In den Startlöchern: Hausarzt Johannes Maykemper in seiner Lollarer Praxis neben dem Kühlschrank und einer Transportbox, die ab heute für Corona-Impfstoff genutzt werden sollen.
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In den Startlöchern: Hausarzt Johannes Maykemper in seiner Lollarer Praxis neben dem Kühlschrank und einer Transportbox, die ab heute für Corona-Impfstoff genutzt werden sollen.

Corona-Impfkampagne

Corona-Impfstart bei Hausärzten im Kreis Gießen - Wartelisten füllen sich bereits

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Ab heute können Hausarztpraxen im Kreis Gießen mit Corona-Impfungen beginnen. Auch Johannes Maykemper und seine Kollegen in Lollar ziehen mit - und hoffen, dass mittelfristig genügend Impfstoff geliefert wird.

Es geht »nur« um eine Spritze beim Hausarzt, doch diese gibt vielen Patienten ein Stück Hoffnung - und kommt nicht zuletzt auch der Allgemeinheit zu Gute: Ab heute können im Kreis Gießen auch erste Hausärzte Corona-Schutzimpfungen verabreichen - ein neues Standbein der Impfkampagne.

Kreisweit haben sich 28 Hausarztpraxen bereit erklärt, mitzuziehen (siehe unten), Johannes Maykemper ist früh dran. In der Lollarer Gemeinschaftspraxis, die er gemeinsam mit seinen Kollegen Dr. Uwe Speier und Andreas Bitterlich führt, geht es heute los. Maykemper rechnet mit zunächst einer Ampulle, also zehn Impfdosen, die heute kommen sollen und dann von ihm und den Kollegen fürs Erste bei Hausbesuchen verimpft werden. »Wir haben gar nicht lange überlegt«, sagt der 35-Jährige, »die Nachfrage unter den Patienten war sehr groß - und bei uns die Motivation, mitzuimpfen«.

Impfstart bei Hausärzten im Kreis Gießen: Logistisch gut gewappnet

Seit etlichen Wochen diskutiert die Politik darüber, ob und wie Hausärzte die Vakzine verabreichen sollen. Nun wird das Impfen abseits von Zentren und Besuchen mobiler Teams in die Tat umgesetzt. Logistisch sieht Maykemper die Praxis gut gewappnet, »das Konzept steht«. Beispielsweise habe sich herausgestellt, dass das Vakzin von Biontech/Pfizer auch bei einer Temperatur von zwei bis sechs Grad Celsius für vier Tage gelagert werden könne. »Da reichen unsere Kühlschränke.« Die vergleichsweise große Praxis verfügt über zwei getrennte Wartezimmer, jeweils mit angeschlossenem Sprechstundenbereich. So sei das Impfen parallel zum »normalen« Tagesgeschäft gut leistbar, sagt der Mediziner. Und mit einem gut getakteten Impfbetrieb habe man ohnehin Routine - etwa durch die jährlichen Grippeimpfungen.

In Sachen Bürokratie sei dieser Schritt aber durchaus eine Herausforderung. Maykemper will bei seinen Patienten keine zu hohen Erwartungen wecken, »vieles ist noch unklar«. Vor allem die Frage, mit welchen Mengen an Impfstoff er und die Kollegen in den kommenden Wochen rechnen können. »Wir haben vor allem die Hoffnung, dass wir für unsere Patienten auch eine Zweitimpfung gewährleisten können.« In den ersten Tagen sei man auf die Lieferung des Impfzentrums angewiesen, die Daten über Impfungen können laut Maykemper über eine gesicherte Mailverbindung oder per Fax an das Zentrum geschickt werden.

Danach hofft der Lollarer auf etwas mehr Flexibilität: Ab kommender Woche sei auch eine Belieferung durch Apotheken geplant, Datenübermittlung und Abrechnungen erfolgten dann über die Kassenärztliche Vereinigung. Man rechne dann mit etwa 20 bis 50 Impfdosen pro Woche - das müsse man abwarten, so Maykemper. »Ich denke, wir als große Praxis könnten mittelfristig sicherlich 50 bis 80 Impfungen pro Woche leisten« - aber das hänge eben auch von den künftigen Liefermengen und nicht zuletzt von der Impfbereitschaft ab. Für diese ist wiederum das Vertrauen der Bevölkerung in die Vakzine ein wichtiger Faktor. Fürs Erste werde wohl vor allem die Substanz von Astra Zeneca zur Verfügung stehen, über die Apothekenlieferungen dann auch vermehrt der Impfstoff von Biontech/Pfizer.

