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Christopher Kloeble begeistert mit seinem Vortrag zu seinem Buch »Das Museum der Welt« in der Mediothek der Clemens-Brentano-Europaschule.

Autor als »Kulissenschieber«

  • VonVolker Heller
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Lollar (vh). Anderthalb Jahre lag die Mediothek der Clemens-Brentano-Europaschule (CBES) im Corona-Dornröschenschlaf. Dann kam Christopher Kloeble, gebürtig in Oberbayern, wohnhaft in Berlin und Delhi (Indien), und eröffnete mit der Lesung seines Romans »Das Museum der Welt« die Reihe abendlicher Kleinkunst-Termine in der Mediothek. Er setzte einen intellektuellen Paukenschlag so laut, symbolisch betrachtet, dass man vermutlich lange daran zurück denken wird.

Drei Anläufe waren pandemiebedingt notwendig, dann erst konnte der Termin stattfinden. Die Beharrlichkeit des Mediothek-Teams hatte sich indes gelohnt.

Fiktion, aber nah an den Fakten

Schulleiter Andrej Keller stellte den Gast vor. Der habe als Kind Schauspieler werden wollen, fürchtete aber das Publikum. Damit war sogleich klar gestellt, Kloeble wird wohl kein Schubladenmensch sein. Autorenlesungen sind im allgemeinen eine zwiespältige Sache, denn selten gibt ein Schreiber auch den gleichwertigen Erzähler. Kloeble zählt zu den Ausnahmeerscheinungen. Es verwundert kaum, wenn er zwischen den Büchern Gastprofessuren annimmt, gerne in den USA. Der Mann durchdringt die Dinge und bedauert sich selber, dass er nicht alles davon in einem Buch unterbringen kann. Sein nunmehr sechstes Buch ist der vierte Roman.

Es sollte ja kein Sachbuch werden, sagte Kloeble. Er verbaut darin einen historischen Stoff, versetzt die Leser nach Indien ab dem Jahr 1854, natürlich fiktionalisierend, aber dennoch nahe an den Fakten, spinnt drumherum eine Abenteuergeschichte. Zu gleichen Teilen bewusst und unbewusst lenkt er den Blick auf das Land mit seiner riesigen Fläche und Bevölkerung, das, aus europäischer Sichtweise betrachtet, irgendwo am Rande der Welt liegen mag - geografisch und gesellschaftspolitisch.

Durch seine indische Ehefrau konnte Kloeble eine andere Perspektive einnehmen. Das Ehepaar und seine zwei Kinder leben übers Jahr teils in Berlin und Delhi. Da wohl nicht jeder eine Einheimische heiraten könne, um das Land besser kennen zu lernen (da hat er recht), versucht sich Kloeble als Kulissenschieber. Das alte Bild weicht Erkenntnissen, die man im Schulunterricht kaum gelernt hatte. Oder auf welchem Lehrplan steht schon Indien, sinniert Kloeble.

Seine Geschichte beginnt in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts. Im Norden hat es gerade einen Aufstand gegen die East India Company, Wegbereiter des englischen Kolonialismus, gegeben.

Auf Empfehlung Alexander von Humboldts und im Auftrag der Company unternahmen die Münchner Brüder Robert, Hermann und Prof. Adolf Schlagintweit eine mehrjährige Forschungsreise nach Indien und Zentralasien. Ihnen zur Seite als Übersetzer stellt der Autor den jungen Bartholomäus, aufgewachsen in einem christlichen Waisenhaus in Bombay.

Kloeble trug Passagen seines Buches vor. Was er darüber hinaus zu erzählen hatte, es strömte nur so aus ihm heraus, über das Herrschaftsgebaren westlicher Denkweisen und ihre Auswirkungen am Beispiel Indien, war eine Offenbarung.

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