Der Kirchberg nahe Ruttershausen war früher als Gerichtssitz ein für die Region bedeutender Ort. Das Foto zeigt links das kleine Wohngebiet, rechts der Straße die Kirche, daneben unter anderem das alte Pfarrhaus. FOTO: HENß
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Der Kirchberg nahe Ruttershausen war früher als Gerichtssitz ein für die Region bedeutender Ort. Das Foto zeigt links das kleine Wohngebiet, rechts der Straße die Kirche, daneben unter anderem das alte Pfarrhaus. FOTO: HENß

"Von oben"

Kultur hat auf dem Lollarer Kirchberg ein Zuhause

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Der Kirchberg bei Lollar ist zu einem Ort der Kultur geworden. Dass Jacqueline Herrmann und ihre Familie dort sesshaft geworden sind, fußt allerdings auf einem großen Zufall.

Obwohl von Verkehrswegen umringt, ist der Kirchberg bei Lollar heute ein idyllisches Fleckchen. Einst hatte er eine strategisch wichtige Bedeutung, auch ein König machte hier Halt. In den vergangenen Jahrzehnten ist der Kirchberg zu einem Ort der Kultur geworden - auch dank neuer Bewohner.

Wenn Jacqueline Herrmann über ihren Wohnort spricht, schwingt viel Begeisterung mit. Bis vor zwei Jahren leitete sie den Laden "Hilde braucht Stoff" in Gießen. Nun hat sie sich auf dem Kirchberg einen Traum erfüllt, aus ihrem Wohnort auch eine Arbeitsstätte gemacht. Dass sie und ihre Familie auf dem Kirchberg sesshaft geworden sind und dem Areal neues Leben eingehaucht haben, fußt allerdings auf einem großen Zufall.

Grund bleibt Eigentum der Kirche

Professor Heinz Bauer, Herrmanns Vater, lehrte in den 1970ern an der Gießener Uni. "Wir haben damals in Gießen eine sündhaft teure Miete gezahlt und waren kurz davor, ein Grundstück in Buseck zu kaufen", blickt der frühere Präsident der Justus-Liebig-Universität in das Jahr 1975 zurück. Von Bekannten hätten sie dann von einem traumhaften Anwesen nahe Lollar erfahren, das zurzeit leer stehe. Bauer bekundete Interesse - und setzte sich gegen andere Bewerber durch. Er erwarb die Häuser auf dem Kirchberg. Der Grund bleibt Eigentum der Kirche, die Familie zahlt für die Dauer von 75 Jahren eine jährliche Pacht.

Einstiger Heuboden ist Wohnung

"Der Pfarrer war 1972 ausgezogen", berichtet Bauer, "der Kirchberg lag für drei Jahre brach". Die Familie bezog das rund 300 Jahre alte Pfarrhaus. In der Scheune nebenan, wo Jacqueline Herrmann unter dem Namen "Inges Hof" im Gedächtnis an ihre verstorbene Mutter heute Stoffe und Geschenkartikel anbietet und ein Café betreibt, sah es damals noch ganz anders aus. "Alles war voller Stroh und Heu", sagt ihr Vater.

In einem Nebenzimmer zeugt ein Metallring an der Wand von der früheren Nutzung - einst sei dort ein Ochse festgemacht worden. Später soll der Bereich als Jugendraum genutzt worden sein. Über dem heutigen Laden hat Bauer den einstigen Heuboden ausgebaut und wohnt dort. Seine Tochter Jacqueline und deren Ehemann Peter Herrmann leben seit etlichen Jahren wieder nebenan im Pfarrhaus, dahinter wohnt eine weitere Familie.

Geschichtsträchtiger Flecken

Der Kirchberg ist ein kleiner, aber ein ge- schichtsträchtiger Flecken Land: Auf der einen Seite, wo Bauer und die Herrmanns wohnen, umrahmen die alten Gebäude einen idyllischen Hof. Daneben steht seit gut 500 Jahren die spätgotische Hallenkirche. Sie ist der kunsthistorisch vielleicht bedeutendste Bau auf dem Gebiet der Stadt Lollar. Einst soll sich dort eine heidnische Kultstätte befunden haben, in einer Urkunde von 1226 taucht - soweit bekannt - erstmals die Bezeichnung "Kirchberg" auf. Die spätere Erwähnung des Ortes als Gerichtssitz zeigt, welch große Bedeutung dieser Flecken Land einst für das Lahn- und Lumdatal hatte.

Erinnerung an den "Wirtsbauer"

Noch heute sind das evangelische Dekanat und zwei Gemeinden (Kirchberg I und II) nach ihm benannt. Zum Kirchberg gehört auch die Siedlung gegenüber der Zufahrt zur Kirche. In dem kleinen Wohngebiet ist die kurdische Community stark vertreten, außerdem befindet sich dort ein Bauernhof.

Das einstige Gasthaus ist längst nicht mehr in Betrieb. Es sei im Dorf als "der Wirtsbauer" bekannt gewesen, berichtet Ruttershausens Ortsvorsteherin Corina Kesselheim. Trotz der ruhigen Lage kann von Abgeschiedenheit auf dem Kirchberg eigentlich keine Rede sein: Die zum Lollarer Stadtteil Ruttershausen gehörende Siedlung wird von mehreren Verkehrswegen tangiert. Im Westen markiert heute die Main-Weser-Bahn die Grenze, jenseits der Gleise verläuft die Lahn, dahinter liegt Ruttershausen. Im Osten flankiert die Landesstraße 3475 den Kirchberg, auch die B3 ist in Sichtweite.

Auch "König Lustik" kehrte hier ein

Die Anbindung ist gut, doch die Route entlang des Kirchbergs hat die Bedeutung von einst verloren: Früher, berichtet Kesselheim, habe es hier auch eine Postkutschen-Station gegeben und damit Gelegenheit, auf der Durchreise Pferde zu wechseln und zu versorgen. 1813 soll, wie aus einer Lollarer Chronik hervorgeht, hier ein besonders berühmter Gast eingekehrt sein: Jérôme Bonaparte, Bruder Napoleon Bonapartes und auch bekannt als "König Lustik", machte Station auf dem Kirchberg.

Musikalische Hochkaräter zu Gast

Von königlichen Visiten auf dem Kirchberg ist aus jüngerer Zeit nichts bekannt. "Es ist ein Geheimtipp", sagt Jacqueline Herrmann. Bei kulturell Interessierten hat sich mittlerweile allerdings rumgesprochen, dass der Kirchberg einen Besuch wert ist: In der alten Kirche finden neben Gottesdiensten auch häufiger Chorkonzerte statt. Heinz Bauer hat nebenan bis 2011 beim "Kirchbergforum" Hochkarätern der klassischen Musik eine Bühne geboten. Bis heute organisieren Peter und Jacqueline Herrmann regelmäßig Konzerte und Hoffeste. Er ist Musiker, hat sich im Obergeschoss des Pfarrhauses ein Tonstudio eingerichtet, wo unter anderem Sprech-Lehrbücher und Musik professionell aufgenommen werden.

Ein Ort zum Entschleunigen

Durch das Café und den Laden sei dieser Teil des Kirchbergs wieder mehr zu einem öffentlichen Ort geworden, sagt Jacqueline Herrmann. Ein Ort zum Entschleunigen. "Ich schaue morgens aus dem Fenster und freue mich, dass ich hier bin", sagt ihr Mann. Eben ein ganz besonderes Fleckchen - früher wie heute.

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