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Anstellen am Futtertrog.

Ausgeschnattert zu Weihnachten

Was die Gans auf der Schmelz zur Biogans macht

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450 Biogänse leben auf dem "Kronauer Hof" in Salzböden. Noch, denn auch wenn sie artgerecht gehalten werden: Spätestens zu Weihnachten haben auch sie ausgeschnattert.

Dass Gänse dumm sind, wie das Sprichwort sagt, kann Daniela Bodenbender (das Foto oben zeigt sie inmitten ihrer Herde) nicht bestätigen. Im Gegenteil: "Das sind sehr sensible Tiere." Die studierte Biologin muss es wissen, ist sie doch gewissermaßen Herrin über 450 Gänse. Seit 15 Jahren zieht sie gemeinsam mit ihrem Mann Arne in Salzböden, genauer auf der Schmelz, kleine Gänseküken groß. Ihr "Kronauer Hof" ist kreisweit der einzige Betrieb mit Biogänsen. Um den Martinstag herum, spätestens zu Weihnachten, wenn es den Menschen nach einem Gänsebraten gelüstet, hat sich’s aber auch für die biologisch-dynamischen Tiere der Zuchtlinie "Eskildsen schwer" ausgeschnattert.

2001 hatte das Paar den Betrieb von Arne Bodenbenders Eltern übernommen, auf ökologische Wirtschaftsweise umgestellt und sich dem Anbauverband Demeter angeschlossen. Rinder, Schweine und Hühner wurden abgeschafft, stattdessen spezialisierte man sich auf die Haltung von Gänsen und deren Direktvermarktung sowie auf Ackerbau. Anders, erklärt Daniela Bodenbender, ließe sich das auch gar nicht machen, gehen doch beide Eheleute noch einem Hauptberuf nach.

Morgens in Leipzig geschlüpft, abends schon auf der Schmelz

Zwar nicht so sehr wie Kühe, die täglich gemolken werden müssen, so schränkt aber auch das Geflügel die Lebensplanung ein: "Von Mai bis Dezember ist Urlaub nicht drin", sagt die Mutter dreier Jungs. Im Wonnemonat nämlich bekommt der "Kronauer Hof" tierisch Zuwachs: In diesem Jahr trafen gleich 450 Gössel, wie die Gänseküken heißen, aus einem Bioaufzuchtbetrieb nahe Leipzig ein. "Morgens geschlüpft, waren sie abends schon bei uns."

Die ersten zehn Tage verbrachten sie im Stall, denn die Küken haben einen hohen Wärmebedarf. Heizstrahler sorgen für kuschelige Temperaturen in der Kinderstube, auf den Tisch kommt ein spezielles Bio-Aufzuchtfutter. Erst nach vier bis sechs Wochen ist das vor Regen und Kälte schützende Federkleid komplett entwickelt, bis dahin dürfen die Kleinen nur stundenweise ins Freie.

Was eine Biogans neben den Haltungsvorschriften (siehe Kasten) ausmacht, ist das, was sie groß macht: "Das Futter", erklärt Bodenbender, "darf nicht gentechnisch verändert sein." Und: Ob nun das Gras auf der Weide oder das selbst angebaute Getreide, meist Hafer, aber auch Weizen oder Erbsen, nichts darf mit Dünger oder Pestiziden in Kontakt gekommen sein. Das könne, ja müsse man als zertifizierter und kontrollierter Betrieb garantieren, betont die Nebenerwerbslandwirtin.

Beim Gang auf die Weide wird rasch klar: Kein Wunder, dass diese Geflügelart nicht nur in der Antike als Wachdienst gehalten wurde. Der Herde ist dieser Besucher offenbar nicht geheuer, sogleich stimmt sie ein ohrenbetäubendes Geschnatter an.

Wie Daniela Bodenbender erzählt, wird sie selbst von den Tieren erkannt, kommen sie sogar auf ihr Rufen herbei und geben des Nachts Laut, wenn sich ein Auto ihrem Stall nähert. Zu ihrem Schutz werden sie jeden Abend dorthin gebracht. Tagsüber ist die Herde auf der eingezäunten Weide.

Langes Leben macht den guten Geschmack

Bereits mit elf, zwölf Wochen sind Gänse erwachsen, haben das Endgewicht erreicht. Auf dem Biohof in Salzböden aber werden sie erst rund um die 28. Woche geschlachtet. Im Angesicht der (noch) fröhlich schnatternde Schar muss natürlich die Frage lauten: "Schmeckt eine Biogans, um die 19,50 Euro das Kilo, wirklich besser als die Artgenossin aus dem Discounter, die es bereits ab 4,50 Euro das Kilo gibt? Und warum?" Konventionelle Importgänse seien "oft nur ein Abfallprodukt der Stopfleberproduktion", schickt Bodenbender voraus. Als Hauptgründe für den besseren Geschmack nennt sie die längere Haltung, mithin die längere Fütterung mit saftigem Gras, und das Mehr an Bewegung, was für einen höheren Muskelanteil sorgt. Bodenbender, die spätestens am zweiten Feiertag ihrer Familie einen Gänsebraten servieren will, schwärmt: "Das Brustfleisch ist so zart, es zergeht auf der Zunge."

Dass es dafür auch auf die Zubereitung ankomme, fügt sie hinzu. Im Übrigen gehe es aber auch hier um eine Frage der Einstellung, ums Tierwohl, schließlich werde die konventionelle Haltung nicht kontrolliert.

Bevor aber die Gans nach einem guten und artgerechten Leben in den Bräter kommen kann, ist der ultimative Gang zum Schlachter angesagt. Die Tiere von der Schmelz beenden ihr Dasein in Kölschhausen. Betäubt durch einen Stromschlag, sind sie kurz darauf kopflos, werden gebrüht und in einer Art "Waschmaschinentrommel" gerupft.

Am Ende muss aber doch noch ein Wort zur sprichwörtlichen Dummheit der Gans verloren werden: Eines der Tiere hatte sich erst vor zwei Tagen am Abend versteckt statt mit den anderen in den Stall zu watscheln. Schon dumm: Tags darauf lag es tot auf der Wiese, der Fuchs hatte ihm den Kopf abgebissen. (tb)

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