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Die Siedlung Schmelz im Tal der Salzböde am Rande des Krofdorfer Forstes.

Ortsporträt

Warum Tiere auf der Schmelz besonders glücklich sind

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Dieser Weiler an der Salzböde ist einer der geschichtsträchtigen Orte im Kreis Gießen. Heute ist die Schmelz unter anderem für Ökologie und Gastronomie bekannt. Ein Ortsporträt.

Geht’s noch kleiner? Im Kreis Gießen wohl kaum. Die Schmelz ist einer der kleinsten außenliegenden Weiler in der Region; nicht mal eine Handvoll Familien lebt dort. Und eine der wohl ältesten Siedlungen ist die Schmelz zudem. Weit mehr als 1000 Jahre sind das Battingsfeld respektive das Schmelzer Feld unterm Pflug, weiß Arne Bodenbender vom Kronauer Hof. Er beackert sozusagen historischen Boden. Der Hof ist wohl das älteste Anwesen im Tal der Salzböde, nordwestlich des Dörfchens Salzböden.

Beim "Schmelzer Feld" handelt es sich um Ackerland, das der Versorgung des Kronauer Schlosses diente. Dieses steinerne Haus, mutmaßlich aus karolingischer Zeit, wurde gebaut, um Heerstraße und Handelswege, die sogenannte "Weinstraße", und im Besonderen die Furt durch die Salzböde zu sichern. Der Kronauer Hof dürfte seine Wurzeln in gleicher Zeit haben. Vom Kronauer (oder Gronauer) Schloss zeugen nur noch ein paar Fundamentreste im Wald. Ein nicht orts- oder geschichtskundiger Wanderer läuft schnell und ahnungslos daran vorbei.

Doch bis heute hat die Straße Bedeutung: Die knapp elf Kilometer lange Strecke, die von Krofdorf aus zum Waldhaus und dann weiter zur Schmelz führt, ist eine der landschaftlich schönsten Routen im Kreis Gießen. Um ihre Sanierung wird seit Jahren gerungen. Für die Salzbödener Ortsvorsteherin Ursula Rolshausen ist dies eines der ersten Stichworte, das ihr einfällt, wenn sie über die Schmelz spricht: "Die Waldhausstraße". Eben seit mehr als 1000 Jahren untrennbar miteinander verbunden.

Woher aber kommt der Name Schmelz? Das naussauische Fürstenhaus betrieb dort im Tal der Salzböde wohl ab 1734 eine Einsenverhüttung, eine "Eisen-Schmeltz". Die wurde aber schon wenige Jahre später wieder aufgeben. Gleichwohl klapperte dort die Mühle am rauschenden Bach: Erstmals werden um 1740 die "Mühlen beim Cronauer" urkundlich erwähnt. Die Müllers-Familien dort betrieben zudem eine Landwirtschaft. Gastronomie, wie sie bis heute von der Inhaberfamilie Jung mit Herzblut und Leidenschaft betrieben wird, kam später hinzu. Erst als Sommer-Wirtschaft, später im Haupterwerb. Bei den Jungs sind mit Lisa und ihrer Schwester Kathrin mittlerweile Frauen in der fünften Generation in Verantwortung für das Wohl der Gäste.

Zwei von einst neun Mühlen im Tal

Seit 1844 ist die Schmelzmühle im Besitz der Familie Jung respektive ihrer Ahnen. Einer ihrer Vorfahren, der Müller Ludwig Rein, erwarb die untere Schmelzmühle zu dieser Zeit. Untere Schmelzmühle? Ja, denn es waren zwei von ehedem neun Mühlenbetrieben im Tal: die obere und die untere Schmelzmühle, die dann später aber zu einer Einheit zusammenwuchsen. Bis Mitte der 1980er Jahre wurde dort Getreide vermahlen.

Ob auch Rainer Maria Rilke im Lokal oder auf dem Hof der Schmelz gesessen und einen Schoppen genossen hat? Der Dichter war in den Jahren 1905 und 1906 jeweils für einige Wochen zu Gast auf dem gar nicht so weit entfernt liegenden Schloss Friedelhausen. Er weilte auf Einladung der kunstsinnigen Gräfin Luise von Schwerin im Lahntal. Von Rilke ist überliefert, dass er das Salzbödetal als landschaftlich besonders reizvoll beschrieben hat.

Heute ist die Schmelzmühle ein beliebtes Ausflugsziel für Radfahrer und Wanderer. Die Küche zeichnet sich aus durch die Verwendung heimischer Produkte. Wenn in den kommenden Wochen dort Wild und Gänse auf den Tisch kommen, dann darf man sicher sein, dass sie aus der Region stammen - kurze Wege eben.

Eine Idee, der sich auch die Bodenbenders auf dem Kronauer Hof verschieben haben. Sie betreiben ihren Ackerbau nach Demeter-Kriterien und vermarkten jedes Jahr rund 500 Gänse zu St. Martin und zum Weihnachtsfest. Glückliche Tiere, die im Tal der Salzböde stressfrei aufwachsen und ihr (zugegebenermaßen kurzes) Leben in Gottes freier Natur genießen dürfen. Eigentlich wie vor 1000 Jahren.

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