Die Richterrobe hat Klaus Lang nun nicht mehr an. Auf die Frage, ob er die Laufbahn noch einmal einschlagen würde, sagt der 65-Jährige: "Ja, ich würde es wieder tun." FOTO: PM
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Die Richterrobe hat Klaus Lang nun nicht mehr an. Auf die Frage, ob er die Laufbahn noch einmal einschlagen würde, sagt der 65-Jährige: "Ja, ich würde es wieder tun." FOTO: PM

Von "Luxustieren" und "gutem Glauben"

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Nach 33 Jahren als Richter geht Klaus Lang, zuletzt Vorsitzender der vierten Zivilkammer am Landgericht Gießen, in Pension. Zumindest ein bisschen, denn nun macht Lang als Anwalt weiter. Im Interview spricht der in Lich wohnende Jurist über kuriose Fälle, Zeitmanagement und Nachwuchssorgen der Justiz.

Herr Lang, vor drei Jahren haben Sie einen Prozess geführt, der auf großes Interesse stieß: Sie haben die Halterin eines Esels verurteilt, weil dieser in einen McLaren gebissen hatte. Was war da los?

Das Besondere daran war die mediale Aufmerksamkeit. Juristisch war es im Grunde ein einfacher Fall: Der Halter eines sogenannten Luxustieres haftet - wie ein Autohalter - aus dem Prinzip der "Gefährdungshaftung" heraus, auch ohne Verschulden.

Esel gelten als Luxustiere?

Wir unterscheiden zwischen Luxustieren und Nutztieren. Bei einem sogenannten Luxustier haftet der Halter, wenn das Tier jemand anderem einen Schaden zugeführt hat. Bei einem Nutztier - etwa der Kuh auf der Weide - haftet der Halter zwar auch. Aber wenn er alles getan hat, um einen Unfall zu vermeiden, kann er aus der Haftung herauskommen. Das Luxustier dient quasi dem Vergnügen des Menschen, hat keinen beruflichen Zweck.

Und das galt in diesem Fall für den Esel?

Der Esel stand quasi als Tier zum Ansehen und Streicheln auf der Weide. Der Fall war so einfach, weil man nur feststellen musste: Hat der Esel in das Auto reingebissen? Die Spurenlage war relativ eindeutig, es gab auch einen Zeugen. Die Versicherung hatte die Idee, ein Mitverschulden des McLaren-Fahrers zu konstruieren. Ich habe die Ansicht nicht geteilt. Der Mann ist zur Tierarztpraxis gefahren, hat gewendet und der Esel kam angeschossen und hat schnell in das Auto gebissen. Das war es schon. Es war auch unstreitig, dass der Esel schon einschlägig bekannt war.

Ein Wiederholungstäter?

Sozusagen. Er hatte schon einmal in einen Mercedes gebissen - das hat in der Beweisführung natürlich schon eine Rolle gespielt.

Hat Sie das öffentliche Interesse an dem Fall überrascht?

Das hat mich schon gewundert. Als der Fall auf mei- nem Schreibtisch landete, dachte ich, dass sich viel- leicht aus dem hiesigen Raum jemand von der Presse dafür interessieren könnte.

Aber es waren deutlich mehr.

Ich hatte den Fall in meinem kleinen Saal terminiert, da gehen ungefähr acht Zuschauer rein, in der Regel kommen nicht mehr. Dann hat sich das ZDF noch bei mir angekündigt. Ich habe dann mit einem großen Zivilsaal getauscht. Am Tag der Verhandlung hat mir eine Kollegin ein Bild von einem Esel auf den Schreibtisch gelegt und dazu geschrieben: Sie kommen alle! Da war mir klar, dass richtig viel los sein wird.

Denken Sie, dass bei einem alten Kleinwagen das mediale Interesse ähnlich groß gewesen wäre?

Nach der Verhandlung rief mich ein "Bild"-Reporter an, den habe ich das auch gefragt. Er meinte: Bei einem alten Opel Corsa wären wir auch gekommen. "Esel beißt Auto" sei immer eine Schlagzeile. Da kam alles zusammen: Eines der teuersten Autos, die man kriegen kann. Das Auto war karottenrot - bekannterweise essen Esel gern Karotten. Der Halter des Autos hieß Zahn, das passte auch noch. Aber es gibt auch andere für die Öffentlichkeit interessante Fälle, da kam dann niemand.

