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Bis 2024 wird rund ein Drittel der derzeit im Bereich Gas, Wasser, Sanitär beschäftigten Fachkräfte in Rente gehen.

Die Lücken schließen

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Gießen/Buseck (so). Die schlechte Nachricht vorneweg: Im Landkreis Gießen werden bis zum Jahr 2024 voraussichtlich 8370 Fachkräfte auf dem Arbeitsmarkt fehlen. Die gute Nachricht: Der Landkreis Gießen ist damit im Vergleich zu den Nachbarregionen in einer vergleichsweise guten Situation.

Der Blick auf einzelne Branchen zeigt gleichwohl deutliche Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt auf: Im Bereich Gas, Wasser Sanitär gibt es im Kreis Gießen 2875 Beschäftigte (Stand 2017). Aber bis 2024 wird jeder Dritte von ihnen in Rente gehen. Gleiches gilt etwa für Lkw-Fahrer oder auch Reinigungskräfte.

Bei den heimischen Metallbau-Unternehmen, in denen 3500 Menschen in Lohn und Brot sind, werden in fünf Jahren rund 230 Fachkräfte fehlen. Im Bereich Maschinenbau/Fahrzeugtechnik gibt es derzeit rund 5540 Stellen - bis 2024, so die Prognose, werden 360 nicht besetzt sein.

Der Blick auf die Berufsbilder, in denen ein Mangel an Fachkräften zu erwarten ist, zeigt die Bedeutung der Frage, wie sich der regionale Arbeitsmarkt entwickelt. Und wie wirkt sich die demografische Entwicklung auf die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt vor Ort aus? Vor allem aber: Wie ist dem Fachkräftemangel gegenzusteuern?

Arbeitmarktforscherin liefert Zahlen

Zahlen dazu liefert Dr. Christa Larsen von der Uni Frankfurt. Die Arbeitsmarktforscherin hat die hessischen Landkreise genau unter die Lupe genommen und Prognosen entwickelt. Der Landkreis Gießen ist dabei auch keine Insel, wenngleich sich ein Mangel an Fachkräften nicht so deutlich abzeichnet wie etwa im Vogelsberg oder in Lahn-Dill. Das hängt teils auch mit Gießen als Standort zweier Hochschulen zusammen. Larsens Prognose: Über alle Berufe hinweg werden in Hessen binnen fünf Jahren 174 000 Stellen nicht mit qualifizierten Kräften besetzt werden können. Es werden 135 000 Menschen mit Berufsausbildung fehlen; aber auch fast 40 000 Akademiker fehlen. Hingegen wird es, so die Erwartung, mehr als 3000 Menschen mehr geben, die ohne Schulabschluss und deshalb ohne Job sind.

Stichwort für die Wissenschaftlerin: "Altersbedingter Ersatzbedarf". Das heißt: Der Bedarf resultiert vor allem aus dem Umstand, dass mehr Menschen in den Ruhestand gehen. Im Fokus sind da die Geburtsjahrgänge 1953 bis 1969. Warum auch die jetzt 50-Jährigen, die noch gut 15 bis 17 Jahre im Erwerbsleben vor sich haben? Weil es für Unternehmen bedeutsam ist, die Altersstruktur ihrer Beschäftigten im Blick zu behalten, um längerfristig planen zu können.

Wie aber lassen sich die entstehenden Lücken schließen, wenn eine große Zahl von Menschen aus den Babyboomer-Jahrgängen in den Ruhestand tritt und "schmalere" Jahrgänge nachgewachsen sind? Larsens Rat: Um neue Kräfte zu aktivieren, sollten vornehmlich Frauen, die in Teilzeit arbeiten, in den Blick rücken, aber auch ältere Arbeitnehmer und Zugewanderte. Immerhin: Vor rund zehn Jahren stellten in Deutschland Frauen rund 30 Prozent aller Beschäftigten; jetzt sind es schon 47 Prozent. Weiterer Rat der Expertin: Um neue Arbeitskräfte zu rekrutieren, sollte die berufliche Ausbildung weiter gestärkt werden. Regionen mit Hochschulen sollten daran arbeiten, deren Absolventen zu binden. Vor allem aber könne versucht werden, Pendler zurückzugewinnen.

Landrätin Anita Schneider sieht eine kommunale Verantwortung in unterschiedlichsten Qualifizierungsangeboten und im Bereitstellen von Infrastruktur wie etwa den Ausbau von Breitband. Die Gießener Stadträtin Astrid Eibelshäuser benennt zudem den kommunalen Auftrag zum Ausbau der Angebote beruflicher Schulen; aber auch beim Schaffen guter Rahmenbedingungen wie etwa Kinderbetreuung, um Fachkräfte zu halten. Die Bedeutung der Investition in Ausbildung unterstrich auch Michael Kraft, IHK-Vizepräsident und Geschäftsführer von vier Autohäusern. Sein Unternehmen bildet über den unmittelbaren Bedarf hinaus aus: Von den 240 Beschäftigten sind aktuell 44 Azubis. Eine weitere Zielgruppe nahm der Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, Björn Hendrischke, in den Blick: Studienzweifler. Da sei das Handwerk gefordert, diese jungen Leute mit attraktiven Angeboten ins duale Ausbildungssystem abzuholen.

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