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Vom Studio zum Studium

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Paul Berger spielte mit seinen Brüdern in einer erfolgreichen Band, lebte fünf Jahre als Musiker in London. Nun will er Lehrer werden und absolviert ein Praxis-Semester in Lollar.

Ein Bassist ist gut, wenn man nach dem Auftritt sein Gesicht vergessen hat", sagt ein etwas gemeines Sprichwort. Will heißen: Er sollte sich weder in den Vordergrund spielen, noch durch schräge Töne auffallen. Es gibt herausragende Musiker, die beweisen, dass dieses Instrument sehr wohl eine wichtige Rolle übernehmen kann. Paul Berger scheint jedenfalls dem gängigen Klischee eines Bassisten nahezukommen: Ein in sich ruhender, gemütlicher Typ, kein Mittelpunkt-Mensch. Etwas hastig, aber in ruhigem Tonfall erzählt er von seiner Musiker-Karriere. Inzwischen absolviert Berger ein Praktikum als angehender Förderschullehrer an der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) in Lollar. Die Jahre als Musiker sind vorüber, seine Erinnerung daran aber noch immer sehr lebendig.

Am Anfang stand, wie so oft, eine Coverband, der es an tiefen Tönen mangelte: "Zur Musik bin ich durch eine Schulband gekommen. Keiner wollte Bass spielen, also habe ich das gemacht." Dann gründete sein älterer Bruder Arthur eine Band. Paul, der mittlere Berger-Bruder, stieg als Bassist ein, Patrick, der Jüngste, als Gitarrist. Nachdem ein befreundeter Schlagzeuger ausgestiegen war, ersetzte ihn ein Cousin der Bergers. Eine Band aus vier Verwandten – das allein ist schon eine Ausnahme. Der Weg, den "Wide Sea" ab der Gründung 2005 beschritt, ist mindestens genauso bemerkenswert.

"Damals herrschte bei den Plattenfirmen Goldgräber-Stimmung", beschreibt Berger die Rahmenbedingungen in den 2000er-Jahren. 2003 hatten "Juli" aus Gießen ihren ersten Plattenvertrag unterschrieben. Auch Paul Berger und seine Mitmusiker nahmen Demo-Tapes auf und schickten sie an Plattenfirmen, allerdings mit Texten auf Englisch. Schließlich bekamen sie einen Vertrag vorgelegt. "Blauäugig, wie wir waren, haben wir alles unterschrieben", doch die Wetzlarer Band hatte die Rechnung ohne das Kleingedruckte gemacht. Das Interesse ließ bald nach, man trennte sich wieder von der Indie-Pop-Band. Doch die Rechte an der Musik, sagt Berger, seien bei der Plattenfirma geblieben. Was also tun? Allmählich reifte die Idee, in London das musikalische Glück zu suchen. "Ich war am Anfang am skeptischsten, aber ich habe gesagt: Wenn alle dabei sind, mache ich auch mit. Das war eine sehr, sehr gute Entscheidung."

Paul Berger war kaum älter als 20, als die Band den Neustart auf der Insel wagte. Sein jüngerer Bruder war noch nicht volljährig. Wie haben die Eltern auf den mutigen Plan reagiert? "Unser Vater fand die Idee sehr cool", erinnert er sich. "Aber meine Mutter war am Weinen." Verständlich, immerhin waren auf einmal alle drei Söhne im Ausland.

Die erste Zeit in London war entbehrungsreich: "Wir haben zu viert in einem Zehn-Quadratmeter-Zimmer gewohnt, inklusive Instrumente. Ich glaube, das geht nur mit Geschwistern, da kennt man sich fast blind." Doch erste Erfolge stellten sich bald ein. "Wide Sea" lernten Edwyn Collins kennen, dessen Song "A Girl Like You" von 1995 noch heute ein Radio-Hit ist. Der Musiker nahm die Mittelhessen unter seine Fittiche, "wir sind Freunde geworden". Sie gingen mit Collins auf Tour. Paul Berger kommt noch Jahre später ins Schwelgen, berichtet von Treffen mit Idolen von "Oasis" und "Franz Ferdinand". "Als in New York die Limousine auf uns wartete, das war der Rockstar-Moment." Auch ein Auftritt in Tokio war geplant, doch die Atom-Katastrophe von Fukushima kam dazwischen.

"Wir haben uns nicht zerstritten", sagt der 33-Jährige. Doch die Jungs, die sich inzwischen "Gusto" nannten, gingen nach fünf Jahren in London allmählich auf die 30 zu – da kommt bei vielen die Frage auf, wo man langfristig hin will. Paul und sein älterer Bruder entschieden sich, Förderschullehramt zu studieren. "Nesthäkchen" Patrick, inzwischen 29, lebt noch immer in London. Ihn selbst habe die Zeit dort entspannter werden lassen, sagt Berger. Um als Musiker Erfolg zu haben, brauche es "Talent, Glück – und Beharrlichkeit, man darf nicht gleich aufgeben". Auch sei die Wertschätzung für Musiker in England größer als in Deutschland: "Wenn man in England sagt: ›Ich bin Musiker‹, wird das akzeptiert. Hier kommt dann die Frage: ›Und was machst du wirklich?‹"

Inzwischen ist Musik für Berger zum Hobby geworden, zurzeit absolviert er ein Praktikum in Lollar. Seine neue Rolle als angehender Lehrer hat nichts mit Musik zu tun, trotzdem zieht Berger interessante Parallelen: "Der Klassenraum ist auch irgendwie eine Bühne, man muss auch da sozusagen eine Performance abgeben."

Doch alle Vergleiche haben Grenzen: Im Gegensatz zur Zeit in der Band gibt Berger in seinen Klassen nun den Ton vor. Und als Lehrer muss der Bassist sicher nicht fürchten, dass das junge Publikum nach dem Unterricht sein Gesicht vergessen hat.

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