Nach Schätzungen von Experten neigen bundesweit bis zu 2,5 Millionen Menschen zu Chaos und schwerer Unordnung in ihrem Haushalt. 
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Nach Schätzungen von Experten neigen bundesweit bis zu 2,5 Millionen Menschen zu Chaos und schwerer Unordnung in ihrem Haushalt. 

"Verwahrlosung macht sich breit"

Messies im Kreis Gießen: Wenn 1000 Ravioli-Dosen schimmeln

  • vonStefan Schaal
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Ihre Wohnung ist das reine Chaos, sie können nichts wegwerfen: Bis zu 8000 Menschen im Kreis sind nach Schätzungen Messies. In besonders schlimmen Fällen wird Benjamin Molitor zum Aufräumen gerufen, der in Grünberg ein Büro hat.

Das Chaos herrscht in jedem Winkel der 130 Quadratmeter großen Wohnung. Unzählige Bierflaschen bedecken den Teppichboden, Bücher und Zeitungen stapeln sich. Benjamin Molitor stapft in einem weißen Schutzanzug mit Atemschutz durch die Räume, packt an und trägt mit seinem vierköpfigen Team den Unrat hinaus, Müllsack für Müllsack. Am Ende sind es zehn Lkw-Ladungen, die er aus der Wohnung schleppt.

Molitor, der in Grünberg ein Büro hat, entrümpelt Wohnungen und Häuser, das ist sein Beruf. Ein-, zweimal im Monat räumt er Wohnungen von Messies auf. Seine Auftraggeber sind Vermieter sowie Eltern und Freunde von Betroffenen. "Messies selbst rufen nicht bei mir an", sagt er. Molitor erzählt von seinem schlimmsten Fall: In einer Küche hätten einmal 1000 verschimmelte Dosen Ravioli gestanden. "Mittendrin lagen drei Katzen." Der größte Schock erwartete ihn allerdings im Wohnzimmer. In einem kleinen Bettchen lag ein zwei Jahre altes Kind, umgeben von Hunderten schmutzigen Windeln. "Die Eltern haben zwei Jahre lang die gebrauchten Windeln nur neben das Bett gestellt und den Müll nicht rausgebracht."

Molitor ist eigentlich hart im Nehmen, ihn überrascht und ekelt nichts mehr so schnell. "In dem Fall aber habe ich die Polizei gerufen", erzählt er. "Das war zu arg."

Messies in und um Gießen: 8000 Menschen im Landkreis betroffen? 

Nach Schätzungen von Experten neigen bundesweit bis zu 2,5 Millionen Menschen zu Chaos und schwerer Unordnung in ihrem Haushalt. Heruntergebrochen auf das Kreisgebiet sind dies 8000 Menschen.

Er habe 20 Jahre alte Messies erlebt, "die bis zum Hals in einem Meer aus Bierflaschen leben" und 90-jährige "saubere und ordentliche Messies", die nichts wegschmeißen können und 20 Tonnen Zeitungen in Schränken und Schubladen horten.

Messies seien mehr als nur unordentliche Menschen, hält Michael Schröter fest. "Es handelt sich um eine psychische Erkrankung, der oft eine Depression zugrunde liegt." Häufig spielen auch Alkoholismus oder Tablettensucht eine Rolle. Schröter hilft Messies dabei, ihre Wohnung zu reinigen, hat nahe München dafür gar eine sogenannte Messie-Akademie ins Leben gerufen. Er rät Vermietern, möglichst früh das Gespräch mit Messies zu suchen, bevor sie Nachbarn oder zudem die Bausubstanz in Mitleidenschaft ziehen.

Mit Messies haben im Kreis Gießen immer wieder Christine Wagener und Andrea-Barbara Walker zu tun, die Vorsitzende und die Geschäftsführerin beim Verein "Haus & Grund", der die Interessen von Haus- und Wohnungseigentümern vertritt. "Eine allgemeine Verwahrlosung macht sich breit", berichtet Wagener. "Eine Geringschätzung des Eigentums anderer."

Sie berichtet von einem besonders schweren Fall in Holzheim. "Mieter haben einen solchen Müll hinterlassen, dass die Besitzerin ihr eigenes Elternhaus verkaufen musste", erzählt Wagener. Sie zeigt Fotos von Kotspuren an Wänden, die von Hunden und Katzen stammen. Ein Bild zeigt eine Rattenfalle in einem Oberschrank. "Die Eigentümerin konnte die Renovierungskosten nicht aufbringen. Nach einer ersten Schätzung lagen diese bei 35 000 Euro. Wenn es das eigene Elternhaus ist, tut das richtig weh."

Messies im Kreis Gießen: Pro Raum mindestens 1000 Euro Sanierungskosten

In einer Wohnung in Wieseck habe es in der Küche gekrabbelt, man habe die Bewohnerin darauf hingewiesen. "Die Wohnung war dann vier Wochen später in Ordnung." Ein Jahr später sei das Problem aber wieder aufgetreten, dann sei nur noch eine Räumung in Frage gekommen.

Pro Raum müsse man für die Sanierung von Messie-Wohnungen mindestens 1000 Euro veranschlagen, sagt Walker, die Geschäftsführerin von "Haus & Grund". Sie schlägt vor, wie man dem Problem begegnen könnte: "Eigentümer sollten einmal im Jahr ihre Wohnungen begehen können. Das wäre für Mieter zumutbar. Und beide Seiten hätten etwas davon." Momentan sei eine solche Begehung nur mit einem begründeten Anlass, beispielsweise für die Installation von Rauchmeldern, möglich. Walker rät Eigentümern außerdem zu einer Rechtsschutzversicherung.

Wagener erzählt, sie kenne etliche Hauseigentümer im Kreis Gießen, deren Wohnungen nach schlechten Erfahrungen mit Mietern leer stehen. "Sie sagen sich: Das tun wir uns nicht mehr an." Neben Verwahrlosung träfen Hauseigentümer zunehmend auch auf Gewalt. "Eine ältere, schwerbehinderte Dame in Kleinlinden hat sich nicht mehr in ihr Haus getraut, weil ein Mieter sie angegriffen hat."

Molitor, der Wohnungsreiniger, ist derweil die Ruhe selbst, während er Müllsäcke aus einer Wohnung trägt. Mit dem Bewohner wechselt er kaum ein Wort. "Die tun meistens so, als wäre nichts", erzählt Molitor später. "Oft erzählen sie, dass sie gestern vergessen haben, den Müll rauszubringen. Die leben geistig nicht mehr auf diesem Planeten." Zum Reden sei er auch nicht hier, fügt er hinzu. "Dafür gibt es Psychologen."

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