Wie menschenfeindlich ist das Gießener Land?

Gießen/Lollar (khn). Unter die Oberfläche schauen, nicht nur die Spitze des Eisberges sehen. Herausfinden, wie verbreitet rechte Einstellungen im Landkreis Gießen sind und wo sich der Nährboden für diese befindet. Dazu soll eine Studie der Universität Bielefeld beitragen. Die Ergebnisse sind erschreckend.

Die Wissenschaftlerinnen Sylvia Wandschneider und Daniela Krause haben ihre Ergebnisse den 150 Teilnehmern der Fachtagung "Rechte Einstellungen und rechte Strukturen im Landkreis Gießen" im Lollarer Bürgerhaus vorgestellt. Die Bereitschaft, Menschen abzuwerten, die als gesellschaftlich nutzlos stigmatisiert werden, sei im Landkreis "alarmierend hoch", sagen sie. Nicht nur Obdachlose und Langzeitarbeitslose werden abgewertet. Im Vergleich zu den Zahlen für Hessen fallen auch die Zustimmungswerte für Islam- und Fremdenfeindlichkeit hoch aus. Ihre These: Die Vorurteilskultur ist kein Randphänomen.

Basis der Studie ist eine Umfrage, die zwischen 2002 und 2011 jedes Jahr mit unterschiedlichen Interviewpartnern stattgefunden hat. In Hessen befragten die Wissenschaftler 1133 Personen – davon 215 aus dem Landkreis Gießen. 46 Prozent der Befragten haben einen niedrigen, 28 einen mittleren und 26 Prozent einen höheren Bildungsabschluss. Durchschnittsalter: 49 Jahre. Wandschneider und Krause sind sich dieser geringen Fallzahlen bewusst. Sie sagen, dass die Studie unter Vorbehalt betrachtet werden müsse. Die Ergebnisse vermittelten aber einen Eindruck von der Situation vor Ort.

Die These der Wissenschaftlerinnen lautet, dass nicht individuelle Merkmale, sondern die Gruppenzugehörigkeit ausschlaggebend dafür sind, ob Menschen als ungleichwertig erachtet werden und Feindseligkeiten ausgesetzt sind. Vorurteile werden gepflegt, um ein Wir-Gefühl zu schaffen, Selbstbewusstsein und Selbstwert zu steigern und das Gefühl von Wissen und Orientierung zu suggerieren. Wandschneider und Krause nennen das "legitimierende Mythen". Betroffen von Vorurteilen sind häufig Randgruppen. Sie trifft die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit: Muslime, Einwanderer, Langzeitarbeitslose, jüdisch Gläubige, Homosexuelle, Frauen und Behinderte. Zu diesen sogenannten schwachen Gruppen sind die deutschen Interviewpartner zwischen 2002 und 2011 befragt worden.

Im Regierungsbezirk Gießen wertet über die Hälfte der Befragten Langzeitarbeitslose ab. So stimmen dem Satz "Ich finde es empörend, wenn sich die Langzeitarbeitslosen auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen" 66,6 Prozent zu. 44 Prozent der Befragten äußern sich abwertend gegenüber Obdachlosen, stimmen zum Beispiel mehrheitlich dafür, dass sie aus den Innenstädten entfernt werden sollen. Zum Vergleich: Im übrigen Hessen sind es 25 Prozent.

Dass Alteingesessene Vorrechte gegenüber Zuwanderern haben, dafür sprechen sich 42 Prozent der Befragten aus. "Es leben zu viele Ausländer in Deutschland" sagen knapp 55 Prozent; insgesamt beziffern Krause und Wandschneider die Zustimmung bei der Fremdenfeindlichkeit auf 26,4 Prozent. Ähnlich hoch die Prozentzahlen bei der Islamfeindlichkeit (21 Prozent), und mit knapp 15 Prozent bejahen die Befragten rassistische Aussagen. Das ist signifikant höher als im Hessenvergleich (9 Prozent).

Wandschneider und Krause betonen, dass Menschenfeindlichkeit kein Randphänomen sei, das sich beispielsweise nur bei rechtsextremen Gruppen finde. Sie sei, so heißt es in der Studie, in allen sozialen Gruppen präsent. Die Gefahr, die sich hinter den Vorurteilen verstecke, bestehe darin, dass Menschenwürde an ökonomischen Erfolg gekuppelt werde, an Leistung und Funktionalität. Tenor: Nicht die Gesellschaft hat die soziale Verantwortung, sich um die schwachen Mitglieder zu kümmern, sondern die Schwachen kommen ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht nach. Denn sie funktionierten nicht als produktive Mitglieder.

Vor dem Hintergrund hoher Zustimmungswerte sei es sinnvoll, Interventionsprogramme auf schwache Gruppen auszurichten und generelle Dynamiken von Vorurteilen sichtbar zu machen, raten die Wissenschaftlerinnen. Programme gegen Rassismus und Antisemitismus sollten auch andere Gruppen einbeziehen. Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit findet sich laut Studie nicht nur in allen sozialen Gruppen. Auch gebe es kaum Unterschiede bei den Geschlechtern, wobei sich Frauen in Bezug auf langzeitarbeitslose Menschen feindlicher äußerten als Männer. Befragte mit niedrigem Bildungsabschluss seien schwachen Gruppen gegenüber feindseliger eingestellt.

Wandschneider und Krause sehen den Zusammenhang zwischen sozialer Desintegration – und dem Gefühl, wirtschaftlich schlechter dazustehen als andere – auf der einen und der Abwertung schwacher Gruppen auf der anderen Seite bestätigt. Wer sich politisch machtlos fühle und glaubt, feste soziale Beziehungen immer schwieriger knüpfen zu können, äußere sich ablehnend gegenüber schwachen gesellschaftlichen Gruppen; vor allem gegen Ausländer. Hier sei nicht nur die große Politik gefragt, sondern auch Eliten im sozialen Nahraum wie Bürgermeister, Vereinsvertreter, lokale Medien und Kirchen. Klar ist: Es besteht erheblicher Aufklärungsbedarf.

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