Bosch Thermotechnik will die Produktion in Lollar für künftige Bedarfe wappnen. FOTO: BOSCH THERMOTECHNIK
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Bosch Thermotechnik will die Produktion in Lollar für künftige Bedarfe wappnen. FOTO: BOSCH THERMOTECHNIK

Interview

So wappnet sich Bosch Thermotechnik in Lollar für den Brexit

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Auch bei Bosch Thermotechnik hat Corona die Produktion ins Stocken gebracht. Im Interview äußern sich Standortleiter Frank Gerischer, Personalleiter Dietmar Krause und Michael Schiller (kaufmännischer Verantwortlicher der Produktgruppe Bodenstehende Kessel) zu den Folgen des Lockdowns und Vorbereitungen auf den Brexit.

Der Corona-Lockdown hat die Wirtschaft teils hart getroffen. Welche Auswirkungen hatte er auf Bosch Thermotechnik?

Schiller: Die negativen Auswirkungen der Pandemie haben auch bei Bosch Thermotechnik zu Pausen geführt. Es gab gerade im Ausland Werke, die längere Pausen einführen mussten, vor allem im April und Mai. In den deutschen Werken haben wir in der Regel Betriebspausen von zwei Wochen gemacht. Aber schon im Juni haben wir eine spürbare Belebung des Marktes festgestellt, und das hat sich im Juli fortgesetzt. Für das dritte Quartal bis Ende September erwarten wir eine deutliche Steigerung gegenüber dem zweiten Quartal.

Wie kam es zu den Betriebspausen?

Schiller: In Deutschland waren sie nicht marktseitig bedingt. Die Zulieferer, die wir in Italien und Frankreich haben, waren zu einem gewissen Zeitpunkt einfach nicht mehr lieferfähig. Wir haben die Pausen dann innerhalb von Bosch Thermotechnik koordiniert. Wir konnten auch das Netzwerk von Bosch nutzen, um den Lieferanten zu helfen, wieder anzulaufen. Das hat sich bewährt.

Inzwischen steigen die Corona-Infektionszahlen auch im Kreis Gießen wieder leicht an. Haben Sie Pläne in der Schublade für den Fall, dass sich Mitarbeiter infizieren?

Gerischer: Als das Thema in Deutschland Anfang März akut wurde, hat Bosch zentral sehr schnell ein Team gebildet, das uns mit Lageeinschätzungen und Handlungshinweisen versorgt hat. Das wurde dann bei uns lokal durch ein Krisen-Interventionsteam gespiegelt. Am Anfang hat es sich täglich getroffen, nun einmal pro Woche. Wir hatten hier eine kleine Anzahl von Ansteckungen, aber nicht im Sinne von Infektionsherden. Und wir haben vor Ort einen Entscheidungsbaum ausgearbeitet.

Was heißt das?

Gerischer: Wenn zum Beispiel jemand ein positiv getestetes Familienmitglied hat, dann wird geschaut: Ist es eine Kontaktperson ersten oder zweiten Grades? Und je nachdem gibt es dann eine Entscheidung: Jemand muss in Quarantäne oder nicht, muss auf ein Testergebnis warten. Wir haben in Lollar ein Bosch-eigenes Gerät für Covid-Schnelltests installiert.

Was passiert, wenn ein Mitarbeiter während der Schicht Symptome merkt?

Gerischer: Für diesen Fall gibt es auf dem Entscheidungsbaum die Vorgehensweise, dass derjenige sich aus dem Bereich entfernen muss. Er wird dann nach Hause gebracht oder zum Arzt. Diese Wege sind ganz klar festgelegt - um schnell zu reagieren und nicht durch Diskussionen Zeit zu verlieren.

Wie hat Corona den Arbeitsalltag bei Ihnen verändert?

Gerischer: Wir haben zum Beispiel die Schichtzeiten etwas versetzt, sodass sich die Mitarbeiter möglichst wenig treffen. An den Arbeitsplätzen wurden Abstände erhöht oder Plexiglas eingebaut. Wir haben die Kantine zunächst geschlossen, sie wird nun wieder schrittweise geöffnet. Ich glaube, am meisten fehlt den Mitarbeitern die soziale Interaktion, die Gespräche beim Mittagessen. Aber das ist eben im Moment so nicht möglich.

Viele Firmen überlegen nun sehr genau, ob sie wie bisher Ausbildungsplätze anbieten. Wie sieht es bei Ihnen aus?

Krause: Das regelt unsere Standortsicherungsvereinbarung, die noch bis Ende 2023 gilt. Bis dahin leisten die Mitarbeiter einen nicht unerheblichen finanziellen Beitrag, sie verzichten auf Prämien. Es gab auch eine Aufschiebung von Tariferhöhungen.

Und was macht das Unternehmen?

