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11.11. ohne Helau

Traurige Narren: Vereinsvorsitzender spricht über Karneval und Corona

  • vonLena Karber
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Nicht nur in Köln und Mainz, auch hierzulande lassen die Karnevalisten heute die Köpfe hängen. "Die Region ist sehr närrisch", sagt Sven Käs, Vorsitzender des Carneval Club Ruttershausen, der in diesem Jahr sein 44-jähriges Bestehen feiern wollte.

Herr Käs, der heutige 11. November ist ein Werktag. Was würde ohne Corona um 11.11 Uhr geschehen?

Um 11.11 Uhr würde normalerweise die Inbox bei WhatsApp explodieren. Dann schlagen immer Hunderte Nachrichten auf. Außerdem sind viele unserer Aktiven zu diesem Zeitpunkt regelmäßig in Köln am Start, um in der närrischen Hauptstadt die neue Kampagne zu begrüßen. Aus Vereinssicht wäre jedoch erst einmal nichts passiert, da wir erst am Wochenende in die Kampagne starten wollten.

Am Wochenende sollte das Jubiläums-Prinzenpaar inthronisiert werden. Immerhin wollte Ihr Verein mit dieser Kampagne das 44-jährige Bestehen feiern. Wie sehr schmerzt es, dass alles ausfallen muss?

Das schmerzt natürlich unglaublich, weil eine Jubiläuumskampagne etwas besonders ist. Wir hatten auch das optimale Prinzenpaar ausgewählt: beide sind jetzt 44 Jahre alt. Das alles jetzt nicht tun zu können, ist unglaublich schmerzhaft. Das Nachholen eines Jubiläums ist niemals dasselbe wie das Jubiläum dann zu begehen, wenn der Zeitpunkt dafür da ist.

Aufgrund der neueren Verordnungen können die Tanzgruppen auch nicht mehr trainieren.

Wir hatten das Training bereits vor dieser Verordnung ausgesetzt. Da Fasching durch den Hotspot in Heinsberg während der ersten Welle einen sehr negativen Touch bekommen hat, haben wir frühzeitig die Notbremse gezogen. Wir wollten mit aller Macht verhindern, dass es in irgendeiner Art und Weise zu einem faschingsbedingten Covid-Fall bei uns kommt. Deswegen haben wir festgelegt, dass ab einer Inzidenz von 35 kein Training in der Halle stattfindet.

Trainieren die Gruppen stattdessen online?

Während der ganzen Pandemie haben wir versucht, zumindest für die Kleinen Online-Training anzubieten. Das wurde auch sehr dankbar angenommen, stellt uns aber vor große Herausforderungen. Zoom oder Skype sind einfach keine Plattformen, um einen Tanz einzustudieren. Außerdem braucht man immer ein Ziel, wenn man trainiert. Die Gruppen trainieren auf das Datum der Kampagneneröffnung oder der Fremdensitzung hin. Wenn völlig unklar ist, wann man den Tanz das erste Mal aufführen kann, ist es sehr schwierig, einen Tanz in der Qualität zu finalisieren und die Trainingsbeteiligung hoch zu halten.

Am heutigen 11.11. denken viele vermutlich an traurige Jecken in Köln, Düsseldorf oder Mainz, weniger jedoch an Laubach, Krofdorf oder Ruttershausen. Wie närrisch ist die Region?

Die Region ist sehr närrisch. Ich weiß von Markus Braun, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft Mittelrheinischer Karneval, dass der Bereich Gießen-Marburg die Region mit der höchsten Dichte an Karnevalvereinen ist, auf die Fläche gerechnet. 88 Vereine aus der Region sind Mitglieder des Verbands. Insofern ist das schon eine sehr wesentliche Freizeitbeschäftigung hier in der Gegend, die man vielleicht manchmal ein bisschen unterschätzt, aber die doch eine sehr große gesellschaftliche Relevanz hat.

Was zeichnet den Karneval in der Region aus?

Es ist schwer einzuschätzen, wie das woanders ist, aber die Vernetzung der Vereine untereinander ist ein Riesenfaktor. Wie sehr sich die Vereine in der Gegend unterstützen - sowohl im Fasching als auch außerhalb - ist sicherlich etwas, worauf wir hier in der Region stolz sein können.

Wie ist es in Ruttershausen, wo es nach der Gründung des CCR 1977 auch skeptische Stimmen gab?

Ich glaube, dass der CCR im Dorfleben eine sehr große Bedeutung hat. Schließlich sind wir neben dem TVR bei der Jugendarbeit ganz weit vorne - mit über 100 aktiven Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Das ist schon eine absolute Hausnummer. Und beim CCR sind die Mitglieder auch häufig gleichzeitig Fans des eigenen Vereins, die stolz darauf sind, ihrem Hobby gemeinsam zu frönen.

