Der Balkon ist das Herzstück der weihnachtlichen Dekoration von Inge und Werner Klein aus Lollar. 	FOTO: LKL
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Der Balkon ist das Herzstück der weihnachtlichen Dekoration von Inge und Werner Klein aus Lollar. FOTO: LKL

Über 200 Deko-Objekte

Lollar: Ehepaar Klein feiert Weihnachten ohne Familie - Dafür mit 200 Deko-Objekten

  • vonLena Karber
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Inge und Werner Klein aus Lollar feiern in diesem Jahr ohne ihre vier Kinder, sechs Enkel und sechs Urenkel. Doch statt mit der Situation zu hadern, erfreuen sie sich an ihrer Weihnachtsdekoration.

  • Inge und Werner Klein aus Lollar im Kreis Gießen feiern Weihnachten dieses Jahr ohne ihre Familie.
  • Freude empfinden sie trotzdem an ihrer Weihnachtsdeko, die über 200 gesammelte Objekte umfasst.
  • Nach fast 63 Jahren Ehe blicken beide auf ein bewegtes Leben zurück.

Lollar - Auf dem Balkon leuchtet es festlich. Ein geschmückter Weihnachtsbaum steht auf dem Tisch, umgeben von kleinen Häuschen, aus deren Fenstern warmes Licht nach außen dringt. Tannenzweige, die von Kugeln und Zierkürbissen gespickt sind, schmücken das Geländer. Und in der Ecke steht der ganze Stolz von Inge Klein: Ihr weihnachtlich geschmückter Brunnen. »Ich brauche kein tolles Essen oder große Geschenke«, sagt die 80-Jährige und blickt sich lächelnd um. »Das ist mein Weihnachten

Lollar: Die Kleins feiern ohne ihre Familie

Normalerweise ist in der Wohnung von Inge und Werner Klein in Lollar an den Feiertagen einiges los. Schließlich hat das Ehepaar, das seit fast 63 Jahren verheiratet ist, vier Kinder, sechs Enkel und sechs Urenkel. Der Sohn der beiden wohnt in der Schweiz, die Töchter in der Nähe von München und Bonn sowie in Fritzlar. Kommen die normalerweise alle an Heiligabend? »Nein, die passen gar nicht alle in die Wohnung«, sagt Inge Klein und zeigt in Richtung der kleinen Küche. »Die kommen an den Feiertagen - abwechselnd«, erklärt sie.

In diesem Jahr ist das anders: Der Besuch bleibt aus - und zwar komplett. Denn die Kleins feiern, wie so viele Leute hierzulande, in diesem Jahr Weihnachten ohne ihre Familie. Das haben sie frühzeitig entschieden, weil sie wussten, dass die Pandemie nicht so schnell vorbei sein würde. Inge Klein zuckt mit den Schultern. »Das eine Jahr geht doch vorbei«, sagt die 80-Jährige.

Weihnachtsdeko: Über 200 Objekte inspiriert vom Erzgebirge

Jammern, das spürt man, liegt den beiden fern. Stattdessen haben sie, wie jedes Jahr, zum ersten Advent ihre Weihnachtsdekoration aufgebaut. »Ich weiß es nicht genau, aber es dürften über 200 Einzelteile sein«, sagt Inge Klein, die gemeinsam mit ihrem Mann eine Woche lang mit dem Aufbau beschäftigt war. Rund um das Haus und selbst im Hausflur haben die beiden festlich dekoriert- sehr zur Freude der Nachbarn, wie Inge Klein stolz erzählt. Doch das Herzstück des Ganzen ist der geschmückte Balkon, der direkt an das Wohnzimmer grenzt, so dass das Ehepaar ihn vom Sofa aus sehen kann.

