Fredrik Vahle in seinem Haus in Salzböden, wo er zurzeit unter anderem an neuen Liedern arbeitet. FOTO: JWR
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Fredrik Vahle in seinem Haus in Salzböden, wo er zurzeit unter anderem an neuen Liedern arbeitet. FOTO: JWR

Musiker in Corona-Zeiten

Fredrik Vahle erreicht sein Publikum trotz Corona - auch am Telefon und im Wald

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
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Wie können Musiker trotz der aktuellen Einschränkungen andere erreichen? Liedermacher Fredrik Vahle aus Salzböden hat verschiedene Kanäle gefunden - ob im Wald, im TV, am Telefon oder von seinem Balkon aus.

Es sind keine einfachen Zeiten für Musiker. Die Corona-Monate haben auch für sie drastische Auswirkungen mit sich gebracht: Lauthals singen, während sich Zuhörer im Publikum drängen - das ist übergangsweise zu einem Ding der Unmöglichkeit geworden. Kultur muss sich neue Wege suchen. Manche Kreative haben nun den virtuellen Raum neu entdeckt, bieten zum Beispiel Streaming-Konzerte für Online-Publikum an.

Auch Liedermacher Fredrik Vahle hat Wege gefunden, auf denen er Menschen nun mit seiner Musik erreicht. Unter anderem auf überaus analogen Pfaden: den Waldwegen rund um seinen Wohnort Salzböden. Bei Spaziergängen ist der 78-Jährige häufig mit Flöte unterwegs, macht den Wald im Vorübergehen zum Probenraum und Konzertsaal.

Das lässt Passanten hellhörig werden und weckt Interesse - etwa bei Kita-Gruppen auf Wanderschaft. "Manchmal oute ich mich als Fredrik Vahle, manchmal nicht", sagt er. Tut er es nicht, dann sind Verwechslungen mit anderen, den Kindern bekannten Figuren offenbar nicht ausgeschlossen. "Neulich sind Kinder stehen geblieben und haben mich mit großen Augen angeschaut", erzählt Vahle. "Die Erzieherin hat dann gesagt: ›Kinder, geht weiter, das ist nicht der Grüffelo.‹" Vahle lacht leise und schenkt an seinem hölzernen Wohnzimmertisch grünen Tee nach.

Liedermacher Fredrik Vahle: Telefon- und Balkonkonzerte

Vahle berichtet von "Telefonkonzerten", bei denen seine Musik Bekannte am anderen Ende der Leitung erreicht. Das klappt auch ohne Streaming. Zuhörer in ganz Salzböden und darüber hinaus hat er auch mit einem unmittelbaren Format auf Abstand gewonnen: Nach Beginn der Pandemie hat Vahle drei Monate lang jeden Abend kleine Konzerte auf seinem Balkon in Salzböden gegeben, häufig begleitet von anderen Musikern. Die Aktion sprach sich allmählich herum, das Interesse wuchs. Die Salzbödener hörten ihn von zu Hause. Auch in der Straße vor Vahles Haus fand sich Publikum ein, lauschte Vahles Hits, aber auch anderen Liedern in verschiedenen Sprachen.

Die Beschallung habe vielleicht nicht jedem gefallen, "aber ich habe nur einen Beschwerdebrief bekommen", berichtet er. "Ich dachte erst: Das sind Wutbürger. Aber es waren Jugendliche, die konnten mit dem italienischen Gedudel wohl nichts anfangen."

Jene, die zu den Balkonkonzerten gekommen sind, wollten Vahle musizieren hören - und in dieser veranstaltungsarmen Zeit vielleicht auch endlich generell mal wieder Musik live erleben. "Es war ein großes Bedürfnis nach Kultur da, wenn man so will nach analoger Kultur", sagt Vahle. Nach einer Pause hat er die Balkonkonzerte nun wieder aufgenommen.

Seit Pfingsten habe sich eine Zusammenarbeit mit der Salzbödener Pfarrerin Claudia Konnert ergeben: Gemeinsam wurde ein "Summ-Gottesdienst" ohne Gesang und Liturgie gestaltet, demnächst ist laut Vahle eine "musikalische Andacht" für die Kinder geplant, die eigentlich an Weihnachten beim Krippenspiel mitwirken wollten. Trotz Corona kann sich Vahle so auf verschiedenen Wegen einbringen.

