Alltagsrassismus im Gießener Land im Fokus

Gießen/Lollar (khn). Die Organisatoren der Fachtagung "Rechte Einstellungen und rechte Strukturen im Landkreis Gießen" können zufrieden sein. 150 Teilnehmer waren der Einladung des Jugendbildungswerks des Landkreises gefolgt und am Mittwoch ins Lollarer Bürgerhaus gekommen.

Projekte gegen Rechtsextremismus und Menschenfeindlichkeit anstoßen, lokale Akteure vernetzen, die Beteiligten auf den aktuellen Stand bringen – das war das Ziel der Veranstaltung. Dr. Reiner Becker vom Beratungsnetzwerk Hessen – Kooperationspartner des Jugendbildungswerkes – sieht vor allem in der Bandbreite der Teilnehmer "ein starkes Signal". Denn neben Sozialarbeitern und -pädagogen waren Bürgermeister mehrerer Landkreis-Kommunen, Schulleiter, Lehrer und Verwaltungsmitarbeiter und Vertreter kommunaler Gremien anwesend.

Becker hat nicht zum ersten Mal an einer solchen Tagung teilgenommen. Er ist sozusagen ein alter Hase, was das Thema angeht, und weiß, wovon er spricht. Doch die Veranstaltung im Lollarer Bürgerhaus hat es ihm angetan. "Richtig stark" sei die gewesen, sagt er im Gespräch mit dieser Zeitung. "Es zeugt davon, dass das Thema weiterhin viele Menschen beschäftigt." Spannend sei, wie es nach den Vorträgen und Workshops weitergehen werde. Drei Punkte sieht Becker in der nahen Zukunft ganz oben auf der Agenda. An erster Stelle steht für ihn die Kontinuität in der Jugendarbeit. Angesichts der befristeten Stellen in diesem Bereich sei dieser Punkt aber eine Frage der (finanziellen) Ressourcen.

Den zweiten Punkt hatte schon der Erste Kreisbeigeordnete Dirk Oßwald im Rahmen der Fachtagung angesprochen. Die Strukturen und Aktivitäten der extremen rechten Szene sollen regelmäßig dokumentiert werden. Immerhin liegen zwischen der Studie aus dem Jahr 2002, die sich mit neonazistischen Jugendcliquen im Nordkreis beschäftigt hat, und der neuen Studie von Wiebke Dierkes zehn Jahre. Dieses Versäumnis will der Landkreis nicht wiederholen. Monitoring heißt das Zauberwort. Becker sagt, dass hier eine Kooperation mit dem Beratungsnetzwerk Hessen möglich sei. Leicht umsetzbar – und günstig zu haben – sei eine selbstkritische Betrachtung der Angebotspalette der Jugendarbeit im Landkreis. Becker: "Gibt es zum Beispiel Hemmnisse für die Arbeit mit rechtsextremen Jugendlichen?"

Wiebke Dierkes hatte als Jugendbildungsreferentin des Landkreises die Dokumentation mit Hilfe des Beratungsnetzwerkes und der Universität Gießen erstellt. Ihre Nachfolgerin ist Johanna Faßnacht. Auch sie zeigt sich am Tag danach zufrieden mit der Fachtagung. "Die Veranstaltung hat sich sehr gelohnt", sagt sie, "auch wenn erschreckende Ergebnisse geliefert worden sind". Eine Studie der Uni Bielefeld, die am Mittwoch vorgestellt worden ist, zeigt hohe Zustimmungswerte für Fremdenfeindlichkeit und eine massive Abwertung von Langzeitarbeitslosen und Obdachlosen im Gießener Land.

Faßnacht hatte einen Workshop geleitet, der sich mit der präventiven pädagogischen Arbeit gegen Rechtsextremismus beschäftigte. Am Ende habe es eine ganze Reihe konkreter Ideen gegeben. So könnten Projekttage geplant werden. Ein klassischer Ort dafür wäre die Schule. "Klassen könnten sich mit rechten Lebenswelten auseinandersetzen", sagt Faßnacht, "aber sich auch fragen, wie wir in Zukunft zusammenleben wollen.

" Wie soll Demokratie und Integration gelebt werden? Welche positiven Leitbilder gibt es, um rechtem Gedankengut entschlossen entgegenzutreten? "Dabei sollte Courage im Mittelpunkt stehen", sagt die Jugendbildungsreferentin.

Faßnacht betont, die Präventionsarbeit müsse in Zukunft weitergefasst werden – nicht nur für Schüler, sondern auch Lehrer, Eltern und Multiplikatoren in der Kommune. "Es geht nicht nur um Rechtsextremismus, sondern auch darum, Alltagsrassismus gesamtgesellschaftlich zu betrachten."

Einsehbar sind alle im Rahmen der Fachtagung vorgestellten Studien und Ergebnisse auf der Internetseite der Jugendförderung des Landkreises Gießen unter der Adresse: www.lkgi-jugendfoerderung.de/gegen-rechts/articles/fachtagung-rechte-einstellungen-und-rechte-strukturen-im-landkreis-giessen.html.

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