dpa-postcovid1_120421_4c
+
Zehn Prozent der Corona-Patienten leiden unter langfristigen Nachwirkungen. »Wir haben immer noch nicht vollständig ergründet, was Long Covid ist«, sagt Janet Diaz, Expertin und Long-Covid-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation WHO.

Corona-Krise

Long Covid: Betroffene berichten über langanhaltende Corona-Folgen

  • vonStefan Schaal
    schließen

Jeder zehnte Covid-19- Patient leidet unter Folgen und bisweilen schweren Nachwirkungen der Erkrankung. Erhard Roth und Elena Maininger, Patient und Mitarbeiterin einer Hausarztpraxis in Großen-Buseck, berichten, wie das Virus noch Monate nach der Infektion ihr Leben beeinträchtigt.

Gießen - Erhard Roth spricht den Satz mit einer solchen Entschiedenheit aus, dass er wie ein festes, unverrückbares Gesetz klingt. »Das Coronavirus«, sagt der 72 Jahre alte Mann, »sucht im Körper die jeweilige Schwäche und schlägt dort dann zu.«

Vier Monate ist es inzwischen her, als Roth, Patient einer Hausarztpraxis in Großen-Buseck, an Covid-19 erkrankt ist. »Ich hatte Schwindelanfälle, Schüttelfrost und 40 Grad Fieber«, erzählt er. Die Lunge war verschleimt, die Sauerstoffsättigung niedrig. Roth wurde in ein Krankenhaus eingeliefert, wurde dort versorgt und erholte sich von der Erkrankung. Doch wenige Tage nach de Genesung schlugen lebensgefährliche Nachwirkungen zu. Das Virus hatte die Schwäche Roths gefunden: sein Herz. Aufgrund einer durch Covid-19 ausgelösten Herzmuskelentzündung erlitt Roth einen Herzinfarkt.

Die meisten Menschen überstehen eine Infektion mit dem Coronavirus weitgehend unproblematisch, stehen häufig Lungenbeschwerden und Fieber durch, nach wenigen Tagen sind sie wieder symptomfrei. Laut der Weltgesundheitsorganisation WHO sind das rund 80 Prozent der Patienten. Vor allem Menschen, die auf einer Intensivstation versorgt werden müssen, leiden aber oft unter langwierigen Folgen. Viele wissen nicht, ob sie jemals wieder ganz gesund werden. Studien zufolge betrifft das rund zehn Prozent der am Coronavirus erkrankten Menschen.

Long Covid: Langanhaltende Corona-Folgen bei zehn Prozent der Patienten

Auch Roth, Patient der Busecker Praxis des Hausarzts Dr. Ulrich Hentschel, zählt zu den Menschen im Gießener Land, die sich mit Langzeitfolgen auseinandersetzen müssen. Ebenso wie Elena Maininger, die in derselben Praxis als medizinische Fachangestellte arbeitet. Sie leidet ebenfalls unter Nachwirkungen ihrer Covid-19-Erkrankung. Schlappheit und leichte Lungenschmerzen, die sich wie Muskelkater angefühlt hätten, seien Ende Dezember vergangenen Jahres nach weniger Tagen wieder verschwunden gewesen, berichtet sie.

»Es war nichts Dramatisches«, sagt sie. Dann aber habe sie gemerkt, »dass es noch nicht vorbei war.« Der Geschmacks- und Geruchssinn setzte aus - bis zum heutigen Tag. »Tee und Suppe zum Beispiel schmecken nur nach etwas Heißem«, erzählt die 32 Jahre alte Frau. Sie liebe das Aroma von Kaffee. Nun aber verspüre sie bei einer Tasse nur noch einen bitteren Geschmack. Durch die Nachwirkung der Covid-19-Erkrankung habe sie ein Stück Lebensqualität verloren, betont sie. »Auf Dauer hätte ich ein Problem damit.«

Roth, ihr Patient in Buseck, hat unterdessen mit deutlich schwereren Folgen zu kämpfen. Die Nachwirkungen haben ihn fast das Leben gekostet.

Im Januar wird er aus dem Krankenhaus entlassen, die Corona-Erkrankung scheint überstanden. Wenige Tage später aber wacht er zu Hause an einem Samstagmorgen um 4:30 Uhr auf. Er spürt Schmerzen in den Händen und in den Fingern, im Ober- und im Unterkiefer. Seine Frau bringt ihn in ein Krankenhaus in Bad Nauheim. Es ist ein Herzinfarkt. Ärzte legen zunächst zwei Stents, wenig später einen dritten.

Roth hat schon mehrere dramatische und lebensgefährliche Situationen erfahren. Es ist diese Lebenserfahrung, die ihn sagen lässt: »Ich habe vor nichts Angst.«

Long Covid: Langanhaltende Corona-Folgen flößen Gießener keine Furcht ein

20 Jahre ist es her, als er und seine Familie in einen schweren Autounfall geraten. Zwischen Maintal und Bad Vilbel rast ein entgegenkommendes Fahrzeug frontal in den Wagen der Familie. Roth, seine Frau und der damals ein Jahr alte Sohn erleiden schwerste Verletzungen, sie überleben mit viel Glück. Roth kämpft damals fünf Jahre, bis er wieder ohne Gehstock laufen kann.

In den 70er und 80er Jahren ist Roth außerdem Motocross gefahren, er hat dabei so einige Verletzung wie eine Kniegelenksentzündung überstanden. Auch beruflich im Personenschutz und im Sicherheitsdienst steckte er immer wieder in heiklen, sensiblen Situationen. 1996 war er in Abchasien tätig, wo ihn der Wirtschaftsminister beauftragte, Kontakte zu europäischen Unternehmen in den Bereichen Industrie und Tourismus zu knüpfen.

Und so klingt Roth überzeugend und glaubwürdig, wenn er versichert, dass die Nachwirkungen der Corona-Erkrankung ihm keine Furcht einflößen. Treppensteigen ermüde ihn mehr als sonst, räumt er ein. Nach dem Einkaufen sei er bisweilen fix und fertig, schildert er. Herzrhythmusstörungen als Folge der Corona-Erkrankung hätten sich nun weitgehend gelegt, eine Nachuntersuchung vor einigen Tagen verließ Roth mit dem Gefühl, »wieder gesund zu sein«.

Auch bei ihm versage derzeit der Geschmacks- und Geruchssinn, allerdings störe ihn das wenig, sagt er. Nur wenn der linke Arm schmerzt, berichtet er, »kriege ich schon wieder Alarm.«

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare