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Nach Lollarer Bürgermeisterwahl: Erste Analysen der Kandidaten - Wahlbeteiligung bereitet Sorge

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Von: Jonas Wissner

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Konkurrenten Hand in Hand: Sowohl Jan-Erik Dort als auch Bianka de Waal-Schneider (Mitte) und Selda Demirel-Kocar, hier am Sonntagabend, betonen die Fairness unter den bislang drei Rathausanwärtern. © Jonas Wissner

Am Tag nach der Wahl richtet sich der Blick nach vorn: Während Bianka de Waal-Schneider und Jan-Erik Dort sich für die Stichwahl wappnen, hadert Selda Demirel-Kocar mit ihrem Ergebnis.

Zwar hatte Bianka de Waal-Schneider am Sonntagabend auf der »de Waal-Party« im Schwimmbad-Café Grund zum Feiern, »aber es war keine lange Nacht«, sagt sie am Tag danach. Gegen Mitternacht sei Schluss gewesen, wenige Stunden später stand wieder der Joballtag bei Peek & Cloppenburg an. Schon am Montagmorgen hat sich die Wahlsiegerin zudem wieder Themen der Staufenberger Kommunalpolitik gewidmet, wo sie als Erste Stadträtin am Nachmittag bei der Magistratssitzung dabei war. Um nicht den Überblick zu verlieren, braucht es gute Organisation. Ihr Erfolg zeigt, dass ihr das im Wahlkampf gelungen ist.

Die 55-Jährige hat am Sonntag bei der Bürgermeisterwahl in Lollar 45,5 Prozent der Stimmen geholt, zieht für SPD und Grüne als Favoritin in die Stichwahl am 16. Oktober ein. Jan-Erik Dort (unabhängig) erzielte 28,1 Prozent und wahrt seine Chance aufs Bürgermeisteramt. CDU-Kandidatin Selda Demirel-Kocar landete mit 26,4 Prozent nur auf Rang drei, für sie ist der Wahlkampf vorbei.

Lollarer Bürgermeisterwahl: Erste Hürde genommen

Auch Dort hat es am Sonntag nicht wirklich krachen lassen. »Meine Frau, mein Sohn und ich waren abends relativ kaputt«, sagt er, »um 7.30 Uhr war ich wieder im Büro«. Sein Einzug in die Stichwahl sei ja nur ein Zwischenergebnis, »es gibt noch nichts zu feiern«. Doch er freut sich, die erste Hürde genommen zu haben - »mit geringen Mitteln« und ohne Partei im Rücken.

Gemeinsam mit seiner Frau und Unterstützern habe er am Sonntagabend im »Silano« schon bei einem ersten »Brainstorming« überlegt, worauf es nun ankommt. »Einige haben mir Nummern von Lollarer Bürgern geschickt, die ich mal kontaktieren könnte«, sagt Dort und erzählt, dass er es nicht versäumt hat, am Montag die Miete für zwei Bauzäune zu verlängern, auf denen er Wahlplakate präsentiert.

Erneut war die Wahlbeteiligung in Lollar nun erschreckend niedrig: Nicht einmal jeder zweite Wahlberechtigte hat mitgestimmt. Über die Gründe kann auch der mit Statistik vertraute Sozialwissenschaftler Dort nur spekulieren. Vielleicht brauche es noch mehr politische Bildung, wobei die Lollarer Schulen in diesem Bereich schon sehr aktiv seien, so der 39-Jährige.

Lollarer Bürgermeisterwahl: Nicht einmal jeder Zweite hat gewählt

Womöglich, sagt de Waal-Schneider, habe der Regen manche von einem Spaziergang abgehalten, mit dem sie den Urnengang eigentlich verbinden wollten. An Engagement der drei Kandidaten, Wähler zu mobilisieren, habe es jedenfalls nicht gemangelt. Künftig werde es darauf ankommen, Menschen noch mehr direkt anzusprechen, so de Waal-Schneider. »Wenn wir unser Wahlrecht nicht ausüben, wird es auf Dauer schwierig, in Demokratie zu leben«, sagt sie und ruft eindringlich dazu auf, bei der Stichwahl mitzustimmen.

