Herausforderung in Corona-Zeiten: Auf dem Boden aufgeklebte Markierungen sind für sehbehinderte Menschen häufig nicht wahrzunehmen. (Symbolfoto)
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Herausforderung in Corona-Zeiten: Auf dem Boden aufgeklebte Markierungen sind für sehbehinderte Menschen häufig nicht wahrzunehmen. (Symbolfoto)

Besondere Hürden mit Sehbehinderung

Mehr Barrieren, keine Priorisierung: Menschen mit Handycap stehen in der Pandemie vor Problemen

  • vonStefan Schaal
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in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln stoßen Menschen mit Sehbehinderung auf besondere Hürden. „Corona trifft Menschen mit Handicap besonders hart“, sagt Sven Germann vom Behindertenbeirat des Landkreises Gießen.

Die Pandemie lähmt, sie setzt das Leben aller auf Pause. Und gleichzeitig bereitet sie Menschen mit Behinderung zusätzliche Barrieren. Wie sollen Menschen, die nicht sehen können, beim Einkaufen oder im Bus auf Abstände achten? Und wie sollen sie im Homeoffice arbeiten, wenn ihnen wichtige Hilfsgeräte nur im Büro zur Verfügung stehen?

Sven Germann, der Vorsitzende des Behindertenbeirats des Landkreises, sitzt auf der Terrasse seines Hauses in Gießen. Die Corona-Krise sei „eine schwierige Zeit“, sagt der 47-Jährige, der aufgrund einer angeborenen Netzhauterkrankung über eine Sehkraft von einem Prozent verfügt und nur zwischen hell und dunkel unterscheiden kann. „Corona trifft Menschen mit Handicap besonders hart.“

Vorsitzende des Behindertenbeirats des Landkreises: Corona-Krise ist „eine schwierige Zeit“

Neben Germann haben links und rechts sein elf Jahre alter Sohn und seine neun Jahre alte Tochter auf der Terrasse Platz genommen. Die Sonne scheint. Vor wenigen Minuten sind noch Hagelkörner auf die Fliesen geprasselt. Aprilwetter. Während Germann aus seinem Alltag in Corona-Zeiten erzählt, haben die beiden Kinder in diesem Moment jeweils eine Hand auf einen Arm ihres Vaters gelegt. Berührung und Interaktion seien für Menschen mit Sehbehinderung besonders wichtig, betont Germann später. „Ich bin auf Kontakt ausgelegt.“

Nun, in Zeiten von Kontaktbeschränkungen und Abstandsregeln, stößt Germann wie auch andere Menschen mit Sehbehinderung indes auf Hürden und Erschwernisse.

Im Bus zum Beispiel, auf der Suche nach einem freien Sitzplatz. “Ich ertaste mir den Weg, während andere aus Sorge vor einer Infektion lieber nichts berühren.“ Im Bus sitzend spüre er hinter sich bisweilen den Atem eines anderen im Nacken. “Ich denke dann: Hätte ich diesen Menschen früher bemerkt, hätte ich mir einen anderen Platz gesucht.“

Auf zusätzliche Hindernisse stößt Germann auch beim Einkaufen. Der Besuch alleine im Supermarkt war für Germann freilich auch vor Corona mit Schwierigkeiten verbunden. Er suchte dann häufig den Kontakt zu Mitarbeitern und Kunden, ließ sich zu Regalen führen. Daran ist nun während der Pandemie, in der auf direkten Kontakt möglichst verzichtet werden soll, eher nicht mehr zu denken. “Alleine einkaufen ist kaum noch möglich„, sagt Germann und erzählt von Diskussionen mit Mitarbeitern in Geschäften, wenn diese darauf bestehen, dass er einen Einkaufswagen durch den Laden schiebt oder einen Korb trägt.

Corona-Pandemie: Menschen mit Handycap bei den Impfungen nicht priorisiert

Wenn Germann einkaufen geht, begleiten ihn nun oftmals seine Kinder. „Wir achten auf Abstände, so gut es geht“, sagt Germanns Sohn Jan. Sein Vater wünscht sich unterdessen, dass sich Leiter von Supermärkten und Geschäften mehr Gedanken darüber machen, wie sie Menschen mit Behinderung das Einkaufen in Krisenzeiten erleichtern können. “Dass Supermärkte Einkäufe und frische Lebensmittel nach Hause liefern, ist die Ausnahme“, bedauert Germann, der die Bezirksgruppe Gießen-Oberhessen des Blinden- und Sehbehindertenbundes mit mehr als 100 Mitgliedern leitet.

Hinzu komme, dass viele Menschen mit Behinderung, die gerade in Krisenzeiten Hilfe wie zum Beispiel beim Einkaufen bräuchten, über kein großes soziales Netzwerk verfügen und während der Pandemie zunehmend vereinsamen.

Dass blinde und sehbehinderte Menschen auf Abstandsregeln oder die Empfehlung, möglichst wenig anzufassen, schwer achten können, sei „keine böswillige Absicht“, betont Germann. Sie sind dadurch aber einem höheren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Es wäre naheliegend, sie bei den Corona-Schutzimpfungen zu priorisieren. „Das würde ich mir vom Bund wünschen“, sagt Germann. „Es würde das Leben entspannter machen.“

Bei den Corona-Impfungen aber fällt er in keine besondere Prioritätengruppe. “Ich bin erst an der Reihe, wenn meine Altersgruppe dran ist„, sagt Germann. Blinde und Sehbehinderte werden im Rahmen der Schutzimpfungen nicht bevorzugt. Auch der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband hat dies kürzlich bemängelt und die Politik kritisiert. Auf kommunaler Ebene könne er da wenig ausrichten, sagt Germann. “Es ist eben kein Wunschkonzert.„

Mit Handycap im Corona-Lockdown: Spezielle Zusatzgeräte im Homeoffice nicht verfügbar

Germann macht unterdessen deutlich, dass die Pandemie Sehbehinderten auch in anderen Bereichen das Leben erschwert. So bekommen Mitarbeiter in Betrieben vielfach einen Laptop gestellt und arbeiten im Homeoffice. Sehbehinderte aber seien auf spezielle Zusatzgeräte zur Spracherkennung und Sprachausgabe angewiesen, die fünfstellige Summen kosten und zu Hause nicht zur Verfügung stehen.

Auf die Frage, ob bei den Corona-Bestimmungen und Abstandsregeln Sehbehinderte vergessen wurden, schüttelt Germann den Kopf. „Die Regeln sind ja angemessen und korrekt. Wie sollte man das denn anders durchziehen?“ Ob im Supermarkt, an der Bushaltestelle oder im Büro: Es gehe schlicht „um das Gebot des grundsätzlichen Miteinanders, mehr auf seine Mitmenschen zu achten.“

Er selbst komme trotz mancher Erschwernisse gut durch die Corona-Krise, versichert der Vorsitzende des Behindertenbeirats. Grundlage müsse sein, sich das heitere Gemüt zu bewahren. Dann fügt er schmunzelnd hinzu: „Augen zu und durch.“

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