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Wäsche sortieren und falten: Über zehn Jahre lang arbeitete Ursula Vogel im Wäscheservice des Pflegeheims "Haus am grünen Weg" in Lollar. Ende Januar war ihr letzter Tag. FOTO: KEGE

Erste Kündigung

Ruhestand mit 80: Ursula Vogel aus Lollar will noch nicht aufhören

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Eigentlich wollte die Seniorin so lange arbeiten, "bis sie in die Kiste hüpft." Nach ihrem 80. Geburtstag im vergangenen Jahr, erhielt die Lollarerin dann plötzlich ihre erste Kündigung.

Ohne ein freundliches "Hallo" kann Ursula Vogel hier an keinem vorbei gehen - im "Haus am grünen Weg" kennt sie jeder. Wenn die 80-Jährige ganz gemächlich durch die Gänge des Lollarer Pflegeheims spaziert, bleibt sie so ziemlich bei jedem Bewohner kurz stehen. Fragt wie es geht, klopft liebevoll auf die Schulter und macht irgendeinen aufbauenden Scherz. "Ursel" - wie sie hier von allen genannt wird - ist die gute Seele des Hauses, das spürt man gleich.

Mehr als zehn Jahre ist es her, seit Ursula Vogel nach ihrem Ruhestand im "Haus am grünen Weg" angefangen hat zu arbeiten. Wäsche falten und sortieren war seitdem ihre Aufgabe. An drei Tagen der Woche, für je fünf Stunden. "Ich arbeite solange, bis ich in die Kiste hüpfe", habe sie immer gesagt. Vogel lächelt wehmütig und fügt traurig hinzu: "Das hat jetzt wohl nicht mehr geklappt."

Lollar: Berufstätig seit sie 14 ist

Korian, ein Anbieter von Pflege- und Betreuungsdienstleistungen, hat die ehemalige Casa Reha im Jahr 2016 übernommen. Damit einher gingen einig Veränderungen, zuletzt der Wechsel zu einem neuen Wäscheservice.

"Alle Arbeiten, die unsere Ursel hier gemacht hatte, wurden von der neuen Wäscherei übernommen", sagt Leiterin Masorca Schmitt. Damit sei Vogels Job weggefallen.

Lange habe die Leiterin des Pflegeheims überlegt, wo sie die Seniorin anderweitig unterbringen könnte - "aber es gibt leider nichts passendes", fügt sie hinzu. Dass Vogel nun gehen muss, täte allen weh. Sie scheint wie ein Teil einer großen Familie gewesen zu sein. Schmitt nickt: "Ursel gehört einfach zum Haus."

Vogel hat ihr ganzes Leben lang gearbeitet. Als junge Frau, mit 14 Jahren, hat sie Zigarrenschachteln zusammengeschweißt. Nach der Geburt ihrer Kinder war sie dann zunächst Reinigungskraft in Schulen, danach Hauswirtschafterin bei der Bundeswehr und später in der Abteilung für Tierpsychologie an der Uni Gießen. In den eigentlich wohlverdienten Ruhestand mit 65 Jahren habe man sie fast schon zwingen müssen, erzählt sie.

Lollar: Zu Hause sitzen macht blöd

Der Job im "Haus am grünen Weg" war ihr großes Glück. - auch weil ein Teil ihrer Familie dort arbeitet. Zwei Enkel und Tochter Sylvia Venohr, die Pflegedienstleiterin. Sie vermittelte ihrer Mutter auch die Stelle.

Damit konnte die sich nicht nur etwas dazuverdienen, sondern vor allem wieder unter Leute kommen. "Meine Rente und die meines Mannes reicht eigentlich", sagt die 80-Jährige, "aber ich will gebraucht werden. Das ist ein schönes Gefühl."

Nur wegen des Alters mit Arbeiten aufzuhören, wäre ihr darum nie in den Sinn gekommen. Vor allem, weil sie sich für ihr Alter noch sehr fit fühle. "Ich kann nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen", sagt sie, "da wird man doch blöd."

Die schlechte Nachricht des plötzlichen Ruhestandes habe es dann im vergangenen Jahr quasi zu Weihnachten - ihrem Geburtstag - gegeben. "Das war ein echter Schlag", sagt Vogel.

Lollar: Immer noch in alte Routine

Auch Chefin Schmitt erinnert sich genau an diesen Moment und Vogels erste Reaktion: "Ich musste 80 Jahre alt werden um meine erste Kündigung im Leben zu bekommen", habe sie gesagt und: "Was soll ich denn jetzt den ganzen Tag machen?"

Um 6.15 Uhr aufstehen, schnell fertig machen und mit dem Fahrrad zur Arbeit. Die Routine, die für die 80-Jährige in den letzten zehn Jahren zu einem festen Lebensbestandteil wurde, kann sie nicht einfach so ablegen.

Vergangenen Samstag saß sie schon auf dem Rad, als es ihr plötzlich dämmerte: "Ich muss nicht aufstehen. Ich kann nicht mehr zur Arbeit." Die Seniorin erzählt dieses Erlebnis wie eine amüsante Geschichte.

Sie lacht immer wieder, während sie davon berichtet, doch die traurige Färbung kann sie damit nicht kaschiert. "Das wird mir wahrscheinlich noch öfter passieren", sagt sie leise.

Lollar: Ursel macht weiter

Die letzten Arbeitstage waren emotional enorm schwer für "Ursel". "Ich habe sie noch nie vorher weinen gesehen", erzählt Schmitt. In der vergangenen Zeit hätte sie jedoch öfter ein paar Tränen gesehen: "Das hat mir das Herz zerrissen."

Ursula Vogel wäre aber nicht "Ursel", wenn sie sich von einer Kündigung abhalten lassen würde, regelmäßig im Pflegeheim vorbeizuschauen. "Das lasse ich mir sicher nicht nehmen", sagt sie und in ihren Augen blitzt der Enthusiasmus, für den sie hier so geschätzt wird. Schmitt lacht. "Wir werden sie auch weiterhin brauchen", sagt sie liebevoll.

Als Ehrenamtliche wird Vogel darum in Zukunft hier und da mal helfen, wenn es nötig ist. Und sei es nur, um ein paar Schultern zu streicheln oder aufbauende Scherze zu machen. "Ich habe immer gesagt, dass ich ihren Arbeitsvertrag mal durch einen Heimvertrag ersetzte", sagt Schmitt und beide lachen. "Wenn es soweit ist, komme ich nur hierher", sagt Vogel.

Lollar: Neuer Alltag

"Ich habe ja schon meine Hobbys", sagt Ursula Vogel auf die Frage, was sie jetzt mit dem plötzlichen Ruhestand anfängt. Tatsächlich klingt es in ihrer Schilderung so, als ob für Langeweile kein Platz wäre. Montags geht sie zum Schwimmen, dienstags spielt sie Karten, donnerstags findet ein Stammtisch mit Freunden statt, samstags geht sie zu den Spielen des HSG Lollar/Ruttershausen und sonntags telefoniert sie mit ihrer Schwester. "Ich habe immer was zu tun", sagt sie. Aber das sei natürlich nicht das gleiche, wie eine feste Arbeitsroutine.

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