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Von Radfahrern, ÖPNV-Nutzern und Autofahrern

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Von: Volker Heller

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Lollar (vh). Der Schmaadleckerbrunnen wurde am Samstagmorgen zweckentfremdet für ein Podiumsgespräch der Kandidatinnen für die Bürgermeisterwahl bezüglich der Verkehrswende in Lollar. Mit der Veranstaltung beteiligte man sich in Lollar an der Aktion »Stadtradeln«. Für sechs Stunden sperrte die Polizei den Durchgangsverkehr zwischen den Einmündungen Holzmühler Weg und Lumdastraße.

Jörg Bergstedt (Projektwerkstatt Saasen) drückte sein Unverständnis aus, dass mit der Bundesstraße B 3 eigens eine Umgehung vorhanden sei und trotzdem die Gießener/Marburger Straße als innerörtliche Durchfahrt genutzt werde. In den Niederlanden etwa seien gesperrte Ortskerne verbreitet.

Ihre Ansicht äußerte Selda Demirel-Kocar (CDU), wohnhaft in Heuchelheim. Sie arbeitet in Frankfurt, Marburg und Gießen, nutzt Bahn, Auto und Rad. Bianka de Waal-Schneider (Staufenberg, SPD) fährt mit der Bahn zur Arbeit nach Frankfurt. Der unabhängige Kandidat Jan-Erik Dort war entschuldigt. Kai Sander, Sprecher der Verkehrswende-Initiative Lollar, meinte, jeden Tag werde über das schlimme Weltklima berichtet. »Eigentlich müssen wir ja handeln, als Einzelner kann ich das hier.« Aktuell möchte er E-Car-Sharing voranbringen. Demirel-Kocar überraschte mit dem Satz: »Die Raser- und Poser-Szene um Lollar in den Griff bekommen, das ist für mich schon Verkehrswende.«

Alles hat seinen Preis

Busverbindungen seien unzureichend, Radwege lückenhaft, Bahnverkehr fehle, Praxen und Einkaufsmärkte hätten dicht gemacht. Deshalb nutzten die Leute ihr Auto. Demirel-Kocar folgerte: »Personennahverkehr soll flächendeckend sein.« Die Reaktivierung der Lumdatalbahn sei kostspielig (36,5 Mio. Euro) und riskant. Zuhörer meinten lautstark: »Was kostet ein Kilometer Autobahn?« Die Bevölkerung müsse nochmals gefragt werden. Landwirte sorgten sich, falls Feldwege geschlossen würden. Die Kandidatin regte an, On-Demand-Busverkehr zu testen. De Waal-Schneider meinte zur Lumdatalbahn: »Verkehrswende ist nicht unentgeltlich, aber es gilt, immer abzuwägen.« Die Busverbindung nach Gießen solle besser getaktet werden. Das Auto sei oft flexibler. Bergstedt sagte, es fehlten Radwege für den Alltagsverkehr. Rad- und Autoverkehr seien voneinander zu trennen. Fahrradstraßen dürften nur von Rädern benutzt werden (Autos frei für Anlieger). De Waal-Schneider resümierte: »Alle Verkehrsteilnehmer sollten sich respektieren. Ganze Bereiche vollständig zu sperren, lehne ich ab.« Nicht jeder könne auf das Auto verzichten. Geschäftsleute sorgten sich um Kunden.

Demirel-Kocar: »Sicherheit überwiegt.« Auf der unechten Fahrradstraße zwischen Lollar und Staufenberg fühlten sich viele Radler unsicher und nähmen andere Wege. Den innerörtlichen Radweg möchte sie um die Kernstadt herum führen. Geschäfte bräuchten Parkplätze. »Anwohner müssen gehört werden.« Bergstedt sagte, natürlich seien auch Radler Kundschaft. Die Geschäfte in der Gießener Plockstraße hätten damals keine Fußgängerzone gewollt. Demirel-Kocar dazu: »Haben Sie in Lollar mit den Ladeninhabern gesprochen?« Das hatte er nicht. Sander vertrat die Auffassung, ein Radwegenetz solle die Schulen verbinden. Die Sharing-Infrastruktur benötige neben E-Autos auch Lastenräder. Für ältere Leute gebe es gar Rikschas. De Waal-Schneider verwies auf Dorfläden und Ärzte. Wo es die gebe, brauche man nicht ins Umland fahren. Demirel-Kocar: »Es gibt in Hessen Fördermöglichkeiten für Ärzte. Ich würde gerne einen Förderlotsen im Rathaus einrichten.«

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