Das ist nicht nur im Interesse der Demokratie, sondern auch in ihrem eigenen. Die Gefahr, sich des Sieges nun zu sicher zu sein, sieht de Waal-Schneider für sich selbst nicht. »Es gibt viele Beispiele, wo jemand mit haushohem Abstand in die Stichwahl gegangen ist und das Blatt sich noch gewendet hat.« Das ist auch dem amtierenden Lollarer Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek 2004 gelungen, als er aufholte und die Stichwahl überraschend gewann.

Für beide Kontrahenten gilt es nun, auch CDU-Wähler für sich zu begeistern. Einen Ansatzpunkt hat de Waal-Schneider schon ausgemacht: Die CDU betone, auf Erfahrung und Kompetenz zu setzen - und das biete sie.

»Ich versuche die Menschen zu überzeugen, dass eine Bürgermeisterin für alle da ist«, sagt sie. Nicht zuletzt kämen mit Blick auf den Haushalt schwierige Zeiten auf Lollar zu. Umso wichtiger sei es, über Parteigrenzen hinweg Kompromisse zu schließen.

Ohne andere Stadtteile zu vergessen, will sie nun vor allem in der Lollarer Kernstadt noch »Überzeugungsarbeit« leisten - einzig im Bezirk Lollar Nord hatte am Sonntag Demirel-Kocar die Nase vorn. Die Karten werden nun neu gemischt, aber Dort müsste für einen Wahlsieg erheblich aufholen. Er betont dennoch, sein Konzept nicht zu ändern, sich nicht auf bestimmte Gruppen konzentrieren zu wollen. Gerade jene, die schon am Sonntag nicht gewählt haben, nun in der Stichwahl dazu zu motivieren, werde sehr schwer, so seine Erwartung.

Lollarer Bürgermeisterwahl: Demirel-Kocar beklagt Rassismus

Derweil wirkt Demirel-Kocar zwar enttäuscht, gibt sich aber gefasst. Mit ihrer Familie und anderen Christdemokraten hat sie am Sonntagabend das Ergebnis »ein bisschen sacken lassen«. Viele Menschen mit Migrationshintergrund hätten sie angesprochen und bekundet, erstmals zu wählen, »weil wir uns mit dir identifizieren können«. Darauf ist sie stolz und geht zugleich davon aus, dass etliche CDU-Stammwähler sich eben nicht mit ihr identifiziert hätten.

»Ich bin nicht verbittert. Es war eine sehr lehrreiche Erfahrung für meine Familie und mich«, sagt die 48-Jährige und spielt damit auch auf rassistische Diskriminierung an. Nun gilt ihr Fokus wieder der Heuchelheimer Kommunalpolitik, wo sie weniger »Ausgrenzung« als in Lollar erlebe.

Ihre Kandidatur hat auch über den Kreis hinaus Aufsehen erregt. »Es ist noch immer eine Seltenheit, dass Menschen mit Migrationshintergrund als deutsche Politiker wahrgenommen werden«, sagt die Juristin und beklagt: »In den Köpfen ist noch so viel Rassismus.« Doch die Niederlage lasse sich nicht nur auf ihren Namen und Migrationshintergrund zurückführen, betont sie. So hätten etwa auch Dorts Heimvorteil und die noch immer »gute Vernetzung« der Lollarer SPD sicher eine Rolle gespielt. Eine persönliche Empfehlung für die Stichwahl will sie übrigens nicht abgeben, »das maße ich mir nicht an«.

»Ich hätte nicht mehr machen können«, blickt die CDU-Kandidatin auf einen engagierten Wahlkampf zurück und sorgt sich zugleich um die Zukunft ihrer Partei: Auch die CDU habe große Teile ihrer Stammwählerschaft verloren und müsse sich »genau überlegen«, wie sie als Volkspartei überleben kann. »Das Volk hat zu mehr als 20 Prozent Migrationshintergrund.«

Kommentar von Jonas Wissner: Bürgermeisterwahl in Lollar - Ein Kantersieg und ein Achtungserfolg

Dass Bianka de Waal-Schneider in die Stichwahl einziehen würde, war zu erwarten. Sie ist zwar keine Lollarerin, aber unter anderem als Vertreterin des Staufenberger Bürgermeisters in Lollar nicht unbekannt. Dass sie aber um ein Haar ohne Stichwahl Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek im Amt beerbt hätte, spricht für ihre engagierte Kampagne: Die Wähler haben ihr abgenommen, dass sie nicht nur mit »Leidenschaft und Kompetenz« wirbt, sondern diese Attribute wirklich mitbringt. Nicht zuletzt hatte sie mit der in Lollar traditionell starken SPD und den Grünen zwei Parteien im Rücken, das dürfte geholfen haben.

