Seit 2004 amtiert Dr. Bernd Wieczorek als Bürgermeister im Lollarer Rathaus. Eine vierte Amtszeit schließt er aus. FOTO: JWR
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Seit 2004 amtiert Dr. Bernd Wieczorek als Bürgermeister im Lollarer Rathaus. Eine vierte Amtszeit schließt er aus. FOTO: JWR

Interview

Lollarer Bürgermeister Dr. Bernd Wieczorek: "Ich werde dünnhäutiger"

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Seit 2004 ist Dr. Bernd Wieczorek Bürgermeister. Im Interview spricht er über Veränderungen, die das Amt mit sich bringt, schwindenden Zusammenhalt zwischen den Kreis-Bürgermeistern und den Vorwurf mangelnder Transparenz.

Herr Wieczorek, Sie sind seit 2004 Bürgermeister. In einem Interview mit dieser Zeitung sagten Sie einst: "Der Beruf zehrt an einem, frisst unheimlich viel Zeit und Energie." Wie viel Energie für den Job haben Sie heute noch?

Die Energie ist gleichbleibend. Aber ich muss zugeben: Ich werde dünnhäutiger, das ist einfach so. Bei Problemen, die ich vor zehn Jahren noch belächelt habe, reagiere ich heute etwas gereizter. Die Akzeptanz ist nicht mehr so da. Ich erwarte viel und denke: Das muss doch klar sein! Das stelle ich schon hin und wieder fest.

Hätten Sie sich bei Ihrer ersten Wahl vorstellen können, 18 Jahre im Amt zu bleiben?

Nein, mit Sicherheit nicht. Ehrlich gesagt hatte ich auch vor der ersten Wahl nie damit gerechnet, dass ich gewählt werde.

Warum sind Sie dann überhaupt angetreten?

Ich bin jemand, der auch oft kritisiert. Gegen meinen Vorgänger gab es das erste Abwahlverfahren in ganz Hessen. Ich war unzufrieden mit der politischen Situation in Lollar und habe mir gesagt: Dann mach es besser! Es gab damals einen SPD-Kandidaten, der anfangs von allen Fraktionen getragen werden sollte. Dann hat sich ein CDU-Kandidat abgesplittet, dann noch ein Grüner. Und ich wahr quasi das Anhängsel - der völlig farblose Wieczorek. Ich konnte nie davon ausgehen, dass ich gewinne.

Bei den letzten beiden Wahlen hatten Sie keinen Gegenkandidaten. Dadurch war aber auch kaum inhaltlicher Wahlkampf nötig und die Wahlbeteiligung recht gering.

Ich war da relativ entspannt, fand das durchaus angenehmen - wenngleich es immer irgendwie blöd ist, wenn kein Mitstreiter da ist. Was macht man? Macht man nichts, wirkt es arrogant. Ich habe mir gesagt: Die Bürgerschaft hatte sechs Jahre die Möglichkeit, sich das anzusehen, das sollte reichen. Ich habe mich dann aufs Plakatieren beschränkt. Und die Wahlbeteiligung ist in der Kernstadt Lollar traditionell immer gering.

Haben Sie eine Erklärung dafür?

Ich will die Kernstadt nicht als unpolitisch bezeichnen. Aber viele Themen, die in anderen Kommunen durchaus brisant diskutiert werden, stellen in Lollar anscheinend kein Problem dar. So war es zuletzt etwa bei dem Verkauf der Buderus-Wohnungen. Für mich ist das sehr angenehm, weil ich dadurch weniger Widerstand aus der Bevölkerung habe. In den Stadtteilen sieht das aber anders aus.

Lollarer Bürgermeister im Interview: "Ich stehe im Prinzip oftmals alleine da."

In der Stadtverordnetenversammlung hat Rot-Grün die Mehrheit. Sie sind parteilos, ist das eher ein Vor- oder ein Nachteil?

Man muss sich arrangieren. Es gab Situationen, in denen ich mir gewünscht hätte, auch mal eine Fraktion hinter mir zu haben. Ich stehe im Prinzip oftmals alleine da. Aber ich habe mich mit Rot-Grün von Anfang an gut arrangiert. Das sind gute Leute, mit denen komme ich klar. Ich war bis 1997 Mitglied der SPD. Meine politische Gesinnung ist eher in diese Richtung, das kostet mich nicht allzu viel Überwindung.

Der Landkreis prognostiziert für Lollar ein deutliches Wachstum. Wie schätzen Sie das ein?

