Lea Rühl lebt in der Evangelischen Stiftung Arnsburg. Besuch darf sie dort zur Zeit nicht empfangen. Deshalb berichtet sie gemeinsam mit ESTA-Vorstand Fabian Scharpin per Video-Chat über die Situation im Licher Kinder- und Jugendheim. FOTO: US
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Lea Rühl lebt in der Evangelischen Stiftung Arnsburg. Besuch darf sie dort zur Zeit nicht empfangen. Deshalb berichtet sie gemeinsam mit ESTA-Vorstand Fabian Scharpin per Video-Chat über die Situation im Licher Kinder- und Jugendheim. FOTO: US

Die Mama umarmen geht nicht

  • Ursula Sommerlad
    vonUrsula Sommerlad
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Besuch dürfen sie nicht empfangen. Zur ihren Familien dürfen sie nicht fahren. Für die Bewohner der Ev. Stiftung Arnsburg in Lich ist das Leben kompliziert geworden, denn für Kinder- und Jugendheime gilt ein Betretungsverbot.

Am Anfang hat sie Serien auf Netflix geschaut. Als das irgendwann zu langweilig wurde, hat Lea den Balkon renoviert. Sie hat Fenster geputzt. Sie hat, als Hausaufgabe für die Berufsschule, eine große Menge Windbeutel gebacken. Lea Rühl ist 18 Jahre alt und von der Corona-Krise in besonderem Maße getroffen. Sie lebt in der ESTA, der Evangelischen Stiftung Arnsburg in Lich. Wegen der Ansteckungsgefahr hat das Land Hessen für Kinder- und Jugendheime ein Betretungsverbot ausgesprochen. Heißt konkret: Auch die gut 50 Bewohner der ESTA dürfen auf dem Gelände in der Höhlerstraße keinen Besuch empfangen. Noch nicht einmal ihre Familien. Seit Mitte März die Schulen geschlossen wurden, leben die jungen Leute im Krisenmodus. "Wir sind seit fünf Wochen nur zu Hause", erzählt Lea, die seit vielen Jahren die Kinder- und Jugendvertretung leitet.

Die Situation stellt nicht nur die jungen Bewohner vor besondere Herausforderungen, sondern auch die Pädagoginnen und Pädagogen. "Wir versuchen, alle zu ihrem Recht kommen zu lassen", beschreibt Fabian Scharping, der Geschäftsführende Vorstand der ESTA, den Anspruch.

Die Evangelische Stiftung Arnsburg verfügt über sechs Wohngruppen, in der jeweils sieben bis zehn Kinder und Jugendliche leben. Weil keiner mehr in die Schule geht und keiner in den Ferien nach Hause zur Familie durfte, mussten die Betreuungszeiten ausgedehnt werden. "20 Wochenstunden mehr pro Gruppe, das entspricht einer halben Stelle", rechnet Scharping vor. Es gibt jetzt keine Doppeldienste mehr und auch keine Teamsitzungen, sondern nur kurze Übergaben. Ansonsten sind die Pädagogen einzeln in den Wohngruppen tätig. Da sind gute Nerven gefragt, wie der Geschäftsführer weiß: "Machen Sie mal Home-Schooling mit zehn Kindern, die alle unterschiedlich alt sind und verschiedene Schulen besuchen." Aber er ist voll des Lobes: "Kinder und Mitarbeiter meistern das mit Bravour."

Auch nachmittags müssen sich alle etwas einfallen lassen. Spielen ist erlaubt, schweißtreibender Sport hingegen verboten. Und auch direkte Kontakte mit den Bewohnern anderer Gruppen sind tabu. "Glücklicherweise ist unser Gelände groß genug", sagt Scharping. "Kinder müssen sich ja austoben können." Aber wer wann was benutzen darf, muss genau abgesprochen werden.