Im Gegenzug verzichtet das Unternehmen bis Ende 2023 auf den Ausspruch betriebsbedingter Kündigungen. Und wir haben uns verpflichtet, jedes Jahr 13 gewerblich-technische Auszubildende zumindest für diese Laufzeit am Standort einzustellen. Das ist uns auch diesen Sommer gelungen. Zusammen mit der Gießerei bieten wir insgesamt sechs Ausbildungsberufe an.

Die Ausbildungsgänge bei Bosch sind eher klassische "Männerberufe" - zumindest bislang. Merken Sie da einen Wandel?

Krause. Noch nicht. Im gewerblich-technischen Bereich haben wir nur sehr wenige weibliche Bewerber, das sind Einzelfälle.

Ein anderes Thema, das für Bosch von Relevanz ist: Ende des Jahres wird Großbritannien die EU verlassen, die Verhandlungen über ein Abkommen gestalten sich aber schwierig. Mit welchen Erwartungen verfolgen Sie das?

Schiller: Für Bosch insgesamt gilt, dass wir mit erheblichen Mehrkosten durch den Brexit rechnen - insbesondere, wenn zum Ende der Übergangsphase kein Handelsabkommen zwischen Großbritannien und der EU unterzeichnet werden kann. Die Kosten, mit denen Bosch rechnet, liegen im mittleren zweistelligen Millionenbereich.

Was würde ein Brexit ohne Abkommen für den Standort Lollar bedeuten?

Schiller: Wir haben einen wichtigen Zulieferer innerhalb der Thermotechnik-Gruppe, der in Großbritannien sitzt. Unser Augenmerk ist, dass wir auch nach der Übergangsphase unsere Kunden weiter beliefern können. Wir werden hierzu ab November die Bestände erhöhen, um sicherzugehen, falls die Lieferungen dann eingeschränkt sind und das Material verspätet ankommt. Da brauchen wir genügend Vorrat. Das ist unser Risiko-Management, wenn wir vorbereitet sind, können wir unsere Kunden beliefern.

Wie wird sich der Thermotechnik-Standort in den nächsten fünf bis zehn Jahren entwickeln - auch mit Blick auf den Mitarbeiterbestand?

Schiller: Das ist schwer zu sagen. Wir haben eine Vereinbarung zur Standortsicherung bis 2023 - bis dahin sind es noch drei Jahre. Die Themen, die wir 2017 mit den Mitarbeitern definiert haben, gehen in Richtung der längerfristigen Sicherung des Standorts, auch über eine Reduzierung der Arbeitskosten. Wir wollen die Herstellungskosten pro Stück senken durch Maßnahmen zur Effizienz- und Produktivitätssteigerung. Und es geht auch darum, die Flexibilität am Standort immer weiter zu erhöhen. Wir müssen offen sein für neue Produkte. Insgesamt haben wir noch ein Stück Arbeit vor uns.

Arbeitskosten senken und Flexibilität erhöhen - was heißt das für die Mitarbeiter?

Schiller: Bei den Arbeitskosten geht es in die Richtung, dass wir Maßnahmen wie die digitale Arbeitskarte angehen, mit der gegenüber der Papiererfassung viel Zeit gespart wird. Bei der Flexibilität geht es darum, dass wir in der Lage sind, ohne hohe Lagerbestände und Verzug unsere doch sehr volatilen Kundebedarfe immer bedienen können.

Was sehen Sie als größte Herausforderung für die kommenden Jahre?

Schiller: Wir können die konkreten Bedarfe nicht voraussehen. Auch durch das Klimaschutzprogramm sehen wir aber einen Wandel der Produkte. Wir stellen hier Heizsysteme für fossile Brennstoffe her. Wir haben jetzt etwas gegengesteuert und produzieren auch Hybridkessel für die Kombination mit Wärmepumpen. Es ist eine Herausforderung, dass wir diese technische Lösung jetzt gut in den Markt bringen. Das wird uns dieses und nächstes Jahr begleiten.

Zusatzinfo: Ende der Produktion von Blockheizkraftwerken

Während bei Bosch Thermotechnik betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2023 ausbleiben, wird Bosch KWK Systeme (Kraft-Wärme-Kopplung) in Lollar nun abgewickelt. Anfang Juli wurde die Belegschaft dieser Sparte über die Teilschließung informiert. Rund 65 Mitarbeiter verlieren nun ihren Arbeitsplatz.

Eine vom Unternehmen finanzierte Transfergesellschaft soll ab 1. November für ein Jahr Qualifizierungsmöglichkeiten anbieten, sofern die Mitarbeiter dies wünschen. Laut Unternehmenssprecherin Silke Bartels werden letzte Aufträge noch bis Oktober abgearbeitet. Die Verlegung des restlichen Betriebs (Verkauf und Service) nach Wetzlar solle bis Jahresende folgen.

Von Gewerkschaftsseite war die Abwicklung harsch kritisiert worden: Aus Sicht von Stefan Sachs, Bevollmächtigter der IG Metall, hat das Management "keine Glanzleistung hingelegt". Bosch verwies dagegen auf seit Jahren zu geringe Produktionszahlen, um wirtschaftlich fertigen zu können.jwr

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