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Mamas Liebling, Papas Stolz

  • Gabriele Krämer
    VonGabriele Krämer
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Der Bub liebt die Technik, das Mädchen die Puppen: Mit Exponaten aus einem Zeitraum über 100 Jahre bedient das Museum Fridericianum in Laubach in der neuen Sonderausstellung »Kinder, Kinder!« durchaus Klischees. Die detailreiche und liebevoll gestaltete Schau wird an diesem Wochenende eröffnet.

Hat ihn ein großer Hund gezogen oder war sogar eine Ziege eingespannt? Der eigentümliche doppelte Schiebewagen aus der Zeit um 1900 lässt Gedankenspiele solcher Art zweifellos zu. Fest steht, dass gleich zwei Kinder Platz hatten auf jenem gut erhaltenen Gefährt, das jetzt einer der Hingucker der Sonderausstellung »Kinder, Kinder!« im Museum Fridericianum ist.

Mitten auf dem Wagen drapiert ist ein dunkelbrauner Teddybär mit besonderer Geschichte: Er wurde um 1940 vermutlich in einer ostdeutschen Werkstätte hergestellt, noch vor 1945 in Danzig gekauft und ging mit seiner Besitzerin auf die Flucht gen Westdeutschland. In Laubach fand er ein neues Zuhause, dort landete er im Museum.

Dessen Fundus, der sich über mehrere Räumlichkeiten im Museum selbst sowie in der Stadtverwaltung erstreckt, ist prall gefüllt. »Das macht ein Museum aus, dass es sich auf eine Dauerausstellung spezialisieren und auch Sonderausstellungen bieten kann«, unterstreicht Museumsbeauftragte Elisabeth Rößler bei der Vorbesichtigung stolz.

Ihr Faible ist die Organisation und Gestaltung einer solchen Schau. Gemeinsam mit Dr. Kari Kunter (Konzept) und Gundela Lind (Museumsdienste) hat sie während des monatelangen Lockdowns von Oktober 2020 bis Juni 2021 das Inventar für »Kinder, Kinder!« gesichtet und geeignete Exponate extrahiert. Diese zeigen Entwicklungen über 100 Jahre auf, bilden den Zeitraum von 1850 bis 1950 ab.

Um Leihgaben ergänzt, entstanden die vier Themenbereiche »Baby/Kleinkind«, »Mädchen«, »Jungen« sowie »Lesen und Lernen«, jeweils angereichert um großformatige Text- und Bildtafeln. Nicht hoch genug zu bewerten ist, dass die drei Frauen aus den Reihen des heimatgeschichtlichen Arbeitskreises dies alles ehrenamtlich geleistet haben.

»Die Ausstellung war lange fertig auf Abruf«, sagt Rößler und freut sich, dass die Schau endlich eröffnet werden kann. Unterschiedlichste Facetten rund um Mamas Liebling und Papas Stolz geben den jeweiligen Zeitgeist in Stadt und Land wieder. »Jungen wurden im Matrosenanzug, Mädchen mit Püppchen fotografiert. Das war früher weit verbreitet«, sagt Rößler. Auffällig bei etlichen Abbildungen von anno dazumal ist deren gute Qualität: »Nicht verwunderlich, denn nur Betuchte konnten sich den Besuch bei einem Fotografen leisten«, erläutert die Museumsbeauftragte.

Aus der Biedermeierzeit datieren Spiele, die als Vorläufer des Puzzle gelten könnten: »Rechnen-Lotto« etwa ist ein Lernspiel um 1840. Die Bilder, Lithografien, sind an verschiedenen Stellen mit Eiweiß überzogen und dadurch glänzend gemacht. Die Karten sind mit der Hand geschnitten.

Ein Schwerpunkt der Ausstellung ist die Zeit um 1900. Seinerzeit setzten sich das Wort »Baby« für Säugling und die Farbverteilung durch: Rosa für Mädchen, Hellblau für Jungen. Als Babys wurden beide Kinder noch nahezu gleich behandelt, danach wurden sie auf ihre Rolle als Junge oder Mädchen fixiert und sehr unterschiedlich erzogen. Das zukünftige »Hausmütterchen« zeigt sich als kleines Mädchen, das seine Puppen liebt, die Puppenstube in Ordnung hält, Herd und Geräte der Spielküche zu benutzen weiß und mit feinem Puppengeschirr hantieren kann. Der Stammhalter dagegen lebt sich beim Spiel mit Modelleisenbahnen, Mini-Dampfmaschinen und filigranen Zinnfigürchen aus.

Wertvolle Puppen wie die »Frozen Charlotte«, hübsch hergerichtete Taufkleidchen und Hemdchen, seltene Kindermöbel, uralte Kinderbücher - darunter eine »Struwwelpeter«-Ausgabe von 1844 - und so viel mehr sind in der Sonderausstellung zu sehen. Besucher sollten Zeit mitbringen, denn neben der Sonderausstellung bietet das Museum Fridericianum eine Dauerausstellung auf drei Etagen.

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