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Stolpersteine für die Familie Isaak. FOTO: US

Die Menschen hinter den Namen

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Seit wenigen Wochen schimmern im Pflaster der Altstadt von Lich 14 Stolpersteine. Der Künstler Gunter Demnig hat sie verlegt. Wer waren die Menschen, denen diese Bronzetafeln gewidmet sind?

Das Foto zeigt scheinbar eine glückliche Familie, Vater, Mutter, Kind. Doch als der Fotograf schätzungsweise um 1940 herum auf den Auslöser drückte, war die Welt von Eduard und Helene Windecker und ihrer vielleicht acht Jahre alten Tochter Inge schon längst nicht mehr heil. Die Windeckers waren Juden aus Lich. Sie wurden verfolgt, drangsaliert und 1943 in Auschwitz ermordet. Vor ihrem Haus an der Ecke Seelenhofgasse/Oberstadt erinnern seit dem 19. Dezember drei Stolpersteine an die einstigen Bewohner.

Insgesamt 14 Bronzetafeln wurden bei dieser ersten Aktion des Künstlers Gunter Demnig vor vier Häusern in der Oberstadt verlegt. Wenigstens die Namen der Familien Windecker, Isaak und Bamberger sind in ihre Heimatstadt Lich zurückgekehrt.

Die Windeckers in der Seelenhofgasse waren Kaufleute. Eduard Windecker (*1888) handelte mit Schuhen und Fellen. Mit seiner Frau Helene (*1894) hatte er zwei Töchter, die 1919 geborene Karola und die 13 Jahre jüngere Inge. Nur Karola überlebte. Sie emigrierte am 25. August 1938 nach New York. Die Pogromnacht im folgenden November, bei der das Schuhgeschäft der Familie geplündert wurde, musste sie nicht mehr miterleben. Auch von der mehrwöchigen Inhaftierung ihres Vaters in Buchenwald erfuhr sie nur aus der Ferne. Die Eltern und die kleine Schwester schafften es nicht mehr, Deutschland zu verlassen. 1940 zogen sie nach Frankfurt. Von dort wurden sie am 15. September erst nach Theresienstadt und dann nach Auschwitz deportiert. Eduard Windecker war bei seinem Tod 55 Jahre alt, seine Frau 49, die kleine Inge gerade einmal elf.

Auch Eduards Bruder Gustav Windecker, seine Frau Selma und die Tochter Gertrud fielen dem Holocaust zum Opfer. Sie lebten in der Oberstadt 60 und handelten mit Vieh, Häuten und Fellen. Es heißt, dass sie als orthodoxe Judden die Rituale pflegten. So sollen sie in ihrem Hof regelmäßig das Laubhüttenfest gefeiert haben. Schon bald nach den Reichstagswahlen 1933 muss ihre Situation schwierig geworden sein. Bereits in der Nacht zum 13. März gab es in Lich ein Pogrom gegen die in der Ober- und Unterstadt lebenden jüdischen Familien. Mehrere Männer wurden im SA-Lokal, dem Frankfurter Hof, misshandelt. Es wird aber auch erzählt, dass manche Licher ihren Nachbarn halfen, zum Beispiel, indem sie ihnen heimlich Lebensmittel zusteckten. Auch die Familie Gustav Windecker zog 1940 nach Frankfurt. Von dort wurden sie im November 1941 nach Minsk deportiert und ermordet.

Einige Häuser weiter Richtung Rathaus, in der Oberstadt 26, war die Familie Bamberger zu Hause. Rosa Bamberger (*1868) war 1931 nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn Ludwig von Muschenheim nach Lich gezogen, zunächst zu ihrem zweiten Sohn Julius in die Butzbacher Straße. Als Julius aber 1936 mit seiner Familie nach Südafrika emigrierte, bezogen Rosa und Ludwig eine Mietwohnung bei der Familie Zimmer in der Oberstadt 26. Auch Ludwig wurde 1938 als "Aktionsjude" vorübergehend in Buchenwald inhaftiert. Sein Versuch, gemeinsam mit der Mutter nach Johannesburg auszureisen, schlug fehl. Am 14. September 1942 wurden die beiden von der Gestapo abgeholt. Nach Augenzeugenberichten soll die mittlerweile 74 Jahre alte Frau brutal auf den Lastwagen gestoßen worden sein. Sie wurden zunächst nach Gießen, dann nach Darmstadt gebracht. Rosa Bamberger starb im Alter von 75 Jahren in Theresienstadt, ihr 50 Jahre alter Sohn wurde am 30. September nach Polen deportiert und dort ermordet.

Sehr bekannt war die Familie Isaak, die nachweislich schon vor 1800 in Lich ansässig war und in der jüdischen Gemeinde hohe Ämter bekleidete. Fünf Stolpersteine vor dem Haus Oberstadt 13 erinnern an Emil Isaak, seine zweite Ehefrau Sabine, seine ledige Schwester Mathilde sowie an seine Kinder Irma und Alfred, die aus erster Ehe stammten. Ihnen gelang rechtzeitig die Flucht nach New York. Emil, Sabine und Mathilde aber starben im Ghetto Lodz, das damals Litzmannstadt hieß.

Wie es den Isaaks in den Jahren nach 1933 erging, hat die Tochter Irma später berichtet. Sie hatte 1988 aus der Frankfurter Rundschau erfahren, dass Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule die Geschichte Lichs während des Nationalsozialismus erforschten und den "hellwachen Schülern aus Lich" einen Brief geschrieben, in dem sie auch das Pogrom von 1933 schilderte, bei dem ihr Vater im Schweinestall des Frankfurter Hofs getreten und geschlagen wurde.

"Mein Papa kam blutüberströmt zurück. Er hatte einst ein schönes Vaterland", heißt es in dem Brief. Und weiter: "Das ist bereits 55 Jahre zurück geschehen, und es steht mir vor der Seele, als ob es gestern wäre." Irma, die nach ihrer Heirat Lemberg heißt, ist im Alter von 76 noch einmal in ihre Heimatstadt Lich zurückgekehrt. 2004 ist sie gestorben. Die Plaketten, die an sie und ihre ermordeten Angehörigen erinnern, sollen nicht die letzten gewesen sein. Die AG Stolpersteine will nach und nach 120 Bronzetafeln anbringen lassen. Gunter Demnig wird bereits im April zur nächsten Stolperstein-Verlegung nach Lich kommen.

Schüler der Dietrich-Bonhoeffer-Schule haben 1988 die Geschichte Lichs zur Zeit des Nationalsozialismus dokumentiert. Auslöser waren Hakenkreuz-Schmierereien auf dem Friedhof in Eberstadt. Das Engagement der Jugendlichen und Lehrer war u. a. der Auslöser für die Veranstaltungsreihe "9. November in Lich" und für die Gründung der Chambré-Stiftung.

,,Mein Papa kam blutüberströmt zurück. Das ist jetzt 55 Jahre her, und es steht mir vor der Seele, als ob es gestern wäre.

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