Auch im Lollarer Edeka-Markt ist Toilettenpapier nun Mangelware.
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Auch im Lollarer Edeka-Markt ist Toilettenpapier nun Mangelware.

Einkaufsmärkte in der Corona-Zeit

Hamsterkäufe und neue Regeln: Wie sich der Alltag in Einkaufsmärkten verändert hat

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Die Hamsterkäufe der Vorwochen haben die Planung für Einkaufsmärkte auf den Kopf gestellt. Was ist da passiert? Und wie gehen Kunden und Betreiber mit den neuen Regeln um? Ein Besuch in einem Lollarer Markt.

Die Hamster sind offensichtlich zu Hause geblieben, zumindest geben sie sich am Dienstagvormittag im Lollarer Edeka-Markt Krenschker nicht zu erkennen: Die Mengen in den Einkaufswagen variieren, aber kein Wagen droht überzuquellen.

Das dürfte einerseits daran liegen, dass manche Produkte rationiert werden: Jeder Kunde darf nun zum Beispiel maximal zwei Päckchen Mehl und Zucker, zwölf Packungen H-Milch und eine Packung Toilettenpapier kaufen. Ziel dieser Neuerung: Möglichst wenige sollen leer ausgehen. Außerdem hat, wie Inhaberin Ute Krenschker erläutert, der große "Hype" schon letzte Woche nachgelassen. Viele hätten sich nun üppig mit Waren eingedeckt, die auch erst mal verbraucht werden wollen. (Lesen Sie auch: So reagieren Aldi Süd, Rewe und Tegut auf Hamsterkäufe)

Hamsterkäufe mit Folgen: Erdrückende Nachfrage

Die Zeit der Hamsterkäufe scheint vorerst vorüber, doch sie wirken nach. "Zurzeit haben wir nicht alles auf Lager, was wir eigentlich im Sortiment haben", sagt Krenschker. In den Großlagern konzentriere man sich erst einmal darauf zu liefern, was besonders gefragt ist. Etwa Nudeln, Mehl, Milch, Hefe, Konserven - und natürlich Toilettenpapier. "In den letzten drei Wochen wurde es immer schwieriger - wir bekamen immer irgendwas, aber nicht das, was wir wollten." Die Nachfrage war deutschlandweit schlicht zu erdrückend, um ständigen Nachschub an einigen Grundnahrungsmitteln und Hygieneartikeln zu sichern. "Jetzt wird es mit dem Warenangebot von Tag zu Tag wieder besser", sagt Krenschker. Doch Toilettenpapier ist auch hier zurzeit vergriffen (siehe Foto).

Trotz gebetsmühlenartiger Beteuerungen aus Politik und Handel, dass es keinen Anlass für Hamsterkäufe gebe, die Versorgung gesichert sei, ist mit den Coronavirus-Schutzmaßnahmen eine außergewöhnliche Dynamik in Gang geraten. Eine Krisenstimmung, die manche zum Horten von Produkten animiert hat, als gäbe es kein Morgen. Und keine anderen Menschen, die auch versorgt werden müssen.

Hamsterkäufe: Es waren immer die anderen

Wo sind die Hamster nun hin? Egal, wen man auf dem Edeka-Parkplatz nach dem eigenen Kaufverhalten in der jüngsten Vergangenheit fragt: Jeder sagt, er habe ganz normal eingekauft. So auch ein älterer Mann, der gerade ein paar Artikel im Auto verstaut: "Ich bin es von meinen Großeltern gewohnt, immer etwas Reserve zu haben", sagt er, und diese gewohnte Vorratshaltung habe er weiter praktiziert - ganz so, wie es Bundeskanzlerin Merkel in ihrer TV-Ansprache empfohlen hat. Mit seiner Rente könne er es sich ohnehin nicht leisten, allzu viel auf einmal zu kaufen, sagt der Mann, der seit 30 Jahren in Lollar lebt.

Angesichts randvoller Einkaufswagen in den Vorwochen kam bei ihm Unverständnis auf: "Einen habe ich gefragt: ›Was machst du denn mit sieben Packungen Klopapier? Gehst du jetzt jede halbe Stunde auf Toilette?‹" Tatsächlich ist die Hamster-Dynamik schwer rational zu fassen. Viele Arbeitnehmer sind nun im Homeoffice, das könnte die gestiegene Nachfrage in Privathaushalten teils erklären.

