Die Bäckerei Volkmann gibt die Senkung der Mehrwertsteuer nicht an die Kunden weiter, sondern an die Mitarbeiter.
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Die Bäckerei Volkmann gibt die Senkung der Mehrwertsteuer nicht an die Kunden weiter, sondern an die Mitarbeiter.

Mehrwertsteuer

Mehrwertsteuer gesenkt: Wo im Kreis Gießen Kunden und Angestellte profitieren

  • Rüdiger Soßdorf
    vonRüdiger Soßdorf
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Reduzierte Mehrwertsteuer - klingt gut. Doch reichen alle Unternehmen im Kreis Gießen die Steuersenkung an die Verbraucher weiter? Viele ja, aber bei weitem nicht alle. Ein Stimmungsbild.

Gießen - Etwas über 34 Cent sollte jetzt ein Rosenbrötchen in der Bäckerei Volkmann kosten. Doch Frank Pauly lässt den Angebotspreis in dieser Woche unverändert bei 35 Cent. Der Chef der Heuchelheimer Bäckerei hat die seit 1. Juli geänderte Mehrwertsteuer in seinen rund 25 Geschäften umzusetzen. Tut er auch. Aber dafür wird kein Preisschild gewechselt. Die Kunden zahlen die gewohnten Beträge. Denn Pauly geht einen besonderen Weg. Er gibt die Mehrwertsteuersenkung nicht an die Kunden weiter, sondern an seine Mitarbeiter.

»Wir hätten einen hohen Aufwand an Zeit und Material gehabt, um neue Preisschilder zu erstellen. Das Ganze für gerade mal für ein halbes Jahr«, sagt der Geschäftsmann. Denn ab 1. Januar 2021 gelten wieder die alten Mehrwertsteuersätze.

Mehrwertsteuer gesenkt: Teil des Konjunkturpakets

Als Berlin im Juni die Steuersenkung beschloss, um so die durch Corona lahmende Konjunktur anzukurbeln, da setzte sich der Bäckermeister mit seiner Frau Claudia, Sohn Yannik und Prokurist Marc Becker hin und plante die Strategie, wie das so zusätzlich eingenommene Geld den 320 Mitarbeitern zugute kommen kann.

Was bei einem Brötchen weniger als einen Cent ausmacht, das summiert sich in den kommenden sechs Monaten bei Volkmann voraussichtlich auf einen Betrag von rund 100 000 Euro. Just dies will Volkmann-Chef Pauly den Beschäftigen spendieren. »Wir sind der Meinung, dass sie es verdient haben«, sagt er. Denn in den vergangenen dreieinhalb Monaten hätten sie sehr viel auszuhalten gehabt und noch mehr Engagement als ohnehin üblich erbringen müssen.

Mehrwertsteuer gesenkt: Dank an die Mitarbeiter im Kreis Gießen

Allein dass in der Produktion Teams gebildet wurden, um so das Infektionsrisiko zu reduzieren und weiter lieferfähig zu sein, selbst wenn ein Mitarbeiter erkranken sollte, das hat naturgemäß zu noch außergewöhnlicheren Arbeitszeiten geführt, als man sie sonst aus der Backstube kennt. Das Team hat aber klaglos mitgezogen.

Ein Lob vom Chef oder ein freundliches Wort an der Ladentheke seien zwar schön - aber da wolle man gerne mehr tun, sagt der Bäckermeister vom Bieberbach.

Mehrwertsteuer gesenkt: Susis Saftladen spendet

Damit ist er nicht allein: Auch »Susis Saftladen« aus Klein-Eichen am Rande des Vogelsberges wird die Mehrwertsteuer-Differenz einbehalten, um den Aufwand gering zu halten. Susanne Roth-Ernst lässt die Preise unverändert und will den bis zum 31. Dezember anfallenden Differenzbetrag einen guten Zweck zukommen lassen: etwa der Arbeit der Gießener Kinderkrebsstation Peiper. Auch Roth-Ernst setzt auf das Verständnis der Kunden.

Auf den Preistafeln beim Getränkemarkt um die Ecke hat sich ebenfalls nichts geändert: Bier, Wasser, Saft - der Preis ist der gleiche wie im ersten Halbjahr. Für die Kiste »Rosbacher Naturell« werden weiterhin 5,99 Euro aufgerufen. Aber an der Kasse wird entsprechend abgezogen.

Mehrwertsteuer gesenkt: Nicht überall neue Preise

Unverändert lassen viele Gastronomen die Speisenkarten. Sollten die jetzt alle neu gedruckt werden? Eher nicht. Geben die Restaurants die Steuersenkung an die Kunden weiter? Da möchte der Wirt des Vertrauens nicht unbedingt namentlich genannt werden und bittet um Verständnis: Nach drei Monaten Durststrecke, einem ausgefallenen Frühlingsgeschäft - ohne Osterbüfett, ohne Taufen, ohne Konfirmationen - da wird jeder Cent gebraucht. Wenig Spielraum, um den Pizza-Preis zu senken oder das Jägerschnitzel zu »rabattieren«.

Ganz ähnlich klingt ein Elektrohändler: Er werde wohl kaum jede einzelne Batterie wegen der Cent-Beträge umetikettieren. Auf der Rechnung stehe es dann korrekt. Wenn der Kunde nach der Miele-Waschmaschine für 1500 Euro fragt, dann sind es andere Summen. Da machen drei Prozent schon etwas aus.

Klare Sache auch für Elektrohändler Jochen Spaar aus Krofdorf, der sein Geschäft jetzt in Rodheim betreibt: »Die 3 Prozent werden weitergegeben.« Wobei er auch einige wenige Kunden hatte, die den neuen Fernseher in der letzten Juni-Woche orderten und nach der Rechnung für Anfang Juli fragten. War aber eher die Ausnahme. Was er als »kleiner Einzelkämpfer« gleichwohl genau beobachtet hat: Die großen Online-Händler haben teils in den letzten Juni-Tagen die Preise hochgesetzt, um dann mit den 3 Prozent reduzierter Mehrwertsteuer wieder auf den alten Preis zu kommen.

Autohäuser bieten Rabattpakete

Und wie ist das bei Autos, wo es um richtig viel Geld geht? Bei einem Neuwagen für 30 000 Euro, da machen die drei Prozent Mehrwertsteuer weniger schon einige hundert Euro aus.

Der Endkunde kann gelassen bleiben - und auf individuelles Verhandlungsgeschick setzen. Denn die schon vor Corona durch Dieselskandal und E-Mobilitäts-Wandel rotierende Kfz-Branche lockt von sich aus mit Rabatten. Etliche heimische Autohäuser bieten die Vorteilspakete ihrer Mutterkonzerne an. Stichwort: »Mehrwertsteuer geschenkt«.

Das Trommeln muss jetzt wohl sein. Denn als in der Osterzeit gar das Wort von der Neuwagenprämie herumgeisterte, da brach der Verkauf in der Kfz-Branche zeitweise vollends ein. Eben weil die Kunden - letztlich vergeblich - darauf warteten, die 1000 oder 2000 Euro auch noch mitnehmen zu können.

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