"Ein wildfremder Mann in der Küche"

  • vonLena Karber
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Lollar(lkl). Man soll in diesen Tagen Kontakte vermeiden, wo es geht - insbesondere, wenn man zu einer Risikogruppe gehört. Umso erstaunter waren die Töchter einer 92-Jährigen als sie durch ein zufälliges Telefonat darauf aufmerksam wurden, dass ihre Mutter nicht alleine in ihrer Wohnung war. Als eine von ihnen zum Haus der Seniorin fuhr, um nachzusehen, traf sie auf einen fremden Mann.

Dieser sagte, er führe im Auftrag eines Umfrageinstituts ein Interview. Nach Aussagen der Tochter verweigerte der Mann es, die gestellten Fragen und seinen Ausweis zu zeigen - und wurde daraufhin von ihr des Hauses verwiesen.

Auf Nachfrage dieser Zeitung hat das Meinungsforschungsinstitut bestätigt, dass es sich bei dem Mann tatsächlich um einen Mitarbeiter gehandelt habe und damit die Vermutung, dass es sich um eine Betrugsmasche gehandelt habe, vom Tisch gewischt. Man habe auch mit dem Mitarbeiter gesprochen, dieser habe jedoch beteuert, der Seniorin seinen Ausweis vorgezeigt zu haben, teilte das Unternehmen mit - nicht der einzige Punkt, wo die Darstellung der Tochter und die Aussagen des Unternehmens auseinandergehen.

Dass trotz der Corona-Pandemie weiterhin Interviews geführt werden, begründete das Umfrageinstitut damit, dass es wichtig sei, "auch in Krisenzeiten ein Stimmungsbild zu haben".

Bei Interviews im Bereich der Media-Forschung, wie im Fall der 92-Jährigen aus Odenhausen, sei dabei ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht notwendig, um das Ergebnis nicht zu verfälschen. "Bei solchen Umfragen wird mit Vorlagen gearbeitet und es werden die Logos der Medien gezeigt", erklärte ein Generalbevollmächtigter des Unternehmens. "Würde man das telefonisch machen, würden die Leute die Titel durcheinanderbringen."

Für die Tochter der 92-Jährigen ist dies nicht nachzuvollziehen. "Meine Mutter hat beginnende Altersdemenz, was wollen die denn da für eine Umfrage machen?", fragt sie. "Ich finde das unmöglich. Überall wird gesagt, die ältere Bevölkerung soll geschützt werden. Und dann sitzt da ein wildfremder Mann bei meiner Mutter in der Küche."

Den Umstand, dass ausgerechnet die 92-Jährige zu dem unverhofften Besuch kam, begründet der Generalbevollmächtigte damit, dass die Auswahl der Umfrageteilnehmer durch ein mathematisches Zufallsverfahren getroffen werde. "Corona hin oder her", sagt der Meinungsforscher. "Es handelt sich um eine berufliche Tätigkeit und ist weiter erlaubt. Unsere Interviewer sind geschult und angewiesen, alle Abstands- und Verhaltungsregeln zu beachten."

Auch dem widerspricht die Tochter der 92-Jährigen jedoch: "Ich weiß nicht, wie lange dieser Mann da war", sagt sie aufgebracht. "Und von Mindestabstand war da nichts zu sehen."

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