Aber eben nur zum Teil. Der Rest ist Psychologie, eine fatale Spirale des Konsums. Auf dem Parkplatz berichtet eine Kundin: "Neulich kam ein Mann mit 20 Päckchen Butter raus - das wird doch schlecht!" Ein anderer Kunde bringt es auf den Punkt: "Die Leute haben Angst, dass die Lebensmittel knapp werden - und tragen dazu bei, dass sie knapp werden."

Neue Einkaufsregeln: Kunden auf Distanz

"Die letzten Wochen waren richtig anstrengend", sagt Florian Hoff, zweiter Marktleiter im Lollarer Edeka. Nun seien die Massen an Kunden und verkauften Produkten zwar abgeebbt. Doch der Alltag im Einkaufsmarkt hat sich seit Anfang vergangener Woche abermals gewandelt: Der Landkreis hat eine Verfügung erlassen, um Kunden auf Distanz zu halten und mögliche Ansteckungen zu vermeiden. Das Personal arbeitet mit Handschuhen, die Kassiererinnen sitzen hinter Plexiglas. Inzwischen tragen auch etliche Kunden einfache Schutzmasken.

Wie aber lässt sich gewährleisten, dass im Schnitt auf 20 Quadratmetern nur ein Kunde unterwegs ist? Auch bei Edeka Krenschker musste neu gedacht werden. Nun schiebt ein junger Mann mit Handschuhen jedem, der hinein will, einen Einkaufswagen entgegen. 70 Wagen sind im Umlauf, also maximal 70 Kunden gleichzeitig beim Einkauf. Vor der Übergabe werden die Griffe der Wagen desinfiziert. Im Vorübergehen schenkt eine Seniorin dem jungen Mann ein freundliches Lächeln. "Ich finde es toll, dass Sie das machen", spricht sie ihn an, "ich hätte keine Lust dazu".

Freundlich und dankbar - so zeigten sich zurzeit viele Kunden, berichten der zweite Marktleiter und die Inhaberin. Andererseits sind ständige Nachfragen, wann es wieder Toilettenpapier gibt, für Mitarbeiter zermürbend. Außerdem hat nicht jeder Verständnis für die neuen Einkaufsregeln: Eine Kundin, die selbst in einem Markt arbeitet, berichtet von Verärgerung über die Mengenbeschränkungen: "Manche schmeißen die zweite Packung Klopapier dann einfach hin."

Hamsterkäufe mit Folgen: Lerneffekt setzt ein

Mittlerweile scheine es einen Lerneffekt bei vielen zu geben, sagt Inhaberin Krenschker. "Die Kunden kaufen gezielter ein, was sie brauchen, nehmen nicht mehr alles so wahllos mit." Einkaufsplanung ist in der Corona-Krise wichtig geworden. Denn nun müssen Kunden damit rechnen, vielleicht nicht alles zu bekommen, was auf dem Zettel steht. "Viele sind jetzt zufrieden, wenn sie überhaupt etwas kriegen und nicht 20 Artikel zur Auswahl haben", sagt Krenschker.

In den vergangenen Wochen haben sie und die insgesamt 45 Mitarbeiter des 2013 eröffneten Marktes etliche neue Gesichter gesehen. Manche hätten einige Geschäfte abgeklappert, um zum Beispiel Toilettenpapier zu bekommen, erläutert die Inhaberin. Auch über den Lieferservice, nun in Kooperation mit der Fahrschule Laux, werden viele Kunden erreicht. Bis vor zwei Wochen sei das Geschäft "wie an Ostern und Weihnachten zusammen" gelaufen. Nun sei es abgeflacht. "Ich weiß nicht, was nächste Woche passiert, da ist hoffentlich ein bisschen Ostergeschäft."

Kurzfristig bleibt eine für viele drängende Frage unbeantwortet: Auch bei Edeka Krenschker weiß man nicht genau, wann es wieder Toilettenpapier gibt. "Wir machen heute die Bestellung für Donnerstag", sagte Hoff am Dienstag. "Wir hoffen sehr, dass was kommt".

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