Das kann ich so bestätigen. Auch durch die Ausweisung von Baugebieten sind wir enorm gewachsen - aber auch durch eine wahnsinnig intensive Nachverdichtung. In der Kernstadt gibt es eigentlich nichts mehr, was noch entwickelt werden kann. Da geht nichts mehr. Zukünftig wird von Interesse sein, wie es mit Neubaugebieten weitergeht.

Es gibt Pläne, über einen längeren Zeitraum ein insgesamt bis zu 21 Hektar großes Gebiet westlich von Rutterhausen zu erschließen. Aber es gibt auch Kritik, das Projekt sei völlig überdimensioniert.

Ich halte das Baugebiet für dringend erforderlich. Es geht zunächst um circa 35 Bauplätze im ersten Abschnitt. Wir haben, auch wegen der guten Anbindung nach Gießen, eine enorm hohe Nachfrage nach Bauplätzen. Nach der Bürgerversammlung in Rutterhausen haben wir jetzt fast 200 Anfragen, da wollen auch Lollarer und Ruttershäuser bauen. Wir wollen die Leute auch hier halten. Es wäre fatal, zu sagen: Nein, wir weisen nichts mehr aus - zumal wir es schon im Flächennutzungsplan haben und der Bereich einseitig erschlossen ist. Das muss jetzt mal angepackt werden.

Wie ist der aktuelle Stand?

Ich habe neulich abgefragt, wie sich die Eigentümer der Flächen einbringen wollen. Es besteht die Möglichkeit, dass sie die Erschließung selbst vornehmen lassen und in Vorleistung gehen. Oder sie verkaufen - oder sie wollen, dass es keine Bebauung gibt. Da kriege ich bald Bescheid und es wird wesentlich für die weitere Entwicklung und das Umlageverfahren sein. Ich gehe davon aus, dass die Eigentümer ein Interesse haben, daran mitzuwirken.

Lollarer Bürgermeister über IKZ mit Staufenberg: "Auch handwerkliche Fehler gemacht"

Einerseits würde Lollar gern mit Staufenberg ein gemeinsames Mittelzentrum bilden. Das hätte auch finanzielle Vorteile, aber das Land lehnt dies ab. Andererseits hat Rot-Grün in Lollar 2018 die Interkommunale Zusammenarbeit mit Staufenberg einseitig aufgekündigt. Hat Sie das geärgert?

Ja, ein bisschen schon, denn da wurde viel Energie reingesteckt. Man hätte den Weg weiter gehen sollen. Geblieben ist nur die gemeinsame Stadtkasse in Lollar. Ich denke schon, dass wir Versuche in diese Richtung noch mal unternehmen sollten. Aber wir haben auch handwerkliche Fehler gemacht und den falschen Weg eingeschlagen: Wir wollten das nicht wie Lich und Laubach als Verbund machen, sondern mit einzelnen Segmenten. Das hat sich nicht wirklich bewährt. Aber so weit konnten wir damals noch nicht denken.

Sie sind der älteste und nach Frank Ide in Grünberg der dienstälteste Bürgermeister im Kreis, zudem Sprecher der Kreis-Bürgermeister. Wie eng sind die Bande zwischen den Rathauschefs?

Das war früher enger, es ist ein bisschen auseinandergedriftet. Ich versuche, die Kollegen weitestgehend zusammenzuhalten. Im Groben gehen wir schon abgestimmt vor. Aber es gibt mehr und mehr Querdenker im Kreis der Kollegen, die dann auch einzelne Wege gehen - was früher undenkbar war. Das ist dann schon parteigetragen.

Inwiefern?

Wenn wir in der Kreisversammlung sind, sollte man das Parteibuch mal beiseite lassen und völlig unbeleckt an die Themen herangehen. Aber das lässt sich nicht immer so darstellen. Früher war das auch so, aber es ist nie nach außen gedrungen. Jetzt liest man dann schon mal über Einzelwege in der Zeitung, obwohl wir es anders abgesprochen hatten. Das ist eigentlich sehr schade.

Bürgermeister zeichnen sich auch dadurch aus, wie sie nach außen kommunizieren. Der Eindruck ist, dass Sie von sich aus nicht die Öffentlichkeit suchen.

Das ist tatsächlich so. Es gibt das Sprichwort: Tue Gutes und sprich darüber. Aber im politischen Raum ist es vielleicht nicht immer angezeigt zu präsentieren, was man für ein Held ist und was man alles gemacht hat. Das wirkt immer so angeberisch - und das liegt mir definitiv nicht. Ich versuche, mich zurückzunehmen und die Sache in den Vordergrund zu stellen.

