Messerfund wirft Fragen auf

  • Jonas Wissner
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Im Prozess um die Bluttat in Daubringen hat nun die Schwester des Angeklagten ausgesagt. Der Staatsanwalt vermutet, ihr Bruder wolle sie womöglich schützen. Was weiß sie über die Tatwaffe?

Während ihr Bruder ruhig auf der Anklagebank sitzt, stößt die Aussage seiner 60-jährigen Schwester zunehmend auf Skepsis, das ist vor allem Staatsanwalt Thomas Hauburger anzusehen. Sie hatte den Bruder am 23. Februar in Daubringen abends zu dessen Ex-Freundin gefahren, um ihr die gemeinsame Tochter zu übergeben. Dann wurden mehrere Beteiligte handgreiflich, die Situation eskalierte. Ein 70-Jähriger erlag schließlich seinen Stichverletzungen.

Am Dienstag sind beim dritten Termin vor dem Landgericht weitere Zeugen in dem Totschlagsprozess befragt worden. Welche Rolle spielte die Schwester an jenem Abend - und was hat sie mitbekommen? Nach der Tat soll sie mit ihrem Bruder den Tatort verlassen haben, kurz darauf wurde er zu Hause in ihrem Beisein mit blutverschmierten Händen festgenommen. Als er über den Tod des 70-Jährigen informiert, über seine Rechte als Beschuldigter belehrt wurde, soll sie laut einem Polizisten gesagt haben: »Da war ein Messer im Spiel.« Nun behauptete sie: »Ich habe kein Messer gesehen.«

Mit den Kampfsport-Schlagstöcken im Fußraum des Beifahrersitzes habe nicht etwa ihr Bruder sich vorab bewaffnet, sondern sie selbst habe diese ihrer Enkelin geben wollen. Der Fundort der Tatwaffe, eines Klappmessers, belastet den Angeklagten: Es wurde in seinem Haus auf einem Kellerabsatz zwischen einem Tuch und einer Kappe gefunden. Die 60-Jährige sagte nun allerdings, ihr Bruder sei zwischen der Ankunft im Haus und seiner Festnahme nur einmal kurz im Bad gewesen, habe keine Gelegenheit gehabt, das Messer zu verstecken.

»Wollen Sie uns hier eigentlich verschaukeln?«, fragte der Staatsanwalt, »meinen Sie eigentlich, Sie können hier erzählen, was Sie wollen?«. Er wies sie auf die Wahrheitspflicht hin, drohte mit einem Ermittlungsverfahren bei Falschaussage. Doch die Schwester blieb bei ihrer teils fragwürdigen Version. Zwischen dem Bruder und der Ex-Partnerin sei es »hin- und hergegangen«, sagte die 60-Jährige und ließ kein gutes Haar an der Frau. An jenem Abend habe sie den Bruder wieder einmal zur Übergabe begleitet, »weil er sich nicht getraut hat, alleine hinzugehen«.

Am Wohnhaus der Ex-Freundin habe dann deren »Leibgarde« - der neue Partner der Frau sowie der später getötete 70-Jährige - schon bereitgestanden. So sei es häufig gewesen, »jede Woche dienstags und donnerstags standen sie da breitbeinig, die Arme verschränkt«. Nach der Ankunft sei die Ex-Partnerin aggressiv auf ihr Auto zugestürmt.

Gehört wurde am Dienstag auch der 50-jährige Sohn der damaligen Vermieterin der Ex-Freundin, er war zur Tatzeit mit seinem Sohn vor Ort. Unklar war bislang, warum der 70-Jährige dabei war. Laut dem Zeugen habe es geheißen, »dass man irgendwie aufpassen will, dass nichts passiert«. Seine Reaktion: »Ich habe mein Gefühl geäußert, dass es nichts Gutes ist, was hier passiert.« Es habe »ziemlich große Unruhe« geherrscht. Als er nach wenigen Minuten wieder aus dem Haus der Mutter kam, sei er auf den schwer verletzten 70-Jährigen aufmerksam gemacht worden. »Er hielt sich paralysiert am Auto fest, blutete sehr, sehr stark.« Als er ihn dann in die stabile Seitenlage versetzt habe, sei ihm klar gewesen, »dass das hier vorbei ist«.

Von dem schwierigen Verhältnis zwischen dem Ex-Paar, dem ständigen Streit um die Kinder will er über seine Mutter, die Vermieterin, erfahren haben. Sie habe bewusst »auch an Problemfälle vermietet« - doch in diesem Fall sei es selbst ihr zu viel geworden: Gegenüber dem Angeklagten habe sie ein Betretungsverbot für ihr Grundstück ausgesprochen. Daraufhin habe dieser sie bedroht, wenig später sei die Mutter gestorben.

Außerdem wurden am Dienstag fünf Zeugen gehört, die an jenem Abend als Polizisten am Tatort oder in der Wohnung des Angeklagten waren. Ein Beamter berichtete von einer zunächst »chaotischen Phase, wir wussten noch nicht, wer Täter und wer Opfer ist« - zumal der Angeklagte zunächst nur auf seine eigene Verletzung hingewiesen habe. Er habe sich aber widerstandslos festnehmen lassen, »die Schwester hat die ganze Zeit nur mit dem Kopf geschüttelt«.

Kurz vor Sitzungsende wandte sich Hauburger direkt an den Angeklagten. Dieser hatte neulich behauptet, sich an die Tat nicht erinnern zu können. Hauburger: »Ich will Ihnen ja nichts Böses, aber alle Beteiligten stellen sich die Frage, wie es mit dem Messer war. Kann es vielleicht sein, dass Sie sich an das Messer nicht erinnern wollen, weil beispielsweise Ihre Schwester sich strafbar gemacht haben könnte, weil sie das Messer abgelegt hat?« Strafrechtlich wäre dies nicht relevant, so der Staatsanwalt. Doch der Angeklagte lenkte nicht ein: »Ich würde es gern verstehen«, sagte er, »aber ich habe diese Lücken«.

Der Vertreter der Tochter des Getöteten beantragte abschließend als Nebenkläger gut 3200 Euro Schadenersatz vom Angeklagten, vor allem für Bestattungskosten sowie ein Schmerzensgeld im Ermessen des Gerichts. Die Verhandlung wird am Dienstag fortgesetzt.

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