Liedermacher Fredrik Vahle: Gegen den Corona-Blues

"Man könnte sagen, ich bin sehr aktiv, aber ich versuche, es in großer Ruhe anzugehen", sagt Vahle und gießt Tee nach. In seinem Wohnzimmer in Salzböden hängt ein hell scheinender Adventsstern, draußen ist sein Leuchten von Weitem zu sehen. Ob in der Musik oder abseits davon: Wichtig findet Vahle, dem Corona-Blues entgegenzuwirken - gerade jetzt, in der dunklen Jahreszeit. Es gehe darum, Kräfte für den Winter zu sammeln, "das gilt für die Gesundheit, aber ganz besonders auch für den psychischen und seelischen Bereich".

Wenngleich ihm das gut zu gelingen scheint, hat die Zeit der Pandemie auch ihn ins Grübeln gebracht, alte Erinnerungen wieder aufkeimen lassen. "Ich bin ein bisschen auf mein politisch-musikalisches Unterbewusstsein gekommen, Lieder aus früherer Zeit kommen wieder hoch", sagt er.

Vahle gerät ins Schwelgen, spricht, sehnsüchtig klingend, über alte Fahrtenlieder, die ihn einst als 15-, 16-Jährigen geprägt haben. "Wir waren begeistert von den Fahrten nach Norden, es sollte bis Lappland gehen." Vahle erzählt, wie er damals mit Freunden so lang Kapitäne genervt hat, bis sie endlich einer gen Norden mitnahm.

Liedermacher Fredrik Vahle: Drei Arten von Musikern in der Krise

Unter dem Arbeitstitel "Lebensfahrten" hat er nun ein Lied geschrieben, in dem er auch auf diese Zeit zurückblickt, Sehnsucht und Fernweh schwingen mit. Mit der Melodie von Rudi Carrells "Wann wird’s mal wieder richtig Sommer" singt Vahle: "Hallo, mein Leben, wie geht’s dir?". Auch heute noch sei "jeder Tag wie eine Reise".

Vahle hat drei Varianten ausgemacht, wie Musiker mit der aktuellen Krise umgehen: "Die Durchblicker versuchen, Phänomene zu beschreiben, bleiben aber dazu auf Distanz. Die Ankläger gucken ausschließlich auf die Einschränkungen und beschweren sich. Und die Aktivisten schauen: Was kann ich angesichts der Einschränkungen an außergewöhnlichen Dingen tun?" In welcher Gruppe sieht der Salzbödener sich selbst? Er öffnet die Augen weit, überlegt eine Weile. "Der große Ankläger bin ich nicht, eher ein nachdenklicher Aktivist."

Info: "Anne Kaffeekanne" im Duett mit Max Mutzke

Kürzlich hatte Fredrik Vahle einen TV-Termin: Im ZDF-Kinderfernsehen trat er in der Reihe "SingAlarm" auf. Das Konzept: Musiker interpretieren Lieder des jeweiligen Studiogasts neu. Heinz Rudolf Kunze (unter anderem bekannt durch "Dein ist mein ganzes Herz") versuchte sich an Vahles "Ping, Pong, Pinguin". Und gemeinsam mit Pop-Soul-Star Max Mutzke gab Vahle eine Version seines Kinderlied-Klassikers "Anne Kaffeekanne" zum Besten.

"Ich war bestimmt 15 Jahre nicht mehr im Fernsehen und hatte erst ein bisschen Angst: Was machen die mit den Liedern?", bekundet Vahle. Wer wie er mit seinen Songs bekannt wird, muss damit rechnen, diese Titel auch in anderen Interpretationen zu hören. Wie hat ihm im Fall der ZDF-Produktion das Ergebnis gefallen? "Bei Heinz Rudolf Kunze habe ich es erst nur gehört und fand es etwas kindlich-bemüht. Aber durch die visuelle Umsetzung hat es richtig aufgeholt, da war ich begeistert." Mit Mutzke scheint die Chemie ohnehin gestimmt zu haben. Die beiden wollen laut Vahle nun Kontakt halten.

Wie war das Echo auf Vahles TV-Auftritt? "Es hieß, ich hätte trotz meines Alters eine gute Figur abgegeben." Er hofft, durch solche Formate neue Gruppen mit seiner Musik zu erreichen.

Das Video ist online abrufbar: https://www.zdf.de/kinder/singalarm/anne-kaffeekanne-co-100.html. jwr

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