädt Beate Vegara Freunde oder Verwandte zum Essen ein, kalkuliert sie immer eine Verspätung ein. Und zwar nicht wenig: "In Mexico trudeln die Gäste immer erst eine Stunde später ein."

Bleibt noch die Frage, warum eine Oberhessin und ein Chilene in Mexiko-City ein argentinisches Restaurant mit dem Namen "La Biela" (deutsch: Kurbelwelle) betreiben. Das wiederum ist kein Zufall: Rene Vegara hat nicht nur beruflich mit Autos zu tun, er kannte auch eines der berühmte Cafés in Buenos Aires, eben "La Biela".

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