War das in der ersten Amtszeit anders?

In der ersten Amtsperiode will man natürlich auch darstellen, was man als junger Bürgermeister macht, dass Bewegung in der Kommune ist. Mit den Jahren kommt da Routine rein. Vieles, was vor zehn Jahren für mich noch besonders war, ist jetzt Alltagsgeschäft. Das halte ich dann nicht mehr für nennenswert.

Lollarer Bürgermeister über Vorwurf mangelnder Transparenz: "Wir haben nichts zu verbergen"

In den Gremien in Lollar wurde mehrfach kritisiert, Verwaltung und Magistrat würden nicht transparent handeln. Was sagen Sie zu dieser Kritik?

Dass wir natürlich nicht in allen Dingen transparent sind, ist ganz klar. Jeder Politiker hier möchte natürlich viel, vielleicht auch alles wissen. Aber es ist in keiner Weise unsere Absicht, etwas zu verbergen. Ich sage immer: Wer was wissen will, der soll herkommen und erhält Einsicht. Wir haben nichts zu verbergen - aber dass wir alles bedienen, das geht nicht.

Sie haben eine familiäre Verbindung zur Geschäftsführung eines Planungsbüros, das regelmäßig Aufträge aus dem Lollarer Rathaus erhält. Da kann der Eindruck zu großer Nähe entstehen.

Das ist gesetzlich geregelt, zum Widerstreit der Interessen gibt es einen Paragrafen in der Hessischen Gemeindeordnung. Ich gehe natürlich raus, wenn es um Auftragsvergaben an das Büro geht, bin dann nicht beteiligt an den Diskussionen. Aber wenn bei einer Angebotsabfrage fünf Büros angeschrieben werden, können Sie nicht erwarten, dass wir das günstigste Büro nicht nehmen, nur weil mein Schwiegersohn dort beschäftigt ist. Das geht nicht. Es gab auch mal Anfragen in diese Richtung, da haben wir die Transparenz hergestellt. Wir verteilen sehr bewusst und nehmen den günstigsten.

Sie wohnen in Gießen. Ist es eine Erleichterung, nach Feierabend nicht als Bürgermeister angesprochen zu werden?

Das werde ich sowieso. Ich war neulich zwei Wochen im Urlaub, da hatte ich 20 bis 40 Anrufe. Die habe ich beantwortet. Ich mache auch kein Geheimnis um meine Handynummer, bin hier bekannt. Ich bin halt der Bernd. Aber es ist ein Riesenvorteil, nicht in der Kommune zu wohnen, in der ich Bürgermeister bin. So habe ich zumindest ein Mindestmaß an Privatsphäre. Würde ich hier wohnen, würde das gegen Null gehen. Gehen Sie mal mit mir in den Edeka einkaufen, das kostet mich Überwindung. Vorne beim Bäcker gehts los: "Bernd, komm mal her!" Da kann ich nicht sagen: Ich gehe mal schnell Frühstück holen.

Schließen Sie aus, ein viertes Mal anzutreten?

Ja, das ist gar kein Thema. Ich finde es auch gut, wenn nach 18 Jahren mal jemand kommt, der andere, neue Ideen hat. Vielleicht wären zwölf Jahre sogar besser gewesen. Bei großen Konzernen wird der Geschäftsführer nach sechs bis acht Jahren getauscht. Das hat seinen Sinn. 18 Jahre sollen reichen. Mein Nachfolger wird mit Themen ganz anders umgehen, als ich es mache. Und das muss nicht schlechter sein - vielleicht sogar viel besser, weil ich auch schon eine eingefahrene Denke habe.

Zur Person: Dr. Bernd Wieczorek

Der 62-jährige promovierte Sportwissenschaftler stammt aus Lollar. In die Verwaltung kam er einst als Quereinsteiger: Bevor er 2004 in Lollar Bürgermeister wurde, war er unter anderem Leiter des Sportamts in Hanau.

Der parteilose Bürgermeister ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkel. Vor seinem Amtsantritt 2004 wohnte Wieczorek in Lollar-Odenhausen und engagierte sich dort im Ortsbeirat und als stellvertretender Ortsvorsteher.

Wieczorek ist unter den Kreis-Bürgermeistern aktuell der älteste sowie - nach Frank Ide in Grünberg - der an Dienstjahren zweitälteste. Er ist zudem Sprecher der Kreis-Versammlung der Bürgermeister. jwr

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