Tägliche Hürden

Lollarer Rolli-Fahrer kämpft für Barrierefreiheit

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Senioren, Behinderte, Eltern mit Kinderwagen: Sie alle stoßen täglich auf bauliche Hindernisse. Der Lollarer Rollstuhlfahrer Wolfgang Hoffmann kämpft für mehr Barriererfreiheit.

Der Weg zum Briefkasten ist ein Hindernisparcours. Wolfgang Hoffmann kommt bereits nach 200 Metern zum Stehen. Es ist Samstagvormittag, mit sechs Kilometern in der Stunde verlässt er in seinem Elektro-Rollstuhl sitzend sein Haus in Lollar. Zunächst geht es den Gehweg steil abwärts, dann überquert Hoffmann die Straße - und muss stoppen. Der Bordstein ist zu hoch.

Es ist ein Problem, das viele Menschen im Kreisgebiet betrifft: Senioren, die sich auf Rollatoren abstützen, Menschen mit Behinderung und Eltern, die Kinderwagen schieben, stoßen im öffentlichen Raum täglich auf schwer zu überwindende Hürden. Hoffmann, der seit wenigen Monaten auf einen Rollstuhl angewiesen ist, hat nun seiner Stadt einen Brief geschrieben.

"Wann können endlich die Hindernisse durch Bordsteine beseitigt werden?", fragt er in seinem Schreiben. Der Lollarer Magistrat hat geantwortet und verspricht, sich mit dem Thema zu befassen. Hoffmann hat durchaus das Recht auf seine Seite. Zu Barrierefreiheit im öffentlichen Raum verpflichten zum Beispiel die UN-Behindertenkonvention und das Behindertengleichstellungsgesetz.

Nicht nur ein Thema für Lollar

Es ist wohlgemerkt ein Zufall, dass sich dieser beispielhafte Fall in Lollar dreht, er könnte sich in jeder anderen Kommune abspielen. Und wie in den anderen Gemeinden im Kreisgebiet ist es eine Frage des Aufwands. "Wir tun einiges für Barrierefreiheit", betont Lollars Bürgermeister, Dr. Bernd Wieczorek. Er verweist auf die derzeitige Umgestaltung des Bahnhofs, unter anderem werden die Wege zu den Gleisen barrierefrei umgebaut.

"Natürlich ist es für Menschen mit Behinderung insgesamt zu wenig", räumt Wieczorek ein. Für das Anliegen Hoffmanns habe er Verständnis. In der Familie habe er selbst Pflegefälle. "Ich weiß, wovon er spricht." Bei der Neugestaltung von Straßen und bei Sanierungen verlege man abgesenkte Bordsteine. Doch was solle man in wenig frequentierten Nebenstraßen in Dörfern tun?

Die Absenkung des Bordsteins an einer kleinen Stelle kann auch mal bis zu 12 000 Euro kosten, erläutert ein Mitarbeiter einer heimischen Baufirma. Denn man müsse auch den Asphalt bearbeiten, eine Rinne für den Wasserablauf berücksichtigen, der Bordstein sollte im Idealfall blindengerecht verarbeitet sein. "Bei dem aktuellen Bauboom ist es für Kommunen zudem äußerst schwierig, auf die Schnelle eine Firma zu finden", fügt der Experte hinzu. Auch die Landesbehindertenbeauftragte Maren Müller-Erichsen bekräftigt, dass die Absenkung von Bordsteinen ein wichtiges Thema sei. Derartige Maßnahmen seien allerdings aufwändig.

Drängendes Anliegen

"Solange man gesund ist, macht man sich über Bordsteine keine Gedanken", sagt der 79 Jahre alte Hoffmann. Der Lollarer sitzt in seiner Küche, aus dem Radio dudelt "Merci, Chérie" von Udo Jürgens. Er schenkt dem Gast ein Glas Tomaten-Gemüsesaft ein. Hinter ihm lehnt ein Gehstock. Hoffmann ist ein ruhiger Zeitgenosse, der nicht viele Worte verliert. Doch er hat ein drängendes Anliegen. "Es trifft die schwächsten Verkehrsteilnehmer", sagt er. In seiner Wohnung bewegt er sich mit einem Rollator. Aufgrund einer Krankheit könne er nur wenige Sekunden ohne Hilfe stehen, sagt er. "Ich habe Gleichgewichtsstörungen." Kürzlich hat er einen Fahrstuhl vom Erdgeschoss nach unten in den Keller einbauen lassen. Draußen führt nun eine Rampe aus Aluminium zur Haustür. Im öffentlichen Raum aber ist er auf Hilfe der Kommune angewiesen.

Absenkung von Bordsteinen nicht immer ideal

"Ein schwieriges Thema", weiß Jürgen Becker, Behindertenbeauftragter der Stadt Gießen. "Wenn Baumaßnahmen anstehen, werden wir immer gefragt, wo an Barrierefreiheit zu denken ist.". Becker weist darauf hin, dass die Absenkung von Bordsteinen nicht in jedem Fall ideal sei. Schmutzwasser gelange zum Beispiel eher auf den Gehweg, sagt er. Menschen mit Sehbehinderung seien zudem auf einen höheren Bordstein angewiesen, um sich zu orientieren. "Auch Kinder müssen den Unterschied zwischen Straße und Gehweg deutlich erkennen."

Vielleicht falle einem "schlauen Kopf" eine günstige Lösung ein, hofft Hoffmann in Lollar. Weil er zumindest für wenige Augenblicke aufrecht stehen kann, hat er es am Samstagvormittag doch noch zum Briefkasten geschafft: Ächzend erhob er sich aus dem Rollstuhl und hob das Gefährt über den Bordstein. Dennoch: Viele Orte in der Nähe - zum Beispiel auch die nahe Arztpraxis - sind für ihn ohne Auto inzwischen nicht mehr erreichbar. Kreative Ideen sind gefragt. Hoffmann sagt: "Damit wäre vielen Betroffenen ein großer sozialer Dienst erwiesen."

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