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Im Vordergrund das Hofgut,. weiter im Norden das Schloss.

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Von Kunst und Käse in Friedelhausen

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Was macht ein Schloss im Stil der englischen Neugotik im oberhessischen Forst? Und warum war Rainer Maria Rilke mehrfach in Friedelhausen zu Gast?

Ein paar Schritte nur nach Norden, und man verlässt den Landkreis Gießen Richtung Sicherthausen. Und nach Süden hin geht es nach Odenhausen und Lollar. Friedelhausen liegt idyllisch, aber nur scheinbar abgelegen. Denn ganz in der Nähe führt die Bahnlinie vorbei, die Marburg und Gießen verbindet.

Es gibt einen eigenen Bahnhaltepunkt. Und auch zur B3 ist es nicht weit. Wobei das zu Zeiten der Erbauer von Hofgut und Schloss keine Rolle gespielt hat. Da wird eher die Lage im Lahntal von Bedeutung gewesen sein.

Rilke zu Gast bei Luise von Schwerin

Bis heute leben nur ein paar Dutzend Menschen in Friedelhausen, einem Hofgut und gleich in der Nachbarschaft ein Schloss. Das war über die Jahrhunderte nie anders. Es war nie ein Dorf oder Weiler. Wobei Schloss und Hofgut erst seit rund 170 Jahren getrennt voneinander liegen. Wohl auf den Grundmauern der mittelalterlichen Anlage aus dem 13. Jahrhundert, die ein Ritter zu Rolshausen errichtete, findet sich heute das älteste Gebäude des Gutes, erbaut im 16. Jahrhundert. Man nennt es heute das alte Schloss.

Schloss und Gut wurden später von den Herren von Nordeck zu Rabenau übernommen. Sie sind auch die Bauherren des neuen Schlosses. Das wurde erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts errichtet: Adalbert von Nordeck zu Rabenau und seine Frau Clara ließen zwischen 1852 bis 1856 ein Schloss im Stil der englischen Neogotik errichten und zugleich einen englischen Garten rundum anlegen. Auch der Architekt kam aus England: John Dobson.

Das Schloss wurde mit Material aus der Region erbaut: Londorfer Lungstein. Der wurde auch beim Dom der Rabenau verwandt und kommt bis heute bei den Restaurierungen am Kölner Dom zum Einsatz. Stichwort Restaurierung: Das ist auch bei dem neugotischen Bau immer wieder nötig. Die Eigentümer, die Familie von Schwerin, hat da immer wieder zu tun. Wegen der Einzigartigkeit des Ensembles stellte die Deutsche Stiftung Denkmalschutz vor rund zehn Jahren für die Restaurierung von Schloss Friedelhausen insgesamt 98 000 Euro zur Verfügung: Dächer, Decken und Fenster wurden instandgesetzt respektive erneuert. Das Schloss ist nach wie vor in Privatbesitz und kann nicht besichtigt werden.

Ganz anders das alte Hofgut, das im 20. Jahrhundert einige Jahrzehnte vor sich hindämmerte, bis dort zu Beginn der 1980er Jahre neues Leben einkehrte: Eine sozialtherapeutische Lebens- und Arbeitsgemeinschaft für behinderte Menschen betreibt dort Landwirtschaft mit Vieh und Ackerbau. Es gibt Felder, Gärten und Gewächshauser, Milchverarbeitung mitsamt Käserei. Verkauft wird über einen Hofladen sowie auf Wochenmärkten, etwa in Krofdorf-Gleiberg und in Gießen. In den vergangenen Jahren sind einige neue Wohngebäude hinzugekommen. Wer die Arbeit und das Leben dort kennenlernen will, findet dort einmal jährlich beim Tag der offenen Tür ein gastfreundliches Haus - und darüber hinaus auch immer auf Anfrage respektive nach Anmeldung.

Wo aber kommt da Rainer Maria Rilke ins Spiel? 1905 und 1905 weilte der Dichter auf Einladung der kunstsinnigen Gräfin Luise von Schwerin jeweils für einige Wochen auf Schloss Friedelhausen. Schwerin? Die Tochter von Adalbert und Clara von Nordeck zu Rabenau, war eben jene Luise, die einen Graf Karl von Schwerin geehelicht hatte.

Bis heute finden übrigens in Friedelhausen Lesungen und Konzerte statt. Das schließt den Bogen von Kunst zu Käse ganz ernsthaft und auf sympathische Weise.

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