Axel Heller
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Axel Heller

Ein Mann für die Notfälle

  • vonStefan Schaal
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Prof. Axel Heller ist ein Experte für den Ausnahmezustand: Der Intensivmediziner bekämpft die Corona-Pandemie, hat im Raum Augsburg ein Notfallsystem für 16 Krankenhäuser aufgebaut. Renommee hat sich der in Langgöns aufgewachsene Arzt mit einem Frühwarnsystem zur Minimierung von Herzstillständen erarbeitet. Ein Porträt zum Weltherztag.

Das Herz, das Symbol der Liebe. Professor Axel Heller hat als Mediziner bei Operationen schon auf so manches Herz geschaut - eine romantische Bedeutung hat das Organ für ihn eher weniger. "Es sieht aus wie ein Bizeps mit Hohlräumen in der Mitte", sagt der Langgönser. "Aus medizinischer Sicht ist das Herz ein Muskel, der das Blut transportiert."

Mit ernster Miene blickte Heller vor sechs Monaten in eine Kamera. "Sie können uns retten", sagte der Arzt in einem auf YouTube veröffentlichten Appell an die Bevölkerung, die Corona-Richtlinien einzuhalten. "Wir können in der Medizin nur die Spitze des Eisbergs leicht anschmelzen." Ein halbes Jahr ist das Video alt. An Dringlichkeit hat es kaum verloren, noch immer beherrscht die Pandemie den Alltag. Und der in Langgöns aufgewachsene Heller ist inmitten des Geschehens ein Organisator und Macher. Seit dem Ausbruch der Pandemie versorgt der Direktor der Augsburger Klinik für Anästhesiologie und Operative Intensivmedizin auch Corona-Patienten. Er baute in dem Krankenhaus eine von mehreren Corona-Intensivstationen auf, wohlgemerkt in einem Hotspot in Bayern. "Wir hatten im April zum Teil 50 Patienten gleichzeitig, davon 20 beatmet", erzählt Heller.

Gleichzeitig hat er im Auftrag der bayerischen Landesregierung für 16 Krankenhäuser in Augsburg und umgebenden Landkreisen zwischen März und Juni ein Notfallsystem aufgebaut, hat unter anderem die Verteilung von Corona-Patienten organisiert. Und ganz nebenbei hebt Heller in Augsburg einen Studiengang für Medizin aus der Taufe. Am neuen Augsburger Uni-Klinikum war Heller im Wintersemester vergangenen Jahres der erste lehrende Professor für Medizin, er betreute die ersten 80 Studenten. Derzeit, in Corona-Zeiten, müsse man improvisieren, berichtet er. Viele Vorlesungen und Seminare laufen digital und über Videokonferenzen. "Aber es funktioniert ganz gut."

Bei all den Aufgaben wirkt Heller im Gespräch erstaunlich besonnen. Bisweilen greift er auf Fachbegriffe zurück, spricht von "Kontagiosität" und "abverlegten Patienten", gleichzeitig strahlt er Klarheit und Ruhe aus. Auf die Frage nach dem aktuellen Stand in der Corona-Krise und zum Anstieg der Fallzahlen erklärt er: "Wir sind wesentlich besser vorbereitet." Es gebe gute Absprachen, ausreichend Betten und Schutzausrüstung.

Improvisieren, mit neuen Situationen umgehen, helfen, organisieren: Das Rüstzeug dafür hat sich Heller in seiner Heimat angeeignet, in Langgöns. Als Sanitäter beispielsweise und beim Roten Kreuz. Sein Vater, Gerhard Heller, war im Kreisgebiet als Macher hinter den Kulissen bekannt, als Organisator von Krankentransporten und Blutspenden, als Einsatzleiter bei Motocross-Events und Handballturnieren, bei Flugschauen und Gewerbeausstellungen. Mehr als 50 Jahre lang war Gerhard Heller Vorsitzender der Ortsvereinigung des Deutschen Roten Kreuzes in Langgöns. Für seinen außergewöhnlichen Einsatz für Mitmenschen wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Sein Sohn Axel hat sich in medizinischen Kreisen Renommee erarbeitet, indem er ein digitales Frühwarnsystem entwickelt hat, das für Patienten das Risiko, an einem Herzstillstand zu sterben, deutlich minimiert. 2019 wurde er dafür ausgezeichnet. Zwei Jahre lang hat der Langgönser für eine Studie knapp 4000 Patienten beobachtet, die sich von einem chirurgischen Eingriff erholten. Er ließ per Sensoren Vitalwerte wie Herzschlag, Atmung, Blutdruck und Sauerstoffsättigung messen, die via WLAN auf den Stationsmonitor übertragen wurden, Pflegekräfte nahmen weitere Messungen vor. "Die gemessenen Werte werden je nach Abweichung vom Normalzustand automatisch beurteilt und in einer Rangliste dargestellt", erklärt Heller. "Kein kritischer Patient kann dadurch der Aufmerksamkeit der Ärzte entgehen." Das Risiko, nach einer Operation einen Herzstillstand zu erleiden, liege bei 0,53 Prozent. "Mit dem digitalen Frühwarnsystem haben wir die Rate auf 0,21 Prozent halbieren können."

Wer als Laie an brillante Mediziner denkt, hat Ärzte aus Fernsehserien wie "Dr. House" vor Augen. Genies, die durch Beobachtungsgabe seltenen Erkrankungen auf die Spur kommen. Heller macht deutlich, dass schlicht Organisation und die Verfeinerung von Behandlungsmethoden Tausenden Menschen das Leben retten können.

Schließt Heller seine Augen und erinnert sich an seine Kindheit, blickt er auf Wald und Felder in Lang-Göns. Er denkt an Wochenenden mit seinen Pfadfinder-Kameraden. An eine idyllische, friedliche Zeit. Seine Eltern führten ein Elektrogeschäft in der Amthausstraße. Er habe im Laden seiner Eltern häufig ausgeholfen, erzählt Heller. Auch wenn er die Gießener Region nach dem Studium in Richtung Dresden und dann nach Augsburg verlassen und eine Fränkin geheiratet hat, kennt seine ganze Familie - auch die Schwiegereltern zitieren es lachend - ein geflügeltes Wort, das Hellers Heimat mit der Stadt der Liebe vergleicht: "Longgies - kloa Paris".

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