»Inspiriert wurden wir vom Erzgebirge«, verrät Werner Klein, der gebürtig aus Treis stammt. Eine organisierte Lichtertour mit dem Bus war es, die in den beiden die Begeisterung für Weihnachtsdekoration und Kunsthandwerk geweckt hat. In den 30 Jahren, die die Kleins seitdem immer wieder ins Erzgebirge gefahren sind, haben sie einiges mitgebracht: Fertige Deko-Objekte, aber auch Material, um selbst welche zu machen. »Das hat man da immer viel günstiger bekommen als hier«, sagt der 84-Jährige.

Kreis Gießen: Ehepaar Klein hatte mehrere Jobs

Geld zuhauf hatte das Ehepaar nie. Werner Klein, ein gelernter Feinoptiker, war die meiste Zeit für die Bundeswehr tätig - allerdings zunächst für ziemlich wenig Geld, wie er sagt. Erst mit Willy Brandt als Kanzler habe sich das geändert. Als das Bundeswehrkrankenhaus in Gießen 1997 schloss, konnte er Dank Zusatzversorgung in den Ruhestand gehen. Seine Frau, eine gelernte Verkäuferin, hatte keine Festanstellung, half in jungen Jahren, als das Paar noch in Ruttershausen wohnte, bei der Kartoffelernte, um Milch für die Kinder zu verdienen. Als die Familie 1965 nach Gießen zog, nahm sie unter anderem verschiedene Putz-Jobs an und arbeitete gemeinsam mit ihrem Mann in der Kunsthalle. »Wir hatten oft mehrere Jobs«, sagt Inge Klein. Ihr Mann nickt.

Lollar: Liebe zum Selbstgemachten überall in Wohnung zu sehen

Seit 2011 wohnt das Paar in Lollar in einer Wohnung der Baugenossenschaft. »Seitdem sind die Mietkosten kein einziges Mal erhöht worden«, sagt Werner Klein. Und seine Frau freut sich, dass sie dort - anders als in Gießen - nach Herzenslust dekorieren darf.

In der Wohnung des Ehepaars ist die Liebe zum Handwerk und zum Selbstgemachten überall zu spüren. Neben einigen Andenken an ihre Zeit in der Kunsthalle - Geschenke von Künstlern, die dort ausgestellt haben - sind es vor allem eigene Arbeiten, die die Wohnung prägen: Feine Holzsägearbeiten von ihm und aufwendige Stickereien von ihr. Inge Klein holt ein kleines gerahmtes Bild mit einem gestickten Nikolaus hervor. Der Aufwand: etwa 250 Arbeitsstunden.

Lollar: Ehepaar Klein wünscht sich Gesundheit

In diesem ungewöhnlichen Jahr ist die Dekoration so ziemlich das einzige, was bei den Kleins an Weihnachten so sein wird wie sonst. Dass sie auch auf den Kirchenbesuch verzichten wollen, haben die beiden schon entschieden, als noch nicht klar war, ob und wie dieser an Heiligabend möglich sein wird. »Ich würde es als ungerecht empfinden, wenn ich dahin gehe und Leuten den Platz wegnehme, die das ganze Jahr über hingehen«, sagt Inge Klein. »Da sollte man auch mal verzichten können, das ist auch ein Stückchen Nächstenliebe.«

Besondere Pläne hat das Ehepaar für Weihnachten nicht gemacht. Auch nicht für’s Essen? »Es gibt auf jeden Fall keine Würstchen!«, ruft Werner Klein und lacht. »Vielleicht Fondue« sagt seine Frau. »Da sitzt man gemütlich zusammen.«

Selbst Geschenke sind bei den Kleins kein großes Thema. Klar, die Urenkel und die Enkel, die noch nicht volljährig sind, bekommen etwas. Das organisieren die Eltern. Aber gegenseitig schenkt sich das Ehepaar nichts. »Wir sind wunschlos glücklich«, sagt Werner Klein und lacht. Seine Frau pflichtet ihm bei. »Ich wünsche mir noch ein paar Jahre, in denen wir so gesund sind wie jetzt«, sagt sie.

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