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In mehr als 20 Verhandlungstagen rekonstruiert die Schwurgerichtskammer in Gießen vor sechs Jahren den Mord an einem 52-Jährigen in Lollar.

Serie "Mord verjährt nicht"

Vier Revolverschüsse in Lollar: Tödliches Ende einer Milieu-Karriere

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2014 sorgt ein brutaler Mord in Lollar für Entsetzen. Schnell ist klar: Das Opfer hatte selbst eine kriminelle Vergangenheit. Kurz davor war der Mann mit einem Coup gescheitert - gemeinsam mit seinem Mörder.

Seine Haftstrafe wegen bewaffneter Raubüberfälle hat er abgesessen und das schmucke Haus an der Lollarer Ortsdurchfahrt erst vor ein paar Monaten gekauft. In der neuen Nachbarschaft fällt der 52-Jährige mit der "Harley" in der Garage offenbar nicht negativ auf. Doch statt eines Neustarts in der Legalität gerät er wieder auf die schiefe Bahn. Und wird dann selbst Opfer eines brutalen Verbrechens.

Am späten Abend des 19. März 2014, einem Mittwoch, sucht sein Mörder ihn zu Hause auf. Ermittler finden tags darauf keine Einbruchs- oder Kampfspuren. Daher, so folgern sie, kannten sich Opfer und Täter wahrscheinlich.

Der Lollarer wird im Haus von zwei Schüssen getroffen. Er schleppt sich in Pantoffeln ins Freie. Dort schießt der Täter noch zweimal auf ihn. Die vier Schüsse in Bauch und Kopf überlebt der Hausbesitzer nicht. Gegen 22.30 Uhr findet ihn ein Passant, bäuchlings auf dem Bürgersteig liegend und voller Blut. Der Notarzt kann nicht mehr helfen.

Es ist eine Tat, die auch überregional für Aufsehen sorgt. Am nächsten Tag sind Reporter und Fernsehteams vor Ort. 17 Polizeibeamte in weißen Overalls sichern Spuren im und am Haus. Den Verdacht, an der Marburger Straße habe eine Hinrichtung stattgefunden, bestätigt die Polizei aber nicht. Der Täter konnte im Schutz der Dunkelheit entkommen. Doch bereits einen Tag später nehmen die Fahnder jenen Mann fest, den die Schwurgerichtskammer knapp ein Jahr darauf für die kaltblütige Tat verurteilt. Der schnelle Ermittlungserfolg schlägt sich auch in dieser Zeitung damals nieder: Der Mord am späten Abend landet am Donnerstagmorgen noch nicht im Blatt. Daher wird einen Tag später über die Tat und die Festnahme informiert.

Tödliche Schüsse in Lollar: Kollegen und Komplizen

Tatsächlich kannte der Mörder sein Opfer - und zwar recht gut. Sie hatten sich als Arbeitskollegen kennengelernt, waren zu engen Freunden geworden und planten, wie es im Prozess heißen wird, einen gemeinsamen Sommerurlaub, zu dem es dann nicht mehr kommt.

Doch es ist eine eher ungewöhnliche Männerfreundschaft. Denn aus den Freunden werden kriminelle Komplizen: Anfang Februar, wenige Wochen vor den tödlichen Schüssen, wollen die beiden gemeinsam mit einem dritten Mann satte Beute machen. Nahe Runkel überfallen sie einen Geldtransporter. Sie legen einen Baumstamm auf die Straße, zwingen das Ehepaar im Wagen zum Aussteigen. Auch Schüsse fallen. Statt Geld erbeuten die drei aber nur Geschäftspost.

Das spätere Mordopfer hatte Jahre zuvor ähnliche Taten begangen: Er war der Kopf einer Bande, die 2001 einen Geldtransporter vor dem Praktiker-Markt in Lollar und Monate später ein Fahrzeug einer Sicherheitsfirma bei Idar-Oberstein überfallen hatte. Beim ersten Coup erbeuteten sie 1,2 Millionen Mark, beim zweiten eine halbe Million Euro.

Auch der quer gelegte Baumstamm bei Runkel erinnert an eine frühere Tat des Lollarers: 2002 hatte die Bande einen Sprengsatz an einem Baum nahe Kleinlinden angebracht. Erneut planten sie einen Überfall auf einen Geldtransporter, doch der Sprengsatz wurde entdeckt. Bald darauf werden sie nach einer mehrstündigen Verfolgungsjagd gefasst und später verurteilt. Der 52-Jährige sitzt zwei Drittel der Strafe ab und erwirbt schließlich das Haus in Lollar, vor dem er ein paar Monate später stirbt.

Tödliche Schüsse in Lollar: Was geschah mit der Waffe?