Jan-Erik Dort hat es ohne Parteiunterstützung in die Stichwahl geschafft – das ist mindestens ein Achtungserfolg. Als einziger Lollarer im Rennen konnte er punkten, hat keinen Hehl aus mangelnder kommunalpolitischer Erfahrung gemacht, authentisch mit Offenheit für Ideen und Bürgernähe geworben. Dass er als Unabhängiger antritt, macht ihn in Zeiten abnehmender Bindungskraft von Parteien für manche vielleicht umso wählbarer. Um in der Stichwahl zu bestehen, müsste er aber wohl auch bei CDU-treuen Wählern punkten.

Überraschend ist das Ausscheiden von Selda Demirel-Kocar. Womöglich hat es der Heuchelheimerin, obwohl sie als erste in den Wahlkampf gestartet war und ihn zweifellos sehr engagiert bestritten hat, am Ende doch an Bekanntheit gemangelt. Vor wenigen Wochen hat sie rassistische Anfeindungen im Wahlkampf öffentlich gemacht – und ihre Vermutung, dass sie für manche nur wegen ihres Namens nicht wählbar sei, ist leider nicht von der Hand zu weisen.

Stimmen zur Wahl

Dr. Jens-Christian Kraft (CDU): Die Wahl war für Lollar eine große Chance. Für uns ist die Kompetenz immer das ausschlaggebende Kriterium, von daher haben wir uns ein anderes Wahlergebnis erhofft. Für eine Analyse der Wahl ist es noch zu früh. Wir bedanken uns bei Selda Demirel-Kocar, die einen engagierten Wahlkampf geführt hat.

Cornelia Maykemper (FDP): Das Ergebnis ist durchaus überraschend. Wir müssen als Fraktion jetzt abwarten. Wir haben uns für keinen Kandidaten starkgemacht und schauen optimistisch in die Zukunft. Der Austausch mit den Kandidaten hat vor der Wahl hervorragend funktioniert.

Peter Gefeller (SPD): Ich freue mich, dass unsere Staufenberger Erste Stadträtin dieses Ergebnis erzielen konnte. Sie ist souverän in die Stichwahl gekommen. Ich drücke ihr die Daumen und bin zuversichtlich, dass sie auch in der Stichwahl erfolgreich ist. Es wäre wünschenswert, da wir dann als Nachbarstädte einfacher gemeinsame Projekte zum Wohle der Bürger von Staufenberg und Lollar anstoßen könnten.

Norman Speier (SPD): Natürlich freut uns das Ergebnis sehr. Vor allem, weil unsere Kandidatin in fast allen Bezirken die Siegerin ist. Das zeigt uns, dass wir einen guten Wahlkampf geführt haben und sie viele Lollarer von sich und ihrer Kompetenz überzeugen konnte. Ich bin davon ausgegangen, dass wir gegen die Kandidatin der CDU in die Stichwahl gehen. Unser Ergebnis war heute so stark, weil wir in Bianka de Waal-Schneider eine kompetente und überzeugende Kandidatin aufgestellt haben. Jetzt liegt es an uns, die Stichwahl in vier Wochen zu gewinnen. Dafür müssen wir auch die Wähler der CDU für uns gewinnen und von uns überzeugen.

Heidi Alt (Grüne): Wir freuen uns natürlich, dass wir so ein gutes Ergebnis auf Anhieb erzielen konnten und wünschen uns, dass die Stichwahl ein ähnliches Resultat haben wird. Die Wähler haben heute darauf geachtet, wer die größte Kompetenz aufweisen kann. De Waal-Schneider hat einfach die besten Voraussetzungen für das Amt der Bürgermeisterin und deswegen haben wir sie ja auch, gemeinsam mit der SPD, aufgestellt. Um die Stichwahl für uns zu entscheiden, müssen wir den Wählern klarmachen, wofür unsere Kandidatin steht, was sie ausmacht und wie sie sich von Herrn Dort unterscheidet.        pku

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