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Schornsteinfeger unter sich: Meist treffen sich die Kollegen in zivil, dieser Termin vor ein paar Jahren ist eher die Ausnahme. Foto: privat

In Bollnbach

Darum treffen sich die Schornsteinfeger ausgerechnet an jedem Freitag, dem 13.

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Schornsteinfeger bringen angeblich Glück, ein Freitag, der 13., dagegen Pech. Doch in Bollnbach trotzt man dem Aberglauben seit gut sieben Jahren.

Schornsteinfeger sind zwar viel unterwegs, aber selten gemeinsam mit Kollegen. Ausgerechnet an jedem Freitag, dem 13., bietet ein Kollege aus dem Kreis Gießen ihnen Gelegenheit, sich in lockerem Rahmen auszutauschen: Seit 2012 veranstaltet Dominik Graulich aus Reiskirchen-Bollnbach an jedem dieser angeblich Unglück bringenden Freitage - also ein- bis dreimal im Jahr und heute erneut - ein Schornsteinfeger-Treffen bei sich zu Hause

Die regelmäßigen Zusammenkünfte sind bei seinen Berufsgenossen offenbar beliebt: Einmal seien etwa 50 Kollegen dabei gewesen, in der Regel immerhin gut 20, erzählt Graulich. Die Gäste kommen größtenteils aus Mittelhessen, teils aber auch von weiter her, etwa aus dem Saarland. "Ursprünglich war es als Treffen der Berufsschulkollegen gedacht", sagt Graulich, "wir waren damals gerade fertig".

Tradition seit sieben Jahren

In Hessen gebe es nur in Bebra eine Berufsschule für Schornsteinfeger. Damit der Kontakt mit dem Lehrjahrgang nicht abreißt, ergriff Graulich 2012 die Initiative. "Da stand gerade Freitag, der 13., vor der Tür. Das habe ich als Arbeitstitel genommen - ein bisschen Spaß soll ja dabei sein." Dass er damit eine kleine Tradition begründen würde, die immerhin schon sieben Jahre überdauert, konnte er damals noch nicht wissen.

Die Kollegen fanden Gefallen und kamen wieder. So räumt der 33-Jährige mittlerweile vor jedem Freitag, dem 13., einen Teil seiner Scheune frei, um andere Schornsteinfeger zu beherbergen. Natürlich werde dann auch mal gefachsimpelt, "aber es ist immer ein lockeres Treffen, da lege ich Wert drauf". Auch in diesem Beruf merke man, "dass das Zusammengehörigkeitsgefühl zurückgeht", sagt Graulich. Dagegen will er mit den Schornsteinfeger-Treffen etwas tun.

Kleiner Wettbewerb

Fester Bestandteil ist stets auch ein kleiner Wettbewerb, den er sich ausgedacht hat: Mit klassischem Berufswerkzeug messen sich die Kollegen in drei Disziplinen. Beim "Zielwerfen" zücken sie die Metallkugel an einem langen Seil und befördern sie möglichst zielgenau in ein paar Meter Entfernung. Die weiteren Herausforderungen: Mit dem gebogenen Kehreisen, das Schornsteinfeger klassischerweise als Universalwerkzeug über der Schulter tragen, müssen die Teilnehmer mit möglichst wenigen Schlägen einen Nagel ins Holz treiben. Abschließend gilt es, eine Holzleiter möglichst lange in der Waage zu halten.

Für Essen und Getränke legen die Kollegen zusammen. Wenn etwas übrig bleibe, werde gespendet - etwa an die Deutsche Knochenmarkstiftung oder das Projekt "StartKlar" der Gießener Uniklinik zur Betreuung von Frühgeborenen. Insgesamt seien schon gut 3000 Euro an Spenden zusammengekommen.

Von wegen Klischee

Schornsteinfeger ist ein traditionsreicher Beruf. Doch von dem klischeehaften Bild eines rußverschmierten Mannes mit schwarzer Kluft, Zylinder und einer Kugel am Seil überm Arm, der im Dorf von Haus zu Haus zieht, ist der Berufsalltag von Dominik Graulich ein gutes Stück entfernt. "Mit Tradition hat mein Job nicht mehr viel zu tun", sagt er, Graulich wohnt in seiner Heimat Bollnbach, einem Dorf mit rund 70 Einwohnern, sein Kehrbezirk ist in Bad Homburg. Zwei bis drei Tage pro Woche sei er mit Büroarbeit beschäftigt, den Rest der Zeit im Bezirk unterwegs. Neben dem Kehren von Kaminen gehört seit Jahrzehnten auch die Überprüfung von Heizungsanlagen zum Berufsprofil. Da ist die klassische Kleidung teils eher hinderlich: Schwarzer, dicker Stoff mit zugebundenen Ärmeln als Schutz gegen den Ruß - "gerade im Sommer brauche ich das nicht. Die klassische Berufskleidung trage ich eigentlich nur noch bei Spendenübergaben".

Zu seinem heutigen Beruf ist Graulich über Umwege gekommen, der Zufall hat mitgespielt: "Vorher habe ich als Dekorateur bei Karstadt gelernt, aber dann gab es einen Einstellungsstopp", blickt er zurück. "Ich wollte gern hier bleiben", doch mit diesem Beruf sei die Jobsuche schwierig gewesen. "Ich habe mich zwei Jahre über Wasser gehalten, bin als Wachmann im Neustädter Tor Streife gelaufen. Dann habe ich in der Küche gearbeitet, das war auch nicht das Richtige." Schließlich habe er sich mit zwei Schornsteinfegern aus dem Freundeskreis unterhalten, "und die haben gesagt: ›Mach das, das ist ein cooler Job.‹" Graulich schrieb 36 Bewerbungen, bekam eine Zusage und begann die Ausbildung in einem Marburger Betrieb. Nach der Lehre setzte er den Meister drauf, machte sich selbstständig und hat nun seinen eigenen Kehrbezirk.

Noch immer ein vermeintlicher Glücksbringer

Spielt im Kontakt mit Kunden der Schornsteinfeger als vermeintlicher Glücksbringer heute noch eine Rolle? "Das hat man schon immer noch", sagt der Bollnbacher. Es komme durchaus vor, dass jemand sich "eine schwarze Nase holen oder die goldenen Knöpfe anfassen will" - beides steht im Ruf, Glück zu bringen. Ein Kunde habe ihn häufiger gefragt, ob er einen seiner Knöpfe haben könne. "Ich habe dann eine Packung Ersatzknöpfe gekauft und ihm mitgebracht. Seitdem habe ich dort immer einen Kaffee bekommen", erinnert sich Graulich und lächelt.

Einen anderen Wunsch hat er dagegen nicht erfüllt: "Einer hat mal gefragt, ob er mich anspucken kann, das würde auch Glück bringen. Ich habe gesagt: ›Kannst du machen - aber es wird dir sicher kein Glück bringen.‹" Für ihn sei Aberglaube ohnehin kein Thema. "Ich gehe auch unter Leitern durch." Notfalls auch an Freitag, dem 13.

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