Besonders gefragt sind die neuen Kettcars, die die ESTA den Kids in der Corona-Krise spendiert hat. "Die sind der Renner, richtig cool", erzählt Lea Rühl. "Wir stricken wöchentlich an neuen Ideen, damit wir gut durch die Zeit kommen", ergänzt Fachbereichsleiterin Sindy Becker.

Neben den Wohngruppen bietet die Evangelische Stiftung Arnsburg eine Tagesgruppe und ambulante Beratung an. Auch diese Angebote sind Beschränkungen unterworfen. Die Tagesgruppe wurde halbiert, die Kinder kommen jetzt abwechselnd an verschiedenen Tagen, dafür aber länger, "damit die Familien zu Hause Entlastung haben", erläutert Scharping. Und im ambulanten Bereich werde viel telefoniert. "Wir haben dafür mit den Familien feste Zeiten ausgemacht." Das gebe Struktur. Um den Kontakt zu halten, finden zudem weiter Hausbesuche statt, nur eben nicht im Haus, sondern davor, an der Haustür und auf Abstand, wie der Geschäftsführer erläutert.

Laut Scharping war die ESTA auf die Krise vorbereitet. Mit angespannten Situationen habe man nicht zuletzt vor fünf Jahren in der Flüchtlingskrise umgehen gelernt. Schon damals habe man gut mit dem Jugendamt kooperiert. Die Zusammenarbeit funktioniere auch jetzt wieder. "Es ist nur positiv, was im Landkreis an Krisenmanagement läuft". Besonders erfreulich: Vor wenigen Tagen sei die zugesagte Lieferung an OP- und FFP2-Masken eingetroffen.

Auch die Einrichtung selbst habe sich rechtzeitig für die jetzige Situation gewappnet. Anfang März, noch vor der Schließung von Schulen und Kitas, entwickelte ein Krisenteam einen Pandemieplan. Und auch für den Fall einer Infektion sei man gerüstet. "Mit der Frage, wie häusliche Quarantäne in einer Wohngruppe aussehen könnte, haben wir uns auseinander gesetzt", sagt der Geschäftsführer.

Den jungen Bewohnern haben die Verantwortlichen einen Appell ans Herz gelegt: "Für euch ist das wohl relativ ungefährlich, aber ihr müsst Verantwortung für andere übernehmen!" Leicht ist das nicht für die jungen Leute. "Man kann nicht rausgehen ins Schwimmbad oder andere coole Sachen machen", bedauert Lea. Für die jüngeren Kinder sei die Lage besonders schwer. "Die verstehen das ja gar nicht so richtig."

Das gilt insbesondere für den Kontakt zu den Familien. Verboten ist er nicht, aber es gibt eine Empfehlung: Die Kinder sollen in der Einrichtung bleiben und die Familien möglichst draußen. Das sieht im Einzelfall ganz unterschiedlich aus. "Manche Eltern verzichten von sich aus auf direkten Kontakt, nicht zuletzt die, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen müssen", berichtet der Geschäftsführer. Aber wenn Besuch kommt, dann ist Distanz geboten. Ein Spaziergang mit drei Metern Abstand und gegebenenfalls in Begleitung eines Pädagogen ist erlaubt. Aber die Mama umarmen, das geht jetzt gerade nicht. Die Verantwortlichen befinden sich dabei in einem ständigen Abwägungsprozess: Was ist möglich, ohne Gefahren einzugehen? Eines ist dem Geschäftsführer dabei wichtig: "Das Menschliche darf nicht auf der Strecke bleiben."

Auch Lea, die KiJu-Vorsitzende, ist sich der Schwierigkeiten bewusst. "Die Feiertage waren hart", sagt sie rückblickend. Aber mit den Mitbewohnern aus ihrer Gruppe hat sie das Beste daraus gemacht. Mittags haben sie zu zehnt gemeinsam gebruncht. "Und am Abend haben wir gegrillt und so richtig Ostern gefeiert."

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