Mehr Neubürger, weniger Gäste

  • vonLena Karber
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220 Menschen haben im Kreis Gießen zwischen Juli 2019 und Juni 2020 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Für viele sei das kein leichter Schritt, sagt Isayfo Tulay. Der Dezernent für Integration, Antidiskriminierung und Teilhabe sieht darin jedoch auch eine Chance: die Möglichkeit auf politische Teilhabe, die heute wichtiger denn je sei.

Altes Spiel, neue Bedingungen: Wie bereits in den vergangenen Jahren hat der Landkreis Gießen am Dienstag eine Einbürgerungsfeier veranstaltet. Zu dieser waren 220 Menschen aus dem Kreisgebiet eingeladen, die zwischen dem 1. Juli 2019 und dem 30. Juni 2020 die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten haben. Als Vertreter des multikulturellen Orchesters spielte dabei wegen Corona einzig Marco Konrad.

Es sei ihm und seinem Team wichtig gewesen, den Schritt der Einbürgerung trotz Pandemie "feierlich zu würdigen", begründete Istayfo Turgay, ehrenamtlicher Kreisbeigeordneter und Dezernent für Integration, Antidiskriminierung und Teilhabe, die Entscheidung, die Veranstaltung nicht abzusagen. Schließlich handele es sich bei der Beantragung der deutschen Staatsbürgerschaft für viele Menschen um eine emotionale Entscheidung, da sie oft mit der Aufgabe der bisherigen Staatsbürgerschaft einhergehe. "In der Brust schlagen dann zwei Herzen."

Turgay, der als Säugling mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland kam, ist ein Befürworter der doppelten Staatsbürgerschaft. Diese ist jedoch nur unter bestimmten Bedingungen möglich, etwa wenn die Person ein anerkannter Flüchtling oder EU-Bürger ist. So sind unter den zusammengerechnet 526 Neubürgern in Stadt und Landkreis im genannten Zeitraum 343 Doppelstaatler. Die anderen mussten sich entscheiden.

In den vergangenen Jahren seien wegen des Brexit zunehmend Briten unter den Antragstellern, berichtete Turgay gegenüber dieser Zeitung. Viele würden sie sich, so sein Eindruck, aus demokratischer Überzeugung für die deutsche Staatsbürgerschaft - und damit für die EU - entscheiden.

Die Bedingungen, die an die Erteilung der deutschen Staatsbürgerschaft geknüpft sind (etwa Sprachkenntnisse und grundlegendes Wissen über das Gesellschaftssystem), hält Turgay prinzipiell für sinnvoll. Er selbst hat Familie in Schweden und weiß, wie restriktiv die skandinavische Einbürgerungspolitik ist - und wie gut dadurch oftmals auch die Sprachkenntnisse. Andererseits hat er auch hautnah miterlebt, wie hoch die Anforderungen für manche Einwanderer sein können. "Mein Vater ist dreimal durch den Einbürgerungstest gerasselt und hat resigniert", erzählt er. Denn der Vater konnte nicht richtig lesen, musste sich das meiste autodidaktisch beibringen, zum Teil mit Hilfe von Gebärdensprache. "Das war ein Ding der Unmöglichkeit."

Umso höher weiß Turgay die Vorteile zu schätzen, die eine Einbürgerung mit sich bringt. Zwar sei es auch ohne den deutschen Pass möglich, in Parteien mitzuarbeiten, sagte er bei seiner Rede auf der Einbürgerungsfeier. Doch mit ihm könne man aktiv in der Politik mitwirken. "Meine Bitte ist: beteiligt euch!", forderte er die Eingebürgerten daher auf. In dieser Zeit, in der die Welt einen "Paradigmenwechsel" erlebe und die AfD es geschafft habe, "unter dem Deckmantel der Demokratie in die Parlamente einzuziehen", sei das wichtiger denn je.

Auch Behzad Borhani vom Stadttheater Gießen bezog sich in seiner Rede auf die aktuelle gesellschaftliche Lage. Orte des Austauschs würden zunehmend verschwinden, sagte er. Doch Austausch sei wichtig. "Trauen Sie sich! Gehen Sie ins Theater und gehen Sie vor allem in die Parlamente", lautete sein Appell, den leider nur wenige Menschen erreichte. Der Einladung des Landkreises waren nämlich in diesem Jahr nur drei Einbegürgerte gefolgt.

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