1. Gießener Allgemeine
  2. Kreis Gießen
  3. Lollar

Krieg und Frieden auf dem jüdischen Friedhof in Lollar

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Eva Diehl

Kommentare

Am 9. November 1938 griffen Nazis jüdische Bürger auch im Kreis Gießen an. Auch der jüdische Friedhof in Lollar wurde geschändet. Heute ist er eine Stätte des Erinnerung und des Friedens.

Ein schmaler Feldweg führt zu dem kleinen Gelände am äußersten Rand von Lollar. Von der Straße nach Staufenberg aus ist das von Bäumen und Hecken umringte Grundstück gegenüber der Clemens-Brentano-Europaschule leicht zu übersehen. Der Himmel ist grau und es nieselt. Normalerweise ist das schwarze Metalltor zum jüdischen Friedhof abgeschlossen – auch um Vandalismus zu verhindern.

Den Schlüssel verleiht das Bauamt der Stadt nur auf Anfrage. Eine aktive jüdische Gemeinde im Ort gibt es nicht mehr. Die Ruhestätte bleibt nach jüdischen Glauben jedoch für immer ein Erinnerungsort. Ein Grund mehr zum morgigen Jahrestag der Reichspogromnacht in die ambivalente Geschichte von Krieg und Frieden auf diesem kleinen Fleckchen Land einzutauchen.

Wenn man nur christliche Friedhöfe gewohnt ist, kann einen das hier erstmal irritieren

Volker Hess, Heimatkundler

Der Staufenberger Heimatkundler Volker Hess schlendert durch das feuchte Gras. Es ist noch saftig grün, aber die Bäume, zwischen denen rund zwei Dutzend Grabsteine hervorragen, haben schon einiges an Laub verloren. »Wenn man nur christliche Friedhöfe gewohnt ist, kann einen das hier erstmal irritieren«, sagt Hess. Einige Steine stehen schief, Gras ist über die meisten Gräber gewachsen. Den Verfall nicht aufzuhalten, den Zahn der Zeit nagen zu lassen – das entspricht der jüdischen Tradition. Lollar war eine Notlösung

170 Mal sind die Jahreszeiten über den Friedhof hinweggezogen, seit er 1847 eingeweiht wurde. Heute wird hier niemand mehr begraben – zuletzt 1980. Anders als im Christentum sieht das Judentum nicht vor, Gräber nach einer gewissen Zeit zu entfernen. Der ›gute Ort‹, wie Friedhof auf hebräisch heißt, ist für die Ewigkeit ausgelegt.

»Schauen Sie, es ist jemand hier gewesen«, sagt Hess und deutet auf einen kleinen Stein, der auf einem Grabstein liegt. »Vielleicht ein Nachfahre.« Nicht mit Blumen oder Kerzen auf dem Grab, sondern mit kleinen Steinen auf dem Grabmal zeigt man in jüdischer Tradition: Ich war hier und denke an dich. Fast alle der Nachfahren leben in den USA. Manche besuchen den Friedhof gelegentlich.

Über ein Jahrhundert lang bestattete die ortsübergreifende jüdische Gemeinde von Familien aus Lollar, Ruttershausen, Staufenberg, Mainzlar und Daubringen ihre verstorbenen Angehörigen auf dem Gelände am Ortsausgang. Die Gläubigen beteten zudem in einer kleinen Synagoge in der heutigen Gießener Straße. Die Fläche in Lollar war aber nur eine Notlösung. Bis in die 1840er Jahre nutzen jüdischen Familien einen Ort unterhalb der Burg Staufenberg als Friedhof. »Sie wurden damals aufgefordert, den Begräbnisplatz an der Burg zu verlassen«, sagt der Heimatkundler. »Wahrscheinlich aus wirtschaftlichen Gründen.« Wo die Gebeine der Staufenberger Juden lagen, wurde später Basaltstein abgebaut. Die Gläubigen wichen daher auf die Fläche in Lollar aus.  

Info

Pogrome in Lollar

Überall im Deutschen Reich eskalierte die Gewalt gegen Juden vom 9. auf dem 10. November 1938. In Lollar demolierten NSDAP-Anhänger Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof, verbrannten Torarollen und religiöse Gegenstände aus der Synagoge in der Gießener Straße. Die Übergriffe waren mit perfider Logik geplant. »Die jungen SA-Leute wurden Nachbarorten, nicht im Heimatort eingesetzt«, sagt Heimatkundler Volker Hess. »So wurden sie nicht mit Juden konfrontiert, die sie persönlich kannten.« In Lollar seien daher Staufenberger aktiv gewesen.

Viele jüdische Friedhöfe sind im Laufe der Jahrhunderte verschwunden – trotz ihrer unendlichen, religiösen Bedeutung. »Diese Grabstätten findet man nur durch Zufall, wenn Überlieferungen auftauchen oder durch bestimmte Flurnamen«, sagt er. Allein in Mittelhessen tragen rund 70 Flurstücke Varianten des Begriffs »Judenfriedhof« im Namen wie »Beim Judenköppel« in Mainzlar, »Am Judenkirchhof« in Salzböden, »Am Judenbegräbnis« in Großen-Buseck und »Judenfriedhof« in Kesselbach.

Im Dritten Reich haben sie fast alle Grabsteine abgeräumt und zum Steinmetz gebracht

Volker Hess, Heimatkundler

»Die alten jüdischen Friedhöfe sind oft nur dann erhalten, wenn es kontinuierlich eine religiöse Gemeinschaft gab«, sagt der Historiker. Aber auch die Nationalsozialisten haben jüdische Stätten wie den Friedhof in Lollar zerstört. »Im Dritten Reich haben sie fast alle Grabsteine abgeräumt und zum Steinmetz gebracht«, sagt Hess. »Nach dem Krieg wurden sie wieder gesetzt. Einige der Grabmale hatte der Steinmetz bis dahin schon verarbeitet. Deswegen gibt es hier diverse Lücken.«

Durch den stärker werdenden Regen, geht Hess das leicht abschüssige Gelände hinab an den Grabsteinen entlang und bleibt bei einem großen schwaren Grabstein stehen, an dem der Regel abperlt.. »Gerade im Landjudentum des 19. Jahrhundert lebten viele in bitterer Armut, aber einige schafften den Aufstieg«, sagt er. Vom Viehhändler zum Rechtsanwalt Ein Beispiel für einen gelungen Aufstieg die Familie Kann aus Ruttershausen, von der mehrere Generationen in Lollar bestattet sind. Während der Viehhändler Seligmann Kann (1849 bis 1932) sich gerade über Wasser halten konnte, handelten seine Söhne mit Landprodukten in Gießen. Die nächste Generation war erfolgreiche Rechtsanwälte und Politiker wie Dr. Steffen Kann mit dem großen Grabstein.

»Wir haben eine besondere Verantwortung für jüdische Friedhöfe vor dem Hintergrund unserer nationalsozialistischen Vergangenheit«, sagt Hess. »Ich hoffe, dass der Friedhof in Lollar noch lange als Erinnerungsort und Denkmal bestehen bleibt und entsprechend gewürdigt wird.«

Info

Gedenken in der Region

Auch interessant

Kommentare