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Auch für die Sprechstundenhelferinnen Sigrid Conrad (Mitte) und Bärbel Herzberger bedeutet die Aufhebung der Impf-Priorisierung mehr Stress.

Enorme Impfnachfrage

„Wir sind am Limit“: Stopp der Impfpriorisierung bringt Arztpraxis an Belastungsgrenze

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Seit gut einer Woche sind Corona-Impfungen auch für Menschen außerhalb der Vorrang-Gruppen freigegeben, doch noch gibt es nicht genug Impfstoff für alle. Ein Besuch in einer Lollarer Praxis zeigt, was das für das Personal vor Ort bedeutet.

Lollar – »Wer hat denn dieses Telefon erfunden!«, bricht es aus einer Arzthelferin heraus. Am Dienstagmorgen laufen die Drähte in der Lollarer Hausarztpraxis Maykemper/Speier/Bitterlich wieder einmal heiß. Auch in der Praxis selbst herrscht reger Betrieb. Patienten kommen mit akuten Beschwerden oder nehmen, soweit das im Moment leistbar ist, Vorsorgetermine wahr. Und dann sind da ja noch die vielen Impfwilligen. Diesmal, sagt eine Mitarbeiterin, sei die Schicht besonders stressig. Eine Kollegin ist krank, eine andere hat Urlaub, so entsteht bei insgesamt acht Sprechstundenhelferinnen schnell eine spürbare Lücke. Allem Stress zum Trotz bleiben die Mitarbeiterinnen höflich und geduldig. Sie machen, wohl mehr denn je, einen Knochenjob.

Seit vergangener Woche ist die Impfpriorisierung offiziell aufgehoben. Nun kann jeder und jede zum Zug kommen - zumindest in der Theorie. »Das große Problem ist: Durch die Aufhebung der Priorisierung haben wir nun immer noch einen Rückstand für die Prio-Gruppen zwei und drei, die müssen erst einmal abgearbeitet werden«, erläutert Andreas Bitterlich, der als Arzt an diesem Tag eine Reihe von Impfterminen vor der Brust hat. Faktisch laufe die Priorisierung also weiter. Wie andere Mediziner kritisiert auch er, dass die Politik das Signal sende, jeder könne sich nun impfen lassen, »aber nicht sagt, dass das Impfstoffangebot noch beschränkt ist«.

Hausarztpraxis in Lollar am Limit: Fragwürdige Argumente für schnelle Impfung

Der Priorisierungsstopp weckt bei vielen die Hoffnung, bald einen Termin zu erhalten, das bekommt das Praxispersonal hautnah zu spüren. Ein Großteil der Patienten sei verständnisvoll, bleibe auch freundlich, wenn Geduld gefragt ist. Doch das gelte nicht für alle, sagt Bitterlich: »Es gibt einige, die sehr ungeduldig und fordernd sind, teils auch aggressiv.« Der Wunsch, schnell an die Reihe zu kommen, ist allzu verständlich - gerade jetzt, wo die Urlaubszeit ansteht und für Geimpfte viele Hürden entfallen. Doch mancher will die eigene Priorität offenbar mit allen Mitteln erhöhen. Bitterlich berichtet von Beispielen, die ihn ärgern: »Einige kommen mit dem Argument, sie hätten pflegebedürftige Angehörige - die aber hunderte Kilometer entfernt leben. Das finde ich schon krass, eigentlich ist es eine Sauerei.«

Auch Jüngere stellen nun häufiger Anfragen, das Praxisteam hat sich indes entschieden, erst ab 16 Jahren zu impfen, »die zwölf- bis 15-Jährigen überlassen wir den Kinderärzten«. Bitterlich und sein Team würden gern mehr Patienten die ersehnten Vakzine verabreichen, doch das hängt an den Lieferungen - und die seien nur schwer vorherzusagen. Wie hoch die Nachfrage ist, zeigen mancherorts kurzfristige Impfangebote, die zu langen Schlangen führen - etwa am Montag in Großen-Buseck.

In Lollar gibt Susanne Gerber, wie immer dienstags, die Bestellung für die Impfstoffe von Astrazeneca und vor allem Biontech für die Folgewoche an die Apotheke weiter. Sie ordert diesmal 150 Dosen für Erst- und 130 für Zweitimpfungen. »Am Donnerstag wissen wir dann, was wir am Montag bekommen«, sagt sie - und rechnet damit, dass es wieder weniger als gewünscht sein wird. Erst Ende der Woche können dann auf Basis der Lieferzusage Termine ausgemacht werden. Allein für die Impfplanung hat die Praxis eine Mitarbeiterin abgestellt, anders funktioniere es nicht, äußert sich Gerber.

Hausarztpraxis in Lollar am Limit: Personal an der Belastungsgrenze

Sie arbeitet seit gut 25 Jahren in der Lollarer Praxis, hat hier schon viel erlebt. Doch zurzeit stößt auch sie an die Grenzen der Belastbarkeit. So wie alle hier.

»Wir sind schon am Limit, haben alle Überstunden ohne Ende. Hier gibt es niemanden, der sagt: Ich gehe heute pünktlich«, bekundet Gerber. »Wir machen es trotzdem gerne. Und man darf nicht vergessen: Wir haben super Chefs.« Dass manche Patienten auch mal ein Lob aussprechen oder etwas »Nervennahrung« mitbringen, tue bei all dem Stress gut. Für den Umgang mit den Patienten, die man oft gut kenne, gelte: »Freundlichkeit muss schon dabei sein, mit einem Lächeln geht alles.«

150 Menschen aus den Prio-Gruppen warten laut Gerber noch auf ihre Impfung in der Praxis, auf der zweiten Liste mit Impfwilligen ohne Vorrang stünden noch 300 bis 400 Namen. Die Lollarer Praxis ist am 31. März in die Impfkampagne eingestiegen, als eine der ersten im Kreis. Hier wird an vier Tagen pro Woche gegen Corona geimpft. Überlegungen, dass Hausarztpraxen nun auch noch bei der Ausstellung des digitalen Impfpasses helfen könnten, hält Bitterlich für abwegig: »Wir sind kein Passamt - und nicht in der Lage, auch noch behördliche Aufgaben zu leisten.« Schon die Bewältigung der Impfkampagne sei für das Team eine »wahnsinnige Doppelbelastung«.

Wie viele Corona-Impfungen wurden in der vergleichsweise großen Praxis schon verabreicht? Gerber schaut in die Datenbank - und ist selbst erstaunt: »In diesem Quartal, also seit April, sind es 1377, 325 Dosen haben wir seit Anfang Juni verimpft. Damit hätte ich nicht gerechnet.« Darauf sei sie schon ein bisschen stolz, sagt die erfahrene Mitarbeiterin, während das Telefon weiter keine Ruhe gibt.

Info: KV Hessen schlägt Alarm

Laut einer Mitteilung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen ist die Situation in Arztpraxen durch die Aufhebung der Impf-Priorisierung teils »katastrophal«. Bei einer KV-Umfrage hätten von 625 teilnehmenden Praxen 46 Prozent geäußert, dass sich die Erwartungshaltung Impfinteressierter nun verändert habe. Viele seien »noch aggressiver und fordernder in ihrem Auftreten«. Wenn man den Praxen künftig nicht genügend Impfstoff zur Verfügung stelle, drohe das Praxispersonal »zum Prügelknaben enttäuschter Impfinteressierter« zu werden. jwr

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