Fredrik Vahle in seinem Haus in Salzböden, wo er viele Instrumente immer griffbereit hat. FOTO: JWR
+
Fredrik Vahle in seinem Haus in Salzböden, wo er viele Instrumente immer griffbereit hat. FOTO: JWR

Bekannter Liedermacher

Wie Fredrik Vahle einst in Salzböden gelandet ist

  • Jonas Wissner
    vonJonas Wissner
    schließen

Seine Lieder begeistern Kinder seit Jahrzehnten, nun hat Fredrik Vahle ein Buch über die Töne seines Lebens geschrieben. Wie hat es ihn einst nach Salzböden verschlagen? Und wie können wir als Gesellschaft die aktuelle Krise überstehen? Ein entschleunigender Besuch bei Fredrik Vahle.

Fredrik Vahle schlurft enspannt in Hausschuhen über den Teppich, kaum hörbar, in sich ruhend. Er serviert Tee in einer Tasse, der Henkel hat die Form eines Schnabels. "Das ist eine Meditationstasse, da muss man den Schnabel halten", sagt der 77-Jährige und lächelt leise lachend. Durch das Fenster drängt die wärmende Frühlingssonne.

Die alarmierenden Nachrichten dieser Tage, die sich selbst im Eiltempo überholen - sie scheinen während dieses Besuchs in Salzböden Anfang der Woche weit weg zu sein. In Vahles Wohnzimmer, wo allerlei Instrumente zwischen hellem Holz stehen, herrscht eine beruhigende Stille. Vahle lebt ohne Handy, ohne Internet. "Ich bin kein dezidierter Gegner davon", aber er kommt einfach ohne aus. Dafür liest Vahle oft mehrere Tageszeitungen, um sich zu informieren.

"Am Sonntag habe ich einen Besinnungstag gemacht und keine Nachrichten geschaut", erzählt er. "Das hat sich gut ausgewirkt. Man wird oft mit Nachrichten bombardiert, die Zeit zum Verarbeiten fehlt dann." Und leider fänden schlechte Nachrichten oft mehr Aufmerksamkeit. "Wenn sich zwei Menschen auf einer Seite der Straße prügeln und am anderen Ende küssen sich zwei - die Menschen werden immer auf die Prügelnden gucken", sagt Vahle mit Bedacht und leiser Stimme.

Besuch bei Fredrik Vahle: Ein Buch mit zwei Bremsen

Kürzlich hat er wieder ein Buch veröffentlicht: In "Schräge Lieder, schöne Töne" blickt Vahle auf sein eigenes Leben zurück. Wichtig war ihm, dass das Werk keine eitle Bespiegelung der eigenen Vita wird. Er habe zwei Formen von Bremsen eingebaut, erzählt er: Die "Narzissmus- und die Verklärungsbremse". So könne man vermeiden, "dass man sich selbst ganz toll und interessant findet und dass man sein Leben schön schreibt".

Statt sich akribisch an Stationen seines Lebens entlangzuhangeln, hat er "Denkausflüge" angestellt, hält in dem Buch oftmals anhand von Tönen und Klängen Rückschau. "Im ersten Kapitel habe ich versucht, ein Sound-Panoptikum meiner Kindheit zu entwickeln." Da ist von Marschliedern zu lesen, die russische Soldaten in seiner Heimatstadt Stendal sangen, von ersten Klavierstunden beim Großvater, von kleinen Reimen und Gesängen aus Kindertagen. Die Klänge der Kindheit im Kopf abzurufen, ist kein einfaches Unterfangen. Doch für Vahle waren Töne, die ihn umgaben, stets prägende Eindrücke, die haften geblieben sind.

Die Reflexion des eigenen Lebens in Buchform habe auch zu neuen Einsichten über sich geführt, erläutert er: "Ich konnte auf bestimmte Sachen genauer schauen - etwa auf die Zeit, als ich mich mit dem falschen Freund angefreundet hatte, dem Alkohol. Da konnte ich einfach draufgucken und schreiben, ohne zu beurteilen. Das hat mir sehr geholfen."

Besuch bei Fredrik Vahle: Entschleunigung ohne Auto

Er versuche nun verstärkt, "alles langsamer zu machen". Entschleunigung könne helfen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vahle kommt ohne Auto aus. Er berichtet von einer Erfahrung auf La Gomera: "Ich habe mir gesagt: Ich laufe alles zu Fuß, im Zeitlupentempo. Ich habe dann länger gebraucht, aber doppelt so viel erlebt." Der Verzicht aufs Auto habe auch guten Kontakt zu einigen Taxifahrern im Gießener Land mit sich gebracht: "Da gibt es manchmal Sessions, bei denen wir uns gegenseitig Lieder vorsingen."

Aufgewachsen ist Vahle in Stendal, 1956 kam er mit seinen Eltern, die beide Künstler waren, nach Westdeutschland. Später verschlug es ihn nach Salzböden - und anfangs war er dort ein kritisch beäugter Fremder. "Ende der 70er sind wir als WG hier aufgetaucht", erzählt er. "Wir waren zwei Pärchen, haben uns Ringe gekauft und das Haus als Verlobte erworben - sonst hätten wir es nicht bekommen."