Im Mordprozess räumt der Angeklagte zwar ein, an dem Überfall des Kurierfahrers nahe Runkel beteiligt gewesen zu sein. Den Mord aber - und bei dieser Version bleibt er bis zum Ende des Mammutprozesses - habe er nicht begangen. Stattdessen tischt er eine abenteuerlich klingende Geschichte auf: Die Mordwaffe, einen Revolver, habe er am Tattag von einem Bekannten erworben, dem er die Waffe kurz vorher erst verkauft hatte. Allerdings habe er sie am Tatabend nicht für sich, sondern, so seine Behauptung, für das spätere Mordopfer gebraucht, das damit ein neues "Ding" drehen wollte.

Er habe die Waffe dann für den Lollarer im Hof seines Elternhauses deponiert, damit der 52-Jährige sie abholen könne. Später habe er festgestellt, dass der Revolver noch immer dort liege. Allerdings mit vier Patronen weniger im Magazin - mit vier Schüssen wurde der Lollarer niedergestreckt. Der Angeklagte sagt, er sei dann davon ausgegangen, dass der Plan des Kumpels erledigt war. Die Waffe gab er noch am gleichen Abend dem Bekannten zurück, wie die Ermittler nachwiesen.

Dass ausgerechnet eine "Milieugröße" eine Waffe für sich in einem Hof hinterlegen lässt und der Angeklagte sie noch am gleichen Abend hektisch weitergibt, ohne sie selbst benutzt zu haben - all das nimmt die Staatsanwaltschaft dem Wetterauer vor Gericht nicht ab. Ihm die Schüsse wasserdicht nachzuweisen, ist trotzdem kein leichtes Unterfangen: Weil es kein Mordgeständnis gibt und keine Zeugen, die die Bluttat beobachtet haben, kommt es umso mehr auf stichhaltige Indizien an.

Tödliche Schüsse in Lollar: Hohe Schulden

Und natürlich auf den Nachweis des Motivs. Was könnte den damals 34-Jährigen dazu gebracht haben, seinen Kollegen und Komplizen so kaltblütig zu töten? Einige der rund 90 Zeugen im Prozess können 2015 Licht ins Dunkel bringen. Demnach war der Angeklagte chronisch pleite, hatte rund 180 000 Euro an Schulden bei Privatleuten angehäuft und auch schon eine Privatinsolvenz hinter sich. Im März 2014, dem Monat des Mordes, wird sein Gehalt teilweise verpfändet.

Vor Gericht schaut der Mann auf der Anklagebank häufig unter sich, macht sich viele Notizen, wie ein Beobachter notiert. Er sei "ein ganz Friedlicher", heißt es im Prozess. Aber auch ein Mensch, der andere finanziell ausgenutzt habe. Um an Geld zu gelangen, hatte der Wetterauer laut mehreren Zeugen kuriose Geschichten aufgetischt und auch Freunde ausgenommen: Er brauche Geld, um seine angebliche Freundin, eine Prostituierte, freizukaufen; um Bürgschaften für Freunde zu bedienen. In Wahrheit verzockte er wohl beträchtliche Summen in Spielotheken.

Das Gericht geht schließlich davon aus, dass der Täter bei seinem Opfer Geld zu finden gehofft hatte. Dessen Portemonnaie soll er mitgenommen haben. Kurz vor dem Mord war der Lollarer mehrfach bestohlen worden - und hatte wohl auch den Angeklagten in Verdacht.

Außerdem bezeichnend: Am Tag des Mordes teilte der 34-Jährige einem Gläubiger mit, er werde sein Geld noch an diesem Abend zurückbekommen - und löschte die SMS später von seinem Handy.

Tödliche Schüsse in Lollar: Die Kammer ist überzeugt

Die Staatsanwaltschaft führt vor dem Landgericht ein weiteres Motiv an: Gegenüber einem Bekannten soll der Wetterauer geäußert haben, er wolle sich aus der Umklammerung des 52-Jährigen befreien, der ihn erstmals mit schwerer Kriminalität in Berührung gebracht habe.

Das letzte Wort des Angeklagten nach gut 20 Prozesstagen: "Ich habe ihn nicht erschossen, nicht betrogen und auch nicht bestohlen. Mehr habe ich nicht zu sagen." Was genau den Ausschlag für den Mord an einem Freund gegeben hat, bleibt im Dunkeln. Die Kammer ist im Februar 2015 aber überzeugt, dass der Angeklagte den erfahrenen Kriminellen heimtückisch und aus Habgier ermordet hat.

Das Urteil: lebenslange Haft. Auch des gemeinsam mit seinem Opfer begangenen Raubes von Geschäftspost wird er schuldig gesprochen. Für den Raub hatte ihm der Lollarer einen Revolver besorgt. Jenen Revolver, mit dem er wenige Wochen später den Komplizen erschoss.

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