Lollars Schulleiter Michael Kramer. Er sagt, das Angebot habe sich bewährt. (Foto: jwr)
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Lollars Schulleiter Michael Kramer. Er sagt, das Angebot habe sich bewährt. (Foto: jwr)

Islam-Unterricht

So läuft der Islam-Unterricht an der Lollarer Grundschule

  • Jonas Wissner
    VonJonas Wissner
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Beim Islam-Unterricht an Schulen kooperiert Hessen mit dem umstrittenen Verein Ditib. Nun steht die Zusammenarbeit auf dem Prüfstand. Wie der Alltag aussieht, erklärt Lollars Grundschulleiter.

Dass viele Kinder in der Schule etwas über Neues und Altes Testament, über Schöpfungslehre und die Zehn Gebote erfahren, ist längst selbstverständlich. Evangelischer und katholischer Religionsunterricht gehören zum Schulalltag dazu.

Der Islam als Unterrichtsfach hat dagegen eine noch junge Geschichte. 2013 wurde in Hessen als erstem Bundesland bekenntnisorientierter islamischer Religionsunterricht eingeführt, zunächst an 27 Grundschulen, im Kreis Gießen nur in Lollar. Mittlerweile sind es hessenweit etwa doppelt so viele.

Ditib steht in der Kritik - Zusammenarbeit auf Prüfstand

Ähnlich wie beim christlichen Religionsunterricht arbeitet das Land dabei mit Glaubensgemeinschaften zusammen. Kooperationspartner sind die Verbände Ahmadiyya Muslim Jamaat mit Ursprüngen in Indien und der Ditib-Landesverband Hessen. Ditib ist in den vergangenen Jahren zunehmend in die Kritik geraten.

Der Dachverband ist zwar ein Verein nach deutschem Recht, untersteht aber der Kontrolle des türkischen Staats, von dem auch Imame in deutsche Moscheen entsandt werden. Unter anderem sorgten Berichte über die Ausspähung von Kritikern der türkischen Regierung über Ditib-Strukturen für Aufsehen.

Das Kultusministerium hat die Zusammenarbeit mit Ditib nun auf den Prüfstand gestellt. Laut Ministerium hat der Ditib-Landesverband Unterlagen »zur Erfüllung der Auflagen hinsichtlich der Unabhängigkeit vom Bundesverband und dem türkischen Staat« eingereicht. Diese würden zurzeit geprüft.

In Lollar gibt es sechs Kurse in vier Jahrgangsstufen

Auch im Kreis Gießen würde sich eine geänderte Praxis des Islamunterrichts auswirken: Die Lollarer Grundschule bietet seit 2013 islamischen Religionsunterricht an, bereits seit 2009 Unterricht für Aleviten.

Aus Sicht des Schulleiters Michael Kramer war es daher folgerichtig, auch mit dem Fach Islam einzusteigen. »Die Politik hatte den Wunsch, für Kinder einen wissenschaftlich fundierten islamischen Religionsunterricht jenseits von Vorurteilen und und individuellen familiären Glaubensvorstellungen anzubieten«, sagt Kramer, der seit 2000 an der Grundschule in Lollar arbeitet.

Zurzeit gibt es an der Schule sechs Kurse in vier Jahrgangsstufen, an denen je etwa 15 Kinder teilnehmen. Jährlich bekomme er mehrere Anfragen von Referendaren, die an der Schule islamische Religion unterrichten wollen.

Zurzeit bieten zwei ausgebildete Lehrerinnen und eine Referendarin neben anderen Fächern auch dieses an der Grundschule an. Für sie ist der mit Ditib erarbeitete Lehrplan maßgeblich, erläutert Kramer. Der Grund: Den Ausschlag gebe jeweils die Religionsgemeinschaft vor Ort – und in Lollar gibt es eine von Ditib getragene Moschee.

Ich habe mit Ditib im Alltag überhaupt nichts zutun

Michael Kramer

Was würde es für die Schule bedeuten, wenn der Verein als Kooperationspartner wegfiele? Der Schulleiter gibt sich überaus entspannt: »Ich habe mit Ditib im Alltag überhaupt nichts zutun.« Zwar sind, wie das Kultusministerium auf Anfrage erklärt, die beiden genannten Religionsgemeinschaften bei der Erteilung von Lehrerlaubnissen staatlicher Lehrkräfte eingebunden und »bei der Ausarbeitung der Lehrpläne beteiligt«.

Kramer betont allerdings, dass die Islam-Lehrer in der Schule Staatsbedienstete sind, die – anders als beim Koran-Unterricht in Moscheen – auf Deutsch unterrichten. Gerade darin sieht er einen Vorteil des Modells: »Ziel ist, dass die Kinder neben den Vorstellungen aus dem Elternhaus ein zweites Standbein entwickeln können. Sie können durch das vermittelte Wissen mit ihren Eltern in Dialog treten. Ich habe die Hoffnung, dass die Schüler selbstbewusst ihren Glauben vertreten.«

Viele Inhalte seien ähnlich wie im christlichen Religionsunterricht oder im Fach Ethik. Im Inhaltsverzeichnis des Lehrbuchs stehen Themen wie »Mit Gott sprechen«, »Ich, Familie und Gemeinschaft«, »Die Propheten und der Koran« sowie religiöse Feste.

"Da unterrichtet ja kein Mann, sondern eine Lehrerin – und sie trägt kein Kopftuch!"

Das Angebot habe sich bewährt, sagt Kramer. Früher seien Schüler muslimischen Glaubens während des Religionsunterrichts oft heimgeschickt worden, nun würden sie betreut. »Das hat sich bei uns ganz unauffällig entwickelt«, von vereinzelten Bedenken von Eltern mal abgesehen: »Teils kam die Frage: ›Kommt der Imam jetzt in die Schule?‹ Und mancher aus der eher konservativen muslimischen Elternschaft sagte anfangs: ›Herr Kramer, da unterrichtet ja kein Mann, sondern eine Lehrerin – und sie trägt kein Kopftuch!‹« Doch das seien Einzelmeinungen gewesen; Bedenken, die rasch entkräftet werden konnten. Sein Eindruck: »Das große Interesse kommt eher von außen, aber das verändert die Schule nicht.«

Noch ist nicht klar, ob die Zusammenarbeit mit Ditib in Hessen eine Zukunft hat. »Falls der Kooperationspartner wegfällt, könnte ich mir vorstellen, dass es einen Ethik-Unterricht mit Schwerpunkt Islam gibt. Vielleicht heißt es dann nicht mehr ›bekenntnisorientiert‹«, vermutet Kramer, aber die Entscheidung liege natürlich beim Ministerium.

»Für mich ist die größte Herausforderung, den Stundenplan so zu basteln, dass ich alles unterbekomme«, sagt der Schulleiter lächelnd. Auch in dieser Hinsicht ist der Islam-Unterricht in Lollar inzwischen ein ganz normales Fach.

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