Impfstart bei Hausärzten im Kreis Gießen: Misstrauen gegenüber Astra Zeneca

Im Fall von Astra Zeneca hatte es neulich viel Unsicherheit gegeben - auch wegen des kurzzeitigen Impfstopps aufgrund einer Überprüfung von Hirnvenenthrombose-Fällen, die vereinzelt in zeitlichem Zusammenhang mit Impfungen aufgetreten waren. »Das Misstrauen gegenüber Astra Zeneca ist meines Erachtens leider etwas zu hoch«, sagt Maykemper - gleichwohl gebe es bei Patienten in dieser Hinsicht viel Beratungsbedarf. Sein Credo: »Lieber ein Impfstoff, der Nebenwirkungen zeigt, als keiner.« Gerade bei älteren, schwer erkrankten Patienten überwiege der Nutzen einer Corona-Impfung das Risiko eines schweren Krankheitsverlaufs bei Weitem. Besonders vorsichtig werde man das Astra Zeneca-Vakzin bei jüngeren Frauen anwenden, da bei ihnen das Risiko für besagte Thrombosen offenbar relativ am höchsten sei.

Maykemper und seine Kollegen planen, nun jeweils dienstags bis freitags Impftermine zu vergeben. Wer sich schon für das Impfzentrum angemeldet habe, könne sich übrigens trotzdem beim Hausarzt auf die Warteliste setzen lassen - im Zweifel werde ein Termin abgesagt. Bisher hat Maykemper, auch aufgrund der noch geringen Menge an Vakzinen, nur einzelne Patienten auf das Impfangebot hingewiesen, etliche hätten aber schon nachgefragt. »Viele Patienten sind begeistert und sehr froh«, sagt der Landarzt.

Impfungen im Kreis Gießen: Bei Lollarer Hausarzt stehen schon 212 Patienten auf der Warteliste

Vereinzelt gebe es Patienten, die auf eine schnelle Impfung drängen. Doch gerade angesichts des noch knappen Impfstoffs sind Hausärzte strikt an die Impfverordnung und die Priorisierung nach Gruppen gebunden.

In der Regel bleibe kaum Ermessensspielraum, sagt Maykemper - doch bei zwei Patienten mit gleicher Diagnose auf dem Papier sei es ein Vorteil, die Menschen zu kennen, ihren Zustand beurteilen zu können. Es müsse aber unbedingt der Eindruck vermieden werden, dass beispielsweise privat Versicherte bevorzugt werden könnten.

»Es wird spannend«, sagt Maykemper. »Es gab die Debatte: ›Lasst endlich die Hausärzte impfen - die können das gut.‹ Jetzt müssen wir es beweisen.« Schon jetzt stehen in der Lollarer Praxis 212 Patienten auf der Impf-Warteliste. Maykemper hofft, dass sie sich nicht allzu lange gedulden müssen.

Info zum Start der Hausarztimpfungen: 28 Praxen im Kreis Gießen am Start

Laut Angaben des Landkreises haben sich 28 von insgesamt kreisweit 116 hausärztlich tätigen Praxen bereiterklärt, Corona-Impfungen anzubieten. Dafür bekommt der Kreis vom Land insgesamt 80 Vials (Ampullen mit je zehn Impfdosen) zur Verfügung gestellt. Sie werden über das Heuchelheimer Impfzentrum verteilt, das auch Spritzen und Nadeln liefert. Die ersten 20 Vials sollen am heutigen Mittwoch an die Praxen geliefert werden, die nächsten 60 dann am 7. April. (jwr)

Zu der Wichtigkeit schneller Impfungen und zu der Verunsicherung bezüglich des Astra Zeneca-Impfstoffs hat sich kürzlich auch Susanne Herold, die Leiterin der Abteilung für Infektiologie des Universitätsklinikums Gießen, geäußert.

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