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"Jugendliche sind die schwächsten Glieder in der Demokratie", sagt Andreas Schaper. Vor allem deshalb sei "Dabeisein im Lumdatal" so wichtig.

"Das Lumdatal ist bunt und nicht braun"

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Noch vor ein paar Jahren hatte das Lumdatal ein Naziproblem. Die Initiative "Dabeisein" stellte sich dem entgegen und erreichte vor allem junge Menschen. In den letzten Monaten stand das Projekt allerdings auf der Kippe. Andreas Schaper (31), einer der Koordinatoren, spricht über den Stand der Dinge. Er sagt, sollte es nicht weitergehen, "wäre das vor allem für die Jugendlichen in Rabenau schlimm".

Es lag am Geld. Anfang des Jahres stimmte Rabenau gegen eine Fortführung des Projekts "Dabeisein - Partnerschaft für Demokratie Lumdatal". Die Entscheidung der Gemeinde brachte das Gemeinschaftsprojekt aller Lumdatalkommunen ins Wanken - lange war unklar, ob es eine zweite Förderperiode geben würde. In den vergangenen Wochen gab es erneut Verhandlungen und die Vorzeichen sind nun weit positiver.

Herr Schaper, wie steht es um die Zukunft von "Dabeisein"?

Andreas Schaper:Wir sind sehr optimistisch. Wenn alles glatt läuft, geht die neue Förderperiode bis 2024. Ausschlaggebend war, dass auch Reiskirchen und Buseck Bereitschaft signalisiert haben, sich in Zukunft am Projekt zu beteiligen. Dadurch wird es für die einzelnen Gemeinden günstiger.

Bedeutet das, dass das Projekt nun in trockenen Tüchern liegt?

Schaper:Rabenau ist die unterfinanzierteste Gemeinde, ein positiver Beschluss dort scheiterte an der Finanzierbarkeit. Durch die neue Kostenaufteilung haben sie es sich noch einmal überlegt, aber endgültig durch ist die Entscheidung noch nicht. Entschieden ist es bisher nur in Lollar und Buseck. In Allendorf, Rabenau, Reiskirchen und Staufenberg müssen die Parlamente erst noch entscheiden. Wenn nur ein Parlament abspringt, kann es jedoch sein, dass das gesamte Projekt scheitert.

Was würde ein Scheitern für das Lumdatal bedeuten?

Schaper:Vor allem für die Jugendlichen in Rabenau wäre das schlimm. Dort gibt es keine Jugendpflege, und wir sind die einzigen, die kommunale Jugendarbeit übernehmen. Außerdem begegnen wir, vor allem in den finanzschwachen Kommunen, Politikverdrossenheit durch die Förderung von zivilgesellschaftlichen Projekten und entziehen so rechtem Gedankengut den Nährboden.

Ist das immer noch ein akutes Problem? Eigentlich ist es um die rechte Szene im Lumdatal doch sehr ruhig geworden.

Schaper:Man kann nicht sagen, dass wenn wir weg wären, morgen wieder eine rechte Kameradschaft kommt. Aber die Wahrscheinlichkeit dafür würde natürlich steigen. Der gesellschaftliche Nährboden dafür ist immer noch da und er muss kontinuierlich abgegraben werden. Sollten diese Umtriebe wieder stärker werden, werden wir an dieser Stelle aktiv und ergreifen zusammen mit den Menschen vor Ort Gegenmaßnahmen, die zeigen, dass das Lumdatal bunt ist und nicht braun.

Wie genau sieht das aus?

Schaper:Es fängt alles mit Politikverdrossenheit an. Dem begegnet man am besten schon in jungen Jahren, in dem man die Entscheidungsfähigkeit der Kinder stärkt. Bei unseren Mitmachtreffs zum Beispiel erarbeiten die Kinder die Themen, die sie angehen wollen, selbst. Da muss man argumentieren, sich mit den Meinungen anderer auseinandersetzen und Kompromisse finden. Das sind alles Dinge, die auch in einem späteren Lebensalter wichtig sind. Das sind die Grundlagen jeden demokratischen Handelns.

"Dabeisein im Lumdatal" ist für die ganze Bevölkerung, nicht nur Jugendliche. Warum ist diese Gruppe trotzdem so wichtig?

Schaper:Wir haben auch den Prozess zur Gründung eines Seniorenbeirats in Staufenberg begleitet. Auch der Seniorentreff in Allendorf wurde über ein Projekt von uns gefördert. Aber Jugendliche sind die schwächsten Glieder in der Demokratie, weil sie nicht wählen dürfen und auch nicht für öffentliche Ämter kandidieren. Dementsprechend haben sie ein größeres Problem, sich Gehör zu verschaffen. Ich für meinen Teil habe Politik immer so verstanden, dass man vor allem den schwächeren Interessen Gehör verschafft.

Sind junge Menschen besonders anfällig für rechte Tendenzen?

Schaper:Ja schon. Die rechtsextreme Kameradschaft hat damals vor allem junge Leute angesprochen. Wir sorgen dafür, dass es ein alternatives Angebot gibt. Ein Angebot, bei dem die Jugendlichen lernen, ihre eigenen Interessen zu vertreten und demokratische Normen einüben. Im letzten Jahr hatte die NPD eine Schmieraktion an Schulen gestartet. Solche Vorkommnisse müssen wir in Zukunft stärker verfolgen und sind für uns ein Ansporn für mehr Präventionsarbeit.

Stichwort Zukunft. Angenommen alles läuft nach Plan, was ist in den nächsten Jahren geplant?

Schaper:Die Demokratiekonferenzen, die wir in der Vergangenheit hatten, werden in dieser Form nicht mehr stattfinden. Stattdessen wollen wir ein Demokratiefestival veranstalten, welches an die Schulen angedockt ist. Dort sollen Parteien, Verbände, Vereine und Gewerkschaften die Möglichkeit bekommen, sich zu präsentieren und den Jugendlichen zu zeigen, wo sie sich demokratisch engagieren können.

Was wünschen Sie sich von den Politikern?

Schaper:Generell mehr Offenheit für Jugendliche und eine größere Transparenz bei politischen Entscheidungsprozessen. Politik sollte öfter aktiv auf die Bevölkerung zugehen und häufiger auf Bürger- und Jugendbeteiligung setzen. Insbesondere bei Streitthemen.

Heißt das, die Jugendlichen werden aktuell nicht ausreichend ernst genommen?

Schaper:Doch, werden sie grundsätzlich schon. Auch wenn es natürlich den ein oder anderen gibt, der Jugendliche nicht ernst nimmt und auch unser Projekt für unwichtig erachtet. Im Grunde gibt es aber zwei Arten, Jugendliche nicht ernst zu nehmen. Zum Einen dieses "Das versteht ihr noch nicht, dafür seid ihr noch zu jung!" und zum Anderen dieses "Das habt ihr fein gemacht!". Vielleicht liegt es aber auch daran, dass Kinder und Jugendliche immer der Spiegel einer Gesellschaft sind. Man hört ihnen dann nicht so gern zu, weil man selbst den Spiegel vorgehalten bekommt. Junge Leute sind noch nicht in festen Denkstrukturen verankert und sehen vieles deutlich kritischer als Erwachsene. Das ist unangenehm. Das ist zugleich aber auch der Motor für gesellschaftlichen Fortschritt. Ich bin auf unsere Jugendlichen auf jeden Fall sehr stolz.

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