Einige Aktive stecken viel Zeit in die Vereinsarbeit. Was macht die Verbindung zum Verein so stark?

Zum einen sind das sicherlich die gewachsenen Strukturen. Es gibt sehr viele karnevalsverrückte Familien in Ruttershausen, wo vom Kleinkind bis zur Oma alle im CCR aktiv sind oder waren. Außerdem entwickeln sich durch die Geselligkeit im CCR sehr viele Freundschaften über die Zeit. Wenn die Leute in die Schule gehen, dann gehen sie in verschiedene Klassen, aber im CCR sind alle zusammen, alle sind Ruttershäuser und freuen sich über die Erfolge, die der Verein feiern kann.

Was macht die Faszination Karneval aus?

Der Karneval verbindet. Was mich am meisten fasziniert, ist, wie viele unterschiedliche Menschen mit unterschiedlicher Herkunft und unterschiedlichen Sozialisationen man über die Jahre kennenlernt. Man verbringt viel Zeit zusammen, unterstützt und wertschätzt sich gegenseitig, man lacht und weint zusammen. Das ist vielleicht in anderen Sportarten anders. Da geht man auf den Platz, spielt gegeneinander, fährt nach Hause und dann war’s das. Im Karneval gewinnt man das Spiel nur miteinander.

Wie sieht sich der CCR für die Zukunft aufgestellt?

Im Trainerstab und im Vorstand wird es zu Veränderungen kommen. Aber wir versuchen immer, junge Leute zu motivieren, so dass es eine große Basis an Menschen gibt, die sich auch in Zukunft für den Verein engagieren wollen

Veranstaltungen wird es wohl während der diesjährigen Kampagne nicht geben. Plant der CCR Alternativen oder findet gar nichts statt?

Ich glaube, dass in der kalten Jahreszeit das Infektionsgeschehen recht hoch bleiben wird. Deshalb halte ich es für unverantwortlich, Aktionen zu machen, wo Menschen, die sich eigentlich voneinander fernhalten sollten, doch wieder zueinander kommen. Insofern sehe ich im Augenblick leider wenig Möglichkeiten.

Und was ist mit Online-Formaten?

Mit viel finanziellem und zeitlichen Aufwand kann man so etwas vielleicht in Köln oder in anderen Großstädten gestalten, aber gerade auf dem Dorf sehe ich wenig Potenzial für Online-Karneval. Fasching lebt davon, dass Leute zusammenkommen. Deswegen ist das eine sehr schwierige Situation für alle Beteiligen, egal ob sie nun trainieren, tanzen oder feiern wollen. Ich befürchte, dass im Wesentlichen nichts stattfinden wird.

Was sind die Erwartungen an die erste Kampagne nach Corona?

Ich bin da zwiegespalten. Auf der einen Seite glaube ich, wenn wir irgendwann wieder zusammen feiern können, werden wir eine Feier erleben, wie sie Ruttershausen noch nie gesehen hat. Das ist meine Hoffnung. Aber was man auf keinen Fall vergessen sollte, ist die Gefahr eines sozialen Flurschadens, der bei einer Pandemie entsteht. Ich glaube, dass das Ganze auch das Potenzial hat, eine Gesellschaft zu verändern. Das könnte nicht nur für den CCR sondern für alle Vereine langfristige Folgen haben.

Wie meinen Sie das?

Meine Befürchtung ist, dass einige Leute aufgrund von Ängsten nicht mehr so oft und so intensiv weggehen, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Das gilt umso mehr, umso länger die Pandemie dauert. Deswegen werden wir im Bereich der Hygiene noch einmal eine Schippe drauflegen, um den Menschen, die wir zu unserer nächsten Sitzung zahlreich erwarten, einen schönen Abend zu bieten.

44 Jahre Carneval Club Ruttershausen

Der Carneval Club Ruttershausen (CCR) wurde 1977 in der Gaststätte "Zur Lahnbrücke" gegründet - angeblich auf einem Bierdeckel, der nicht mehr existiert. 1978 entstand die erste Kindertanzgruppe, die noch in Gamaschen oder Gummistiefeln tanzte. Bekanntestes Kind des CCR war die Mundartgruppe Kork, die 2016 ihre Abschiedskonzerte gab. Im CCR gibt es vier Gardetanzgruppen (nach Alter: Konfettis, Knallbonbons, Teeniegarde und Tanzgarde), eine Showtanzgruppe, den Elferrat und den Senat. Aktuell hat der Verein 365 Mitglieder.

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