Zum Beispiel?

Ich hatte vor vielen Jahren einen Fall, bei dem eine Minderjährige sich über ihren Lehrer geärgert hatte. Sie hat eine sehr kindlich gemalte Skizze des Lehrers gefertigt, an einem Galgen hängend. Dann ist sie in ein Tattoo-Studio gegangen und hat gesagt: Das möchte ich auf meinem Rücken haben. Der Tätowierer hat gesagt: Okay, das kostet soundso viel. Sie hatte das Geld und wurde tätowiert.

Wie ging es weiter?

Die Eltern haben das irgendwann entdeckt und ein Schmerzensgeld für ihre Tochter gefordert. Diesen Fall fand ich schon kurios.

Inwiefern war das juristisch interessant?

Es ging um die Frage der Gutgläubigkeit. Der Tätowierer sagte, er habe das Mädchen für erwachsen gehalten. Das Gesetz sieht in diesem Fall aber keine Gutgläubigkeit vor, wenn man zum Beispiel glaubt, jemand sei der Eigentümer einer Sache. Aber den guten Glauben an die Volljährigkeit gibt es laut Gesetz nicht, da geht der Schutz des Jugendlichen vor. Der Tätowierer hätte sich den Ausweis zeigen lassen müssen.

Wie fiel Ihr Urteil aus?

Auch dieser Fall konnte verglichen werden, nachdem wir lange verhandelt hatten. Der Tätowierer hat irgendwann eingesehen, dass sein Handeln nicht richtig war. Ich hatte vorher informationshalber mit einem Hautarzt telefoniert und gefragt, ob sich ein solches Tattoo entfernen lässt, das wollte ich für die Höhe des Schmerzensgeldes wissen. Der sagte mir: Wenn es eine Strichzeichnung ist, bekommt man das relativ gut weg. Der Tätowierer musste dann mit dem Schmerzensgeld leben. Er hat gelernt, dass er sich besser den Ausweis zeigen lässt.

Recherche gehört zum Richterjob also auch dazu.

Durchaus. Für das Schmerzensgeld gibt es ja keinen gesetzlichen Katalog, sondern das Gesetz geht von einem "angemessenen Schmerzensgeld" aus. Es gibt zwar Sammlungen, an denen man sich orientieren kann, aber so etwas findet man natürlich nirgendwo.

Warum sind Sie eigentlich Jurist geworden?

Ich war in Gießen auf der Herderschule. Wir hatten damals als Versuchsprojekt das Fach Rechtskunde, das war mein Leistungskurs und hat mein Interesse an Jura geweckt. Nach meinem Wehrdienst habe ich dann überlegt, Jura zu studieren, um mal zu schauen: Was ist da wirklich zu tun? Es hat mir Spaß gemacht und ich bin dabei geblieben.

Auf manche wirkt Rechtskunde eher dröge. Was hat Sie daran konkret interessiert?

Die Rechtsmaterie bringt Sie mit alltäglichen Problemen zusammen, die Sie dann auch zu einer Lösung führen können. Wir haben ein Drei-Gewalten-System und es hat mich fasziniert, dass diese dritte Gewalt in der Lage ist, vieles noch mal nachzujustieren. Auch in der Corona-Krise ist das ja schon in einigen Punkten geschehen.

Sie hätten damals auch Anwalt oder Staatsanwalt werden können - wieso stattdessen Richter?

Wegen der richterlichen Unabhängigkeit. Das hat verschiedene Facetten: Sie sind dem Gesetz und der Verfassung unterworfen, aber Sie haben als Richter keinen Vorgesetzten, dem Sie irgendwie Bericht erstatten müssten, wie Sie einen Fall lösen. Sie können sich Rat holen, sind aber von Anfang an eigenverantwortlich. Und dann haben Sie auch ein freies Tageskonzept: Sie können die Vor- und Nachbereitung der Fälle zeitlich so gestalten, wie Sie es für richtig halten. Man muss nicht morgens eine Stechuhr bedienen, um seine Anwesenheit zu dokumentieren. Sie müssen aber auch schnellstmöglich eine Struktur finden, wie Sie den Tag organisieren.

Wie attraktiv ist der Richterberuf heute für junge Juristen?

Heute interessieren sich nicht mehr so viele für den Richterberuf wie früher. Das liegt auch daran, dass der Staat wesentlich schlechter bezahlt als die Wirtschaft. Wenn ein Prädikatsjurist - also ein Jurist mit mindestens "voll befriedigendem" zweiten Staatsexamen - als Richter anfängt, verdient er grob gerechnet etwa die Hälfte dessen, was er in einer Großkanzlei in Frankfurt bekommt. Das ist schon eine Marke. Man hört, dass mitunter 120 000 Euro brutto als Eingangsgehalt für Prädikatsjuristen in großen Kanzleien gezahlt werden.

Was spricht aus Ihrer Sicht dafür, sich für eine Richterlaufbahn zu entscheiden?

Das Wichtigste ist die richterliche Unabhängigkeit. Und Sie müssen auch keine Angst haben, dass Ihr Arbeitgeber insolvent wird. Ein Kollege hat mal gesagt: Der Rock des Staates ist kurz, hält aber warm. Das stimmt.

Ihre Verfahren als Zivilrichter standen seltener im Fokus der Öffentlichkeit als große Strafprozesse. Ist das aus Ihrer Sicht ein Vor- oder Nachteil?

Für viele zivilrechtliche Fälle ist es wahrscheinlich schwierig, wenn es eine große mediale Aufmerksamkeit gibt, weil die Parteien vielleicht gehemmt sind. Manchen ist es nicht angenehm, wenn da noch ein Haufen Leute im Saal sitzt. Aber es ist gut, dass wir den Grundsatz der Öffentlichkeit haben.

Worum geht es in einem Zivilprozess grundsätzlich?

Eigentlich geht es im Zivilprozess darum, dass zwei Parteien einen Streit haben, der gelöst werden muss - am besten so, dass sie sich später wieder zusammenraufen können. Wenn sich zum Beispiel zwei Nachbarn streiten, weil ein Baum zu viel Laub abwirft, dann muss das Hauptziel eines Richters sein, diesen Streit in einen Vergleich zu führen. Die Parteien müssen ja in diesem Fall noch lange zusammenleben.

Sie sind erst frisch als Richter verabschiedet worden, haben inzwischen aber schon eine Zulassung als Anwalt erworben. Wieso gehen Sie nicht einfach in den Ruhestand?

Ich möchte eine Beschäftigung haben, die mich geistig fordert. Lesen allein genügt mir da nicht. Kürzlich bin ich meine 5000 Saisonkilometer Fahrrad gefahren. Ich brauche ein paar Ziele, das klassische Pensionärsdasein ist nicht meins.

Sie hatten auch mit einem Studium geliebäugelt.

Mein ursprünglicher Plan war: Ich hätte gerne Geschichte studiert, das hat mich eigentlich immer interessiert. Während Corona an meinem Laptop Vorlesungen verfolgen - das wollte ich dann aber doch nicht machen.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?

Seit zwei Wochen bin ich Rechtsanwalt, der Ruhestand dazwischen ging eigentlich nur drei Tage. Ich habe tatsächlich schon ein Mandat bekommen. Vielleicht werde ich Gespräche führen, ob ich an eine Kanzlei andocke. Aber ich möchte jetzt natürlich nicht mehr ganztägig arbeiten.

Das klingt nicht wirklich nach Ruhestand. Können Sie diesen neuen Abschnitt auch genießen?

Ich habe schon gemerkt, dass man morgens etwas beschaulicher mit dem Tag anfängt. Einige meiner Freunde sind schon in Pension. Da habe ich oft den Satz gehört: Ich habe keine Zeit. Mir ist jetzt schon nach zwei Wochen klar, wo das herkommt: Wenn man sich morgens zu sehr am Kaffeetisch vergnügt und Zeitung liest, ist es schnell elf Uhr, dann ist bald nicht mehr viel Tag übrig. Ich muss wahrscheinlich bald wieder zu meiner alten Disziplin bei der Tagesgestaltung zurückkommen. Noch ist es wie ein kleiner Urlaub.

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