Ein Plakat mit Karl Marx hing, durchs Fenster gut sichtbar, an einer Wand in der WG. Das war für eine Wohngemeinschaft zu dieser Zeit nicht ungewöhnlich, in Salzböden aber ein Kuriosum. Die Aufmerksamkeit vieler Salzbödener war Vahle und seinen Mitbewohnern gewiss, wie er berichtet. "Da sei däi vom Mao", habe es damals im Dorf geheißen.

Doch es blieb nicht beim skeptischen Blick von außen: "Die SPD-Ortsgruppe hat sich dann bei uns eingeladen zu einem Gespräch über das Thema ›theoretischer und praktischer Sozialismus‹. Die wollten diskutieren." Es wurde eine sehr lange Diskussion, verdeutlicht Vahle: "Daraus hat sich ein Gesprächskreis entwickelt, der jahrzehntelang Bestand hatte. Sonntagabends wurde gemeinsam debattiert und gesungen."

Besuch bei Fredrik Vahle: Vom Fremden zum "Fritz"

Gespräche mit und Interesse an den jeweils anderen - so können Vorurteile abgebaut, gedankliche Grenzen überwunden werden. Aus dem fremden Herrn Vahle ist in Salzböden längst der "Fritz" geworden. Kein Vereinsmeier, aber einer, den viele kennen und schätzen. Beispielsweise treffe er Salzbödener bei den "Stollberg-Runden", wo über alte Zeiten und lokale Traditionen gesprochen wird. Auch aus wissenschaftlicher Sicht hat der promovierte und habilitierte Linguist sich seines Wohnorts angenommen: "Ich habe für meine Doktorarbeit rund 60 Interviews im Dorf geführt." Bis heute lehrt Vahle, der auch Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande und Ehrenbürger der Stadt Lollar ist, an der Universität in Gießen.

Trotz aller Gespräche: Für die Mitarbeit in der SPD konnten die Salzbödener Genossen Vahle nicht gewinnen. Er war einst Mitglied im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, aber nie in der aktiven Politik - im Gegensatz zu seiner musikalischen Partnerin Dietlind Grabe-Bolz. Seit Langem sind Vahle und die Gießener Oberbürgermeisterin ein eingespieltes Duo, haben mit Liedern wie "Anne Kaffeekanne" Generationen von Kindern begeistert. Vahles jüngste CD soll demnächst in den Handel kommen. Titel: "Lilo Lausch liebt leise Lieder"

Vahle sieht eine Lebensaufgabe darin, "zwischen Kunst und Politik zu vermitteln". Er habe sich stets als links verstanden. Sich etwa gegen Krieg und Umweltzerstörung starkzumachen, sei wichtig. Und viele Themen, die er schon in jungen Jahren verarbeitet hat, sind noch immer aktuell: "Probleme, von denen wir vor 20 Jahren dachten, sie seien verschwunden, gibt es immer noch - Arbeitslosigkeit, Mieter-Probleme, soziale Ungleichheit zum Beispiel."

Besuch bei Fredrik Vahle: Themen bleiben aktuell

Es sind Themen, die auch seine ganz jungen Hörer wohl über Jahrzehnte begleiten werden. "Kinder sind ein sehr lebendiges Publikum, sie drücken sofort aus, wie etwas auf sie wirkt." Und Vahle, der selbst keine Kinder hat, weiß, wie er bei Kindern Neugier wecken kann. Zum Beispiel mit Klangschalen, die er bei Konzerten klingeln lässt und seine Hörer dabei zum Lauschen und Staunen animiert.

Ob sein Publikum, wenn es selbst einmal alt ist, auch noch so viele Klänge aus der Kindheit abrufen kann wie er selbst? Vahle ist da eher skeptisch: "Ich habe das Gefühl, dass Kinder heute so viel um die Ohren haben, dass die Frage ist, ob da prägnante Erinnerungen zurückbleiben."

Er jedenfalls hat noch immer genügend Klänge parat, die in den Sound der Kindheit anderer einfließen können. Viele Ideen kommen ihm im Gehen, erzählt er, bei Waldspaziergängen hat er oft eine Flöte dabei. "Grundsätzlich bin ich morgens am kreativsten - wenn man noch halb verschlafen ist und fähig zu weitgehenden Assoziationen."

Natürlich betrifft das beherrschende Thema dieser Tage auch Vahle: Auftritte und Kongresse, die er spielen und bei denen er mitwirken wollte, fallen aus, viele in seiner Branche müssen zurzeit ohne Einkünfte auskommen.

Für Freunde hat Vahle ein paar aufmunternde Zeilen verfasst: "Man muss sich ja nicht gleich vor Nächstenliebe ablecken", doch es brauche nun Austausch und Freundlichkeit. "Innere Kraftquellen, Güte und Besinnung sind absolut notwendig", schreibt Vahle. Es gelte, "körperliche und geistige Immunkräfte" zu stärken. Ein guter Rat